Alexander Schimmelbusch Oh, ihr traurigen Gatsbys
Alexander Schimmelbusch gewann jüngst den Preis der Independent-Verlage. Sein gelungenes Buch "Blut im Wasser" gibt dem Upperclass-Roman die Magie zurück. Von Inge Kutter
Seit Christian Kracht durch sein perfides Spiel mit der Statussymbolik das Milieu des American Psycho für die deutsche Popliteratur erschloss, haben sich so einige junge Schriftsteller daran abgearbeitet. Bei Nachahmern wie Pippin Wigglesworth und Henning Kober zeigte sich allerdings vor allem, dass sich ein guter Plot nicht allein mit dem Wissen bestreiten lässt, wie welcher Nobelschuppen von innen aussieht: Wortgewaltig führten sie die Leser in ihr Reich, um sie dort dann etwas ratlos vor den blinkenden Scherben stehen zu lassen. Weshalb es auch keine Schande ist, noch nichts von ihnen gehört zu haben.

Ähnlich war es mit Alexander Schimmelbuschs Debüt Im Sinkflug, das vor drei Jahren im Wiener Luftschacht-Verlag erschien. Die an den American Psycho Patrick Bateman erinnernde Hasstirade eines Investmentbankers pulsierte zwar vor Aggressivität, erschöpfte sich jedoch in Zustandsbeschreibungen, die lediglich einen gewissen Voyeurismus befriedigten. Aber Schimmelbusch – selbst fünf Jahre lang Investmentbanker – hat sich weiterentwickelt.
Sein neuer Roman Blut im Wasser, der auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Publikumspreis der Independent-Verlage ausgezeichnet wurde, schildert die traurige Existenz zweier reicher deutscher Erben an der amerikanischen Ostküste. Mit Anfang 30 haben Pia und Alex keine Eltern mehr, dafür ein paar protzige Anwesen und bis an ihr Lebensende ausgesorgt. Als Industriellenkinder in Frankfurt waren sie ein Liebespaar, mit dem Studium in den USA haben sie sich aus den Augen verloren. Während Alex die Leere seiner Tage mit Alkohol und wechselnden Sexualkontakten füllt, hat Pia gerade erfahren, dass sie sterbenskrank ist. Sie macht sich auf den Weg zu ihm – dem einzigen Menschen, der ihr geblieben zu sein scheint.
Zwei von Anfang an verlorene Seelen. Alex taumelt durch die Vanitas-Welt der Reichen und Schönen; er verspürt ein leichtes Ungenügen seines Daseins zwischen frisch gefangenem Hummer und kühlem Chardonnay, aber es ist nicht stark genug, als dass er irgendetwas ändern würde. In seiner luxuriösen Lethargie ist er gewissermaßen ein Post-Patrick-Bateman; selbst für einen Selbstmord wäre er zu feige.
Pia hingegen wird mit der Erfahrung der Endlichkeit die Leere ihres vergoldeten Daseins bewusst. Hat sie sich in der Röntgenröhre noch ganz standesgemäß auf ein "ruhiges Lunch im Cipriani" gefreut, fängt sie mit dem Untersuchungsergebnis an, sich nach mehr zu sehnen: nach einer tiefen Beziehung, wie sie sie mit Alex gehabt zu haben glaubt. Sie träumt sich zurück in die reine Welt der kindlichen Liebe, zu ewigen Schwüren unter Gartenparty-Tischen.
Aus dem Gegensatz der Monologe von Pia und Alex entsteht eine Spannung, die umso intensiver wird, je weiter die beiden ehemaligen Gefährten auseinanderdriften. Bis zur letzten Seite wartet man darauf, dass Alex sich mit Pia beschäftigt, aber er antwortet immer nur auf ihre Stichwörter. Denkt sie an ihr erstes Mal mit ihm, denkt er an den unverbindlichen Blowjob der vergangenen Nacht; denkt sie an ihren Schwangerschaftsabbruch, denkt er an eine andere Mutter, die er zur Abtreibung zwang.
Aber nicht allein Alex' Gleichgültigkeit wird durch Pias Sinnsuche vorgeführt – Pias Beziehungsideal wird gleichzeitig haltlos, da Alex seiner Jugendliebe überhaupt keine Bedeutung beimisst. Dass Pias Träume vom gemeinsamen Altern hinfällig sind, liegt nicht nur an ihrer eigenen Krankheit, sondern an der einer ganzen Gesellschaftsschicht. Egoismus und Arroganz haben sich in sie hineingefressen.
Und auf einmal wird die Erinnerung an einen alten Upperclass-Roman wach: an den Großen Gatsby, der mit neuem Reichtum seine vergangene Liebe Daisy zurückholen will, die sich längst in dieser Oberflächlichkeit eingerichtet hat. "Can’t repeat the past? Why of course you can!", klingt sein Echo in Pia fort. Durch seine dichte Motivik hat Alexander Schimmelbusch dem Genre die Magie des Erzählens zurückgegeben. Nur blinken bei ihm schon lange keine Lichter der Hoffnung mehr am Horizont.
- Datum 31.10.2009 - 19:29 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren