Es liegt nicht allein an dem Neonlicht, das selbst den hartgesottenen Buchmessenprofis innerhalb weniger Stunden die Augen rötlich färbt, dass die Grenze zwischen Realität und Fiktion bald nicht mehr recht zu ziehen ist, hat man sich erst auf den Weg durch die Hallen der Buchmesse begeben. Vermutlich sind es einfach die alljährlichen und nicht ansatzweise überschaubaren Massen von Büchern, die überdimensionierten Autorenfotos, die mehr oder minder wohl dimensionierten Autoren zu diesen Fotos, die pflichtschuldig ein wenig Zeit an den Ständen ihrer Verlage verbringen; es sind die Bücher, zu denen es zwar einen Autor, aber kein Foto gibt, die in Frankfurt die Raum-, Zeit- und Wirklichkeitskonstanten aufweichen lassen.

Germar Grimsen und sein Roman Almatastr ist ein Fall von einem Buch, von dessen Autor man sich kein Bild machen kann. Das Buch steht saftig grün im Regal des Verbrecher Verlags, ein Bild des Autors oder gar den Autor selbst wird man vergebens suchen. Nur Schauspieler haben bisher aus dem Buch öffentlich gelesen. Der Autor sitzt während solcher Veranstaltungen unerkannt im Publikum. Längst perfektioniert hat diese Art Verhüllungsspiel bekanntlich Thomas Pynchon – und deshalb diskutieren auch nur noch seine wahren Verehrer an und zwischen den Ständen darüber, ob nicht doch er in diesem Jahr der Kandidat für den Nobelpreis gewesen wäre. Keine Chance. Er hätte sich schließlich noch nicht mal in einer Videobotschaft für den Preis bedanken können. Einigkeit herrscht indes darüber, dass Philip Roth es nun endgültig zum ewigen Nobelpreisfavoriten gebracht hat. Nun hat ihn eben Herta Müller. Ob sie das denn eigentlich wirklich sei, die da irgendwo hinter einer Traube von Menschen auf einem Podium spricht, fragt eine Frau. Man habe schließlich gehört, sie hätte alle Termine abgesagt.

Und ist die Frau, die da allein durch die Gänge schlendert, tatsächlich Kathrin Schmidt, die diesjährige Buchpreisgewinnerin? In den vergangenen Jahren hat man die Gekürten selten ohne eine Entourage von Verlagsmenschen, Verehrern und Fotografen über das Messegelände schlendern sehen. Wenn man Kathrin Schmidt sieht, wie sie da so ganz für sich die Bücher ihrer Kollegen betrachtet, könnte das auf eine ganz angenehme Entspannung in Sachen Buchpreis hinweisen, weg von der hysterisierenden Marketingmaschinerie, die rund um einen Autor in Gang gesetzt wird, hin zu einer Auszeichnung für ein herausragendes Stück Literatur.

Am Eingang zu Halle 3.1 steht derweil David Wagner, dessen Roman Vier Äpfel gerade bei Rowohlt erschienen ist. Wagner erzählt darin über einen Mann, der im Supermarkt vier Äpfel abwiegt, die zusammen erstaunlicher Weise exakt ein Kilo auf die Waage bringen. Dieser Zufall wird seinem Protagonisten zum Anlass, über das Auseinanderfallen und Zusammentreffen von Gegenwart, Vergangenem und seinen Erinnerungen zu sinnieren. Ein wenig orientierungslos schweift Wagners Blick umher auf der Suche nach dem Gang, in dem er seinen Verlag vermutet. An seiner Hand baumelt eine durchsichtige Tüte. Sind darin wirklich vier rotbackige Äpfel? Sie wögen, sagt Wagner schnell, fast 1600 Gramm, und überhaupt, er könne das alles erklären. Aber dann ist er schon irgendwo in einem der langen, neonbeleuchteten Gänge verschwunden.