Je länger die Buchmesse dauert, desto gedrängter geht es auf den Rolltreppen zu. Der Lärmpegel steigt gefühlt von Stunde zu Stunde. Das ist fast ein bisschen erstaunlich, trifft man doch zunehmend auf Menschen, denen die Klimaanlagenluft und die abendlichen Buchmessenpartys die Stimme geraubt haben. Es wird gekrächzt und geflüstert in Frankfurt. Vielleicht ist sie auch deshalb gleich ein bisschen da, die Angst vor dem, was man nicht sehen kann, was aber trotzdem zwischen den Ständen und Menschen herumfleucht. Vor der Messe wurde an die Aussteller eine Broschüre mit Informationen zur Schweinegrippe verteilt; jetzt hängen in allen Waschräumen neben der Seife Behälter mit Desinfektionsmitteln.

Die passende Expertin zu diesem Thema konnte man am Donnerstag am Stand des Hörbuchverlags supposé treffen: Karin Mölling, Professorin für Medizinische Virologie an der Universität Zürich, nimmt erst mal dankbar die Halstabletten, die man ihr anbietet. Ihre Stimme hat sich auch irgendwo in den Weiten der Messe verflüchtigt. Das Leben der Viren heißt das Hörbuch, dass Mölling gerade in der Reihe Erzählte Wissenschaft bei supposé eingesprochen hat. Nicht nur die Geschichte der Virologie erzählt sie darin, sondern sie gewährt auch Einblicke in ihre aktuelle Forschung. Man könne, ist Möllings zunächst erstaunlich klingende These, Viren quasi in den Selbstmord treiben.

Was die auch hier in Frankfurt kursierende Schweinegrippen-Phobie angeht, winkt Mölling eher ab. Das sei ein typischer Fall von Hysterisierung, der immer auftrete, wenn so viele Menschen, noch dazu aus so vielen unterschiedlichen Ländern zusammenkommen. Die saisonalen Grippen im Winter seien ohnehin sehr viel gefährlicher. "Allerdings", sagt Mölling, "Ihnen ist schon aufgefallen, dass ich Ihnen eben nicht die Hand gegeben habe? Das würde ich im Augenblick jedem empfehlen." Und so verlässt man den kleinen Stand in Halle 4.1 am Ende dann doch mit dem Gefühl, dass die Realität schon ein paar Schritte weiter ist, als man sich gern vorstellen möchte.

Wenige Meter weiter, am Stand des Blumenbar Verlags, freut man sich währenddessen über den Triumph von Fiktion und Vorstellungskraft über die Realität. Wegen des Romans Ende einer Nacht von Olaf Kraemer stand dem jüngst von München nach Berlin umgezogenen Verlag nämlich etwas ins Haus, was sich langsam zur Mode auswächst – man denke nur an Alban Maria Herbst und Maxim Biller: Per einstweiliger Verfügung hatte der Witwer von Romy Schneiders Mutter Magda erwirkt, dass kurz vor Auslieferung sieben Passagen in dem Roman, der über die letzten Stunden im Leben von Romy erzählt, geschwärzt werden mussten.

Dass Kraemer in seiner literarischen Fiktion seine Protagonistin auch über die vermeintliche Nähe ihrer Mutter zu den Nationalsozialisten spekulieren lässt, hatte deren Witwer als Verletzung der Persönlichkeitsrechte seiner verstorbenen Frau gesehen. Das Oberlandesgericht Frankfurt hat diese Entscheidung nun aufgehoben, und bei Blumenbar feiert man, dass der Roman wieder ohne schwarze Balken erscheinen kann.

Am Abend geht es dann gleich weiter mit dem Feiern: Auf der Party der jungen Verlage, auf der der in diesem Jahr erstmals ausgelobte Preis der Hotlist vergeben wird, sollte auch dem letzten Frankfurt-Besucher die Stimme geraubt werden.