Buchmesse Ein Fest der Gelassenheit

Finanzkrise, Digitalisierung und das Niveau der Gegenwartsliteratur: Über die vermeintlichen Baustellen der Buchbranche wurde in Frankfurt kaum diskutiert. Zum Glück.

Dichtgedrängt stand man im großen Saal des Frankfurter Kunstvereins, als Denis Scheck die Gewinner des in diesem Jahr erstmals ausgelobten Preises der Hotlist verkündete. Unter den jungen unabhängigen Verlagen hatte man vor ein paar Wochen, mehr auf Zuruf als durch Juryauswahl, eine Liste von 20 Titeln erstellt, aus der seitdem per Internet über das beste Buch der Independents abgestimmt werden konnte. Über diese als Gegenprogramm zum deutschen Buchpreis gedachte Auszeichnung konnte sich dann am Ende ausgerechnet der Verlag freuen, der zu ihren wesentlichen Initiatoren zählt: Der mit 5000 Euro dotierte Preis ging an Alexander Schimmelbuch und seinen Roman Blut im Wasser, der im Blumenbar Verlag erschienen ist. Mehr als ein Drittel der 10.000 beteiligten Leser hatten für den 1975 Geborenen gestimmt. Uljana Wolf kam mit ihrem Gedichtband falsche freunde (kookbooks) auf den zweiten Platz, Michael Weins mit seinem Roman Delfinarium (Mairisch) auf den dritten.

Aber eben nicht nur Blumenbar und Schimmelbusch konnten sich freuen. Das enorme Interesse am Preis der Hotlist, der ab Herbst 2010 weniger spontan vonstatten gehen, sondern offiziell ausgeschrieben werden soll, zeigt wieder einmal, wie produktiv es in der Szene der kleinen Verlage zugeht und wie anregend diese Umtriebigkeit für den Rest der Branche ist.

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Die Geschichte über Groß- und Kleinverlage könnte auf dieser Buchmesse ohnehin an vielen Geschichtchen erzählt werden. Eine altbekannte ist die von den Rezensionen in den Literaturbeilagen, in denen kleine Verlage so gut wie gar nicht vorkommen. Eine andere ist etwa, dass der Hanser-Verlag anlässlich der Nobelpreisvergabe an Herta Müller eine große Anzeige schaltete, die nahelegte, alle aktuellen Titel von Müller seien im Hanser-Verlag vertreten. Doch in nahezu allen Radiobeiträgen, die dieser Tage über Herta Müller zu hören sind, werden O-Töne verwendet, die von dem gerade bei dem kleinen Berliner Supposé-Verlag erschienen Hörbuch Die Nacht ist aus Tinte gemacht stammen – ohne dass das Hörbuch selbst überhaupt erwähnt wird. Auf zwei CDs erzählt Müller über ihre Kindheit im rumänischen Banat. Am kleinen Stand von Supposé reagiert Verleger Klaus Sander auf so etwas mit Gelassenheit.

Gelassenheit war ohnehin der Tenor, der sich durch die Buchmesse in diesem Jahr zog. Die ganz großen Krisenszenarien entwarf kaum einer – weder was die Zukunft des Buches angeht, noch was das Niveau der deutschen Gegenwartsliteratur betrifft. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass die beiden wichtigsten und öffentlichkeitswirksamsten Preise, die in diesem Jahr im Umfeld der Messe vergeben wurden, der Nobelpreis für Literatur und der deutsche Buchpreis, an Herta Müller und Kathrin Schmidt gegangen sind. Zwei Autorinnen, die zwar nicht jeder rückhaltlos befürworten muss, aber sich sprachlich und inhaltlich auf einem Niveau bewegen, das ganz sicher nicht nach Massenkompatibilität aus ist.

Mit der Entscheidung für Kathrin Schmidt und ihren autobiographisch grundierten Roman Du stirbst nicht, in dem sie über die Folgen einer Hirnblutung und die langsame, mühevolle Rückkehr ins Leben ihrer Protagonistin erzählt, könnte sich der Buchpreis einen weiteren Schritt weg von seinem Image als Verkaufspreis entfernt haben. Eine gute Figur machte auch Nobelpreisträgerin Herta Müller, die gemeinhin als eher öffentlichkeitsscheu gilt. Inmitten der Blitzlichtgewitter und Menschentrauben, die ihre Veranstaltungen und Wege begleiteten, wirkte sie erstaunlich unaufgeregt. Zugleich nutzte sie, die sich in ihren Büchern stets mit Diktatur und Überwachung auseinandergesetzt hat, ihre Auftritte, um immer wieder kritisch auf das diesjährige Gastland zu sprechen zu kommen.

Auch wenn ketzerische Stimmen das "barrierefreie Lesen", die leichte Konsumierbarkeit von Büchern, zum diesjährigen Trend der Buchmesse ausgerufen haben, scheint man davon im Augenblick erfreulicher Weise weit entfernt zu sein. Aber auch Schwergewichtiges muss ja nicht zwingend mit Unlesbarkeit zusammenfallen. Im besten Falle gilt das Gegenteil.

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