Heinrich Heine und Herta Müller in einem Atemzug zu nennen, heißt, die Gemeinsamkeiten der beiden zu bedenken, die sie über anderthalb Jahrhunderte hinweg verbindet, als wären sie Zeitgenossen: Beide sind sie eminent politische Autoren; beide haben politische Repression und polizeiliche Gefahren ertragen und überstanden; beide sind Opfer und Zeugen von Zensur und totalstaatlicher Überheblichkeit – und beide glauben sie an den befreienden Zauber des geschriebenen Wortes, so lange es sich nur den traditionellen Regeln der Dichtkunst entgegenstellt. Deren scharfrichterlichen Rezensenten haben es ihnen bekanntlich übel genommen – und werden es auch in Zukunft tun. Doch, mit Heine gesprochen: "Was ist in der Kunst das Höchste? Das, was auch in allen andern Manifestationen des Lebens das Höchste ist: die selbstbewusste Freiheit des Geistes ..."

Und dann gibt es da eine historisch-lineare Linie, die Heinrich Heine und Herta Müller in einer Art und Weise verbindet, die in dieser Form nur in der deutschen Geistesgeschichte möglich war. Heine, der bei Hegel gehört und mit Marx befreundet war, sollte die politischen Konsequenzen ihrer obsessiv eschatologischen Geschichtsspekulation, deren reale Folgen einst Herta Müllers Leben und Werk prägen würden, mit prophetischer Ahnung beim Namen nennen. Hören wir Heine selbst. Er schreibt in Lutetia: Es seien die Kommunisten, die "einzige Partei in Frankreich, die eine entschlossene Beachtung verdient (...) und die Proletariergesellschaft in allen ihren Konsequenzen dem heutigen Bourgeoisieregimente entgegensetzen werde." In einer überraschenden Wendung des ehemaligen Revolutionsenthusiasten, heißt es weiter: "Der unzeitige Triumph der Proletarier (wäre) ein Unglück für die Menschheit (...), indem sie, in ihrem blödsinnigen Gleichheitstaumel alles was schön und erhaben auf dieser Erde ist, zerstören (würden)." Es werde alsdann "nur einen Hirten und Eine Herde geben, ein freier Hirt mit einem eisernen Hirtenstabe und einer gleichgeschorenen, gleichblökenden Menschenherde." Heine beklemmte die "geheime Angst des Künstlers und des Gelehrten, die wir unsere ganze moderne Zivilisation (durch) den Sieg des Kommunismus bedroht sehen." Die "Götter der Zukunft" sollten sich in der Tat als "eiserne Hirten" erweisen. Herta Müllers Werk ist ein bisweilen furchterregendes, immer aber genaues Zeugnis ihrer unheilvollen Menschenschindereien. Ihr eiserner Hirte hieß Ceausescu.

Keine Zeitspanne der Menschheitsgeschichte wie die zwischen jener Prophetie und ihrer furchtbaren Erfüllung hat so viele Menschenopfer, so viele Grausamkeiten, so viel Hoffnungsverluste, so viel Unfreiheit erlebt wie das vorige Jahrhundert. Über die Gräber der Schlachtfelder mag Gras gewachsen sein, die Gräber der Vernichtungslager liegen, mit Celan gesprochen, in den Wolken. Herta Müllers Werk kreist um die Erscheinungsformen und Repressions-Bedingungen eines totalstaatlichen Regimes, um die Außenseiten seines mörderischen Kerns. Wir wissen aus Geschichtsschreibung und Augenzeugenberichten, was in den Lagern des Archipels Gulag geschah, wir blicken weiterhin fassungslos auf unsere eigene Mordgeschichte, die sich hinter dem biblischen Begriff Holocaust fast zu verflüchtigen droht. Herta Müllers Dichtung aber schaut auf den Alltag der Anpassung und der Feigheit in einem diktatorischen Milieu; sie beschreibt die merkwürdige Phase, in der klare Worte sich mit Doppeldeutigkeiten aufladen und der Anblick von Pappeln an eine Reihe von Messern erinnert, weil Gewalt in der Luft liegt.

Herta Müller macht es Ihren Preisrednern schwer. Denn ihr inzwischen stattliches Prosa-Werk kommt nicht ohne Eigen-Kommentar einher. Da gibt es kaum eine Lücke, in die ihre Interpreten eindringen können, ohne ihr Unrecht zu tun. Ich kenne keine Dichterin, die sich so intensiv der politischen Voraussetzung ihres eigenen Schreibens vergewissert hat. Ihre Poetik ist politisch wie ihr Impuls, zu schreiben. Sie entstammen unter anderem (natürlich nicht allein) dem Bedürfnis der Autorin, sich gegen einen westeuropäischen Zeitgeist verteidigen zu müssen, der ihr in manchen Kritiken mit Unverständnis und Vorwürfen begegnet, die zusammengefasst lauten: So schlimm kann es doch gar nicht gewesen sein. Und: Gib Ruhe, Ceausescu ist tot. Als ob damit seine tausenden Opfer ins Leben zurückgeführt werden könnten.

Wenn das tollste Couplet europäischer Seinsvergessenheit stimmt – nämlich: "Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist" - dann wäre Herta Müller ein unglücklicher Mensch. Aber jener Reim stimmt solange nicht, solange Glück und Dummheit sich nicht verschwistern.

In ihren Essays hat sie im Laufe der Jahre ihre eigene Schreibweise zu erklären versucht. Sie handelt von der symbolischen Signifikanz der Dinge, der Kreaturen und Gegenstände in einer Welt voller Angst und Unfreiheit. Herta Müller behauptet, nein, erzählt, dass es einen Zustand der Welt geben kann, in der noch der unschuldige Baum, das unwissende Tier, oder die Steine am Flussufer, ja, selbst der Himmel noch ein getreues Spiegelbild einer allumfassenden Diktatur sind, angsteinflößende, bisweilen auch grotesk-ominöse Zeichen staatlicher Kontrolle. An der Beschreibung der Dinge erprobt die Autorin ihre außergewöhnliche Fähigkeit, eigene Metaphern zu bilden, während die Dinge selbst Metaphern schon von etwas anderem sind.

Politische Gewalt ist nicht immer körperlich oder menschenbezogen. Sie manifestiert sich in der Fähigkeit des Staates, Dinge zu verrücken. Das kann grotesk sein, aber selbst an das Groteske gewöhnt sich ein bedrohtes Volk wie an das Wetter. Ich zitiere: "Wenn Ceausescu zu seinen unzähligen Arbeitsbesuchen ins Land geflogen oder gefahren wurde, mussten Bauern in mühseliger Arbeit die Blüten des Klatschmohns aus den Weizenfeldern entfernen. Der Herrscher ... werde, wenn er Klatschmohn sehe, nervös. Wenn er eine LPG besuchte, wurden die Kühe mit Waschmittel gewaschen. Wenn man jedoch durch das saubere Fell, weil die Körper so mager waren, alle Knochen sah, wurden die Kühe versteckt. Es gab für alle Besuche des Herrschers eine gut genährte Herde, die kurz bevor er kam auf die Weide gestellt wurde. Die Leute nannten diese Kühe Präsidentenkühe ... In den Städten wurden, wenn Ceausescu kam, im Spätsommer die ersten gelben Blätter der Linden mit grüner Farbe gespritzt."