Literatur-Nobelpreis

Sie kann nicht vergessen

Die Literatur der Nobelpreisträgerin Herta Müller schaut auf den Alltag der Anpassung und Feigheit in einem diktatorischen Milieu. Eine Würdigung von Michael Naumann

Heinrich Heine und Herta Müller in einem Atemzug zu nennen, heißt, die Gemeinsamkeiten der beiden zu bedenken, die sie über anderthalb Jahrhunderte hinweg verbindet, als wären sie Zeitgenossen: Beide sind sie eminent politische Autoren; beide haben politische Repression und polizeiliche Gefahren ertragen und überstanden; beide sind Opfer und Zeugen von Zensur und totalstaatlicher Überheblichkeit – und beide glauben sie an den befreienden Zauber des geschriebenen Wortes, so lange es sich nur den traditionellen Regeln der Dichtkunst entgegenstellt. Deren scharfrichterlichen Rezensenten haben es ihnen bekanntlich übel genommen – und werden es auch in Zukunft tun. Doch, mit Heine gesprochen: "Was ist in der Kunst das Höchste? Das, was auch in allen andern Manifestationen des Lebens das Höchste ist: die selbstbewusste Freiheit des Geistes ..."

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Und dann gibt es da eine historisch-lineare Linie, die Heinrich Heine und Herta Müller in einer Art und Weise verbindet, die in dieser Form nur in der deutschen Geistesgeschichte möglich war. Heine, der bei Hegel gehört und mit Marx befreundet war, sollte die politischen Konsequenzen ihrer obsessiv eschatologischen Geschichtsspekulation, deren reale Folgen einst Herta Müllers Leben und Werk prägen würden, mit prophetischer Ahnung beim Namen nennen. Hören wir Heine selbst. Er schreibt in Lutetia: Es seien die Kommunisten, die "einzige Partei in Frankreich, die eine entschlossene Beachtung verdient (...) und die Proletariergesellschaft in allen ihren Konsequenzen dem heutigen Bourgeoisieregimente entgegensetzen werde." In einer überraschenden Wendung des ehemaligen Revolutionsenthusiasten, heißt es weiter: "Der unzeitige Triumph der Proletarier (wäre) ein Unglück für die Menschheit (...), indem sie, in ihrem blödsinnigen Gleichheitstaumel alles was schön und erhaben auf dieser Erde ist, zerstören (würden)." Es werde alsdann "nur einen Hirten und Eine Herde geben, ein freier Hirt mit einem eisernen Hirtenstabe und einer gleichgeschorenen, gleichblökenden Menschenherde." Heine beklemmte die "geheime Angst des Künstlers und des Gelehrten, die wir unsere ganze moderne Zivilisation (durch) den Sieg des Kommunismus bedroht sehen." Die "Götter der Zukunft" sollten sich in der Tat als "eiserne Hirten" erweisen. Herta Müllers Werk ist ein bisweilen furchterregendes, immer aber genaues Zeugnis ihrer unheilvollen Menschenschindereien. Ihr eiserner Hirte hieß Ceausescu.

Keine Zeitspanne der Menschheitsgeschichte wie die zwischen jener Prophetie und ihrer furchtbaren Erfüllung hat so viele Menschenopfer, so viele Grausamkeiten, so viel Hoffnungsverluste, so viel Unfreiheit erlebt wie das vorige Jahrhundert. Über die Gräber der Schlachtfelder mag Gras gewachsen sein, die Gräber der Vernichtungslager liegen, mit Celan gesprochen, in den Wolken. Herta Müllers Werk kreist um die Erscheinungsformen und Repressions-Bedingungen eines totalstaatlichen Regimes, um die Außenseiten seines mörderischen Kerns. Wir wissen aus Geschichtsschreibung und Augenzeugenberichten, was in den Lagern des Archipels Gulag geschah, wir blicken weiterhin fassungslos auf unsere eigene Mordgeschichte, die sich hinter dem biblischen Begriff Holocaust fast zu verflüchtigen droht. Herta Müllers Dichtung aber schaut auf den Alltag der Anpassung und der Feigheit in einem diktatorischen Milieu; sie beschreibt die merkwürdige Phase, in der klare Worte sich mit Doppeldeutigkeiten aufladen und der Anblick von Pappeln an eine Reihe von Messern erinnert, weil Gewalt in der Luft liegt.

Herta Müller macht es Ihren Preisrednern schwer. Denn ihr inzwischen stattliches Prosa-Werk kommt nicht ohne Eigen-Kommentar einher. Da gibt es kaum eine Lücke, in die ihre Interpreten eindringen können, ohne ihr Unrecht zu tun. Ich kenne keine Dichterin, die sich so intensiv der politischen Voraussetzung ihres eigenen Schreibens vergewissert hat. Ihre Poetik ist politisch wie ihr Impuls, zu schreiben. Sie entstammen unter anderem (natürlich nicht allein) dem Bedürfnis der Autorin, sich gegen einen westeuropäischen Zeitgeist verteidigen zu müssen, der ihr in manchen Kritiken mit Unverständnis und Vorwürfen begegnet, die zusammengefasst lauten: So schlimm kann es doch gar nicht gewesen sein. Und: Gib Ruhe, Ceausescu ist tot. Als ob damit seine tausenden Opfer ins Leben zurückgeführt werden könnten.

Wenn das tollste Couplet europäischer Seinsvergessenheit stimmt – nämlich: "Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist" - dann wäre Herta Müller ein unglücklicher Mensch. Aber jener Reim stimmt solange nicht, solange Glück und Dummheit sich nicht verschwistern.

In ihren Essays hat sie im Laufe der Jahre ihre eigene Schreibweise zu erklären versucht. Sie handelt von der symbolischen Signifikanz der Dinge, der Kreaturen und Gegenstände in einer Welt voller Angst und Unfreiheit. Herta Müller behauptet, nein, erzählt, dass es einen Zustand der Welt geben kann, in der noch der unschuldige Baum, das unwissende Tier, oder die Steine am Flussufer, ja, selbst der Himmel noch ein getreues Spiegelbild einer allumfassenden Diktatur sind, angsteinflößende, bisweilen auch grotesk-ominöse Zeichen staatlicher Kontrolle. An der Beschreibung der Dinge erprobt die Autorin ihre außergewöhnliche Fähigkeit, eigene Metaphern zu bilden, während die Dinge selbst Metaphern schon von etwas anderem sind.

Politische Gewalt ist nicht immer körperlich oder menschenbezogen. Sie manifestiert sich in der Fähigkeit des Staates, Dinge zu verrücken. Das kann grotesk sein, aber selbst an das Groteske gewöhnt sich ein bedrohtes Volk wie an das Wetter. Ich zitiere: "Wenn Ceausescu zu seinen unzähligen Arbeitsbesuchen ins Land geflogen oder gefahren wurde, mussten Bauern in mühseliger Arbeit die Blüten des Klatschmohns aus den Weizenfeldern entfernen. Der Herrscher ... werde, wenn er Klatschmohn sehe, nervös. Wenn er eine LPG besuchte, wurden die Kühe mit Waschmittel gewaschen. Wenn man jedoch durch das saubere Fell, weil die Körper so mager waren, alle Knochen sah, wurden die Kühe versteckt. Es gab für alle Besuche des Herrschers eine gut genährte Herde, die kurz bevor er kam auf die Weide gestellt wurde. Die Leute nannten diese Kühe Präsidentenkühe ... In den Städten wurden, wenn Ceausescu kam, im Spätsommer die ersten gelben Blätter der Linden mit grüner Farbe gespritzt."

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Leser-Kommentare

  1. Ja und die traurige Wirklichkeit:
    Securitate hat sich im EU-Land Rumänien häuslich eingerichtet.
    Und bei uns wählen 12% die LINKE!

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    wenn Sie sich mir Ihrer eigenen Geschichte näher befassen würden, wüßten Sie dass die meisten Mittäter der wohl schrecklichsten Gewaltherrschaft aller Zeiten nach ihrer Niederlange in Amt, Würde und Privilegien blieben und u.a. Karriere in den Parteien der bundesrepublikanischen 'Mitte', gerade FDP und Union, machten.

  2. dass wenigstens eine Herta aus Berlin mal wieder was gewinnt. Sorry, der musste raus.
    Der Glückwunsch ist aber ernst gemeint.

  3. wenn Sie sich mir Ihrer eigenen Geschichte näher befassen würden, wüßten Sie dass die meisten Mittäter der wohl schrecklichsten Gewaltherrschaft aller Zeiten nach ihrer Niederlange in Amt, Würde und Privilegien blieben und u.a. Karriere in den Parteien der bundesrepublikanischen 'Mitte', gerade FDP und Union, machten.

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    Der Autor "bernd finger" hat in seiner Aufzählung der Parteien zwei vergessen: die SPD und insbesondere die Linke. Dies sollte man sich bewusst machen, da heute die SPD nach der letzten Wahl meint, sie könne in der Annäherung an die Linke ihr Überleben finden, wenn diese sich mit ihren politischen Forderung ein wenig zeitgemäß anpasse. Und eine schreckliche Erscheinung: junge Journalisten meinen schon, man sollte doch die Nationalhymne der Bundesrepublik mit den Wort der Becher-Hymne singen: "Auferstanden aus Ruinen....". Das soll wohl unser "neues" Vaterland sein. Schwachsinn und Kurzsichtigkeit, die Merkmale der neuen Sozialisten alias Die Linken.

  4. Die Schwedische Akademie hat heute Herta Müller als "deutsche Schriftstellerin" ausgezeichnet, http://www4.svenskaakadem.... Da ist die Außensicht schon weiter als die Innensicht, denn das deutsche Feuilleton redet ja gerne von türkischstämmig, rumäniendeutsch, afrikanisch (!), auch wenn die so mit ethnischen Labeln beklebten Autoren und Autorinnen wichtiger Teil der deutschsprachigen Literaturwelt sind. Und das meine ich jetzt nicht deutschtümelnd. Ich freue mich sehr, dass Herta Müller ausgezeichnet wurde. Ihre Texte sind so dicht, so poetisch, so beklemmend, eine reiche, starke, kraftvolle Sprache. Herzlichen Glückwunsch!

  5. und so begabg sich die Poesie, von der Gefangenschaft des Totalitarismus einer staatlichen Diktatur befreit, in die Warenform, unter der Herrschaft des Totalitarismus der Ökonomie. Die offene Frage bleibt dann, wie viele der Opfer des einstigen Staatsterrors sich jetzt die Ware Poesie der Frau Müller leisten können, abgesehen von den Priviligierten in der bürgerlichen Gesellschaft, denen Kultur schon immer das Medium gewesen ist, den realen Terror zu verdrängen, dem die totale Ökonomie das Leben an sich unterwirft. Die FTD meldet, dass sich der Verlag Frau Müllers sehr über die Preisverleihung und die damit verbundene Aufwertung der Ware Müller freut.

  6. daß vor einigen Wochen hier jemand meinte, nur jemand mit mindestens guten Deutschkenntnissen solle hier überhaupt mitmachen dürfen.

    Gott sei Dank sind die Anpsrüche bei der Vergabe des Literaturnobelpreises an eine Deutsche Schrifstellerin nicht ganz so hoch gesteckt.

  7. mal wieder eine dieser Pseudo-Baustellen, mit denen das Geld der Steuerzahler in den Wind geschossen wird.

    10km Stau.

    Davor elektronische Tafeln mit der Aufschrift "Stau wegen Überlastung".

  8. Wer hat was für diese Auswahl bezahlt?

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