Literatur aus China Welche Autoren sollte man dringend lesen?
Zum Buchmessenschwerpunkt "China": Fünf Lesempfehlungen. Mit Illustrationen des Porzellanmalers Christian Schöppler aus der Manufaktur Meissen.
CHEN JIANGHONG
Er ist ein begnadeter Buchkünstler. Seine filigranen Landschaften, Blütenformen und Märchenwelten berühren Kinder und Erwachsene. Ein Besuch bei einem einzigartigen Maler in seinem Pariser Atelier. Von Susanne Mayer
Rot. Die Fassade ist rot, kirschrot, rot wie frisches Blut, Chinesen würden sagen, rot wie die Freude, der Wohlstand, das Glück. Das Eingangstor zum Atelier in der Rue Quincampoix im Pariser Viertel Marais hat Chen Jianghong in einem Rot angemalt, das aus den granitgrauen Fassaden des alten Templerquartiers herausspringt wie die Lampions, die hier vor Shops hängen, in denen Chinesen ihren Großhandel betreiben. Chen handelt mit Bildern. Er erzählt Geschichten, malt Ideen, er inszeniert Erinnerungen, die Gerüche, Hoffnungen seiner Kindheit in China. Er, der 1987 nach Paris kam, ist heute ein weltweit bewunderter Buchkünstler und Maler. Ein kleiner, zierlicher Mann, ganz in Schwarz.
Er sagt: »Ich glaube, ich kam zur Welt und hatte schon Bilder im Kopf. Ich sah überall Bilder, auch wo es keine gab. Ich lag abends im Bett vor einer alten, fleckigen Wand und sah darauf Bilder. Meine Großmutter hatte diese schrecklichen Vorhänge mit einem Katzenmuster, und ich verbrachte als Kind Stunden und Stunden damit, diese Katzen zu betrachten, ich war davon besessen...«
Er lacht. Chen sitzt auf einem Klappstuhl, den er auf dem Betonboden seines Ateliers aufgeschlagen hat, und kichert, er hebt die Hände in einer eleganten, wie um Verzeihung bittenden Geste, und das Kichern läuft durch die schmale Gestalt in einer fließenden, schlängelnden Bewegung. Ist es ein Wunder, dass eines seiner ersten Kinderbücher Figuren der Peking-Oper zum Leben brachte?
Chen Jianghong kam 1973 in Tjanjin zur Welt, einer Hafenstadt im Norden Chinas. In seiner Autobiografie An Großvaters Hand (aus dem Französischen von Tobias Scheffel; Moritz Verlag, Frankfurt a. M. 2009; 80 S., 24,80 €) malt Chen eine Szenerie der Armut: öde Wohnblocks, davor aber doch gelbe Explosionen blühender Mimosen. Winzige Zimmer, gewärmt von der Liebe der Großeltern, die auf Chen und die Schwestern aufpassen, während die Eltern bei der Arbeit oder im Umerziehungslager sind. Hatte er Pinsel und Tusche? Kopfschütteln. »Keinen Pinsel, keine Tusche, kein gar nichts.« Kinderbücher? »Es gab nicht mal einen Begriff von einem Kinderbuch.«
Es war eine Kindheit im Schatten der Kulturrevolution, es wäre verboten gewesen, Bücher zu besitzen. Verboten wie Musik, Eleganz, wie alles Schöne, was das Leben lebenswert macht. Dann eine erste Öffnung. Mit 16 darf Chen ein Studium des Schmuckdesigns beginnen. Endlich malen! Im Jahre 1984 wird Chen erlaubt, die Kunstakademie in Peking zu besuchen, es ist für ihn, der nun schon 21 ist, die erste Begegnung mit den großartigen Tableaus der chinesischen Malerei, die er heute virtuos in seinen Büchern inszeniert. Die Silhouette des Fu-Chun-Gebirges, vor der Junger Adler, ein Kind, in die alten Kampftechniken eingeführt wird. Han Gan, ein Junge, der die Kunst des Malens bis zu jener Perfektion erlernt, in der getuschte Pferde sich von der Seide erheben und davongaloppieren. Dafür, wie jetzt auch für An Großvaters Hand, der LUCHS-Preis von ZEIT und Radio Bremen, dazu der Deutsche Jugendbuchpreis!
»Wenn die Leute mich malen sehen, dann sagen sie gerne: Wie großartig. Aber ich sehe den Schmerz hinter der Malerei.« Welchen Schmerz? »Der Schmerz entsteht, wenn man jung ist und malt und noch nicht sehr gut malen kann. Sie müssen es immer wieder üben. Noch mal. Und noch mal. Noch mal. Noch mal! Ich ging 360 Tage im Jahr zum Bahnhof und malte meine kostenlosen Modelle...«
Er will fort aus China. Endlich die Abreise, 1987. Eine Fahrt mit dem Zug von Peking über Moskau über Warschau nach Paris. Vom Centre Pompidou, dem Tempel der modernen Kunst, trennt ihn heute nur eine Häuserzeile. Um ihn stehen die quadratischen Leinwände, auf deren Leere er filigrane Körper tuscht, Blütenformen, Meditation über den Prozess der Entfaltung. Was bedeutet ihm das Kinderbuch?
Er atmet durch. »Ein gutes Kinderbuch eröffnet die Welt der Fantasie. Auf wenigen Seiten ist alle Weisheit enthalten. Ein solches Buch muss ein Meisterwerk sein und kann auch Erwachsene faszinieren. Es muss etwas Wildes haben, damit es das kann.«
Draußen rattern die Eisenrollos der Geschäfte zu Boden. Noch ein Kaffee? Eine Zigarette!
- Datum 12.10.2009 - 09:49 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.10.2009 Nr. 42
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Dringend muß man, wenn's drängt, besonders von innen. Aber wer ein hochkomisches und zugleich trauriges Buch lesen möchte, in dem nebenbei ein eigensinniges Bild von chinesischer Mentalität und Geschichte gezeichnet wird, dem empfehle ich Yu Huas "Brüder". Hat allerdings nur an die 800 Seiten. Leider.
dann ist er sicher 1963 geboren, oder ?
ansonsten sehr interessanter artikel.
soll er 21 gewesen sein. bin schon ganz durcheinander.
"kam in Tjanjin zur Welt, einer Hafenstadt im Norden Chinas"
... und ging nach Paris, der franzoesischen Hauptstadt im Norden Frankreichs.
:D
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außer Eileen Chang sind die Schriftsteller in China ehr unbekannt. Zwei davon leben seit Jahr in Ausland. Kriegen sie wirklich mit, was in China gerade läuft, was die Leute denken? Ich bin davon verzweifelt. Selbst Eileen Chang gehört schon zu der Vergangenheit. Welchen die Deutschen dringend lesen sollte, sind Diejenigen, dessen Werken Generationen in China Einfluss gebracht haben, wie Luxun, Laoshe, Yu Hua, Jia Pinao, Wang Meng, Lu Yao .....
Nicht allen haben mit Politik zu tun. Die Deutschen vor allem die Journalisten müssen nun klar werden, trotz der Zensur, was eigentlich mehr oder wenig überall in die Welt gibt, können die Chinesen die Literatur genießen.
Wahrlich....! Ich habe den obigen Artikel richtig genossen. Der "Zeit" meinen aufrichtigen Dank dafuer! Besonders herzenserwaermend fand ich, dass die "Zeit" auch diejenigen chinesischen Schriftsteller namentlich erwaehnt hat, die in China oder sonst in anderen Teilen Europas, alleine zuruecklassend, gaenzlich vergessen worden waeren!
Einer Zweitübersetzung aus dem Französischen, wie sie bei Eileen Chang empfohlen wird, stehe ich doch generell eher kritisch gegenüber. Auch wird der Verlag nicht genannt; und die Leseempfehlungen sind etwas uneinheitlich geraten (aus dem Chinesichen, dem Chin., dem Chin ...). Wärmstens empfehlen kann ich den Band mit Erzählungen von Eileen Chang "Gefahr und Begierde", Ullstein 2008, aus dem Chinesischen von Susanne Hornfeck, , Wang Jue und Wolf Baus.
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