Literatur aus China Welche Autoren sollte man dringend lesen?

Zum Buchmessenschwerpunkt "China": Fünf Lesempfehlungen. Mit Illustrationen des Porzellanmalers Christian Schöppler aus der Manufaktur Meissen.

CHEN JIANGHONG

Er ist ein begnadeter Buchkünstler. Seine filigranen Landschaften, Blütenformen und Märchenwelten berühren Kinder und Erwachsene. Ein Besuch bei einem einzigartigen Maler in seinem Pariser Atelier. Von Susanne Mayer

Rot. Die Fassade ist rot, kirschrot, rot wie frisches Blut, Chinesen würden sagen, rot wie die Freude, der Wohlstand, das Glück. Das Eingangstor zum Atelier in der Rue Quincampoix im Pariser Viertel Marais hat Chen Jianghong in einem Rot angemalt, das aus den granitgrauen Fassaden des alten Templerquartiers herausspringt wie die Lampions, die hier vor Shops hängen, in denen Chinesen ihren Großhandel betreiben. Chen handelt mit Bildern. Er erzählt Geschichten, malt Ideen, er inszeniert Erinnerungen, die Gerüche, Hoffnungen seiner Kindheit in China. Er, der 1987 nach Paris kam, ist heute ein weltweit bewunderter Buchkünstler und Maler. Ein kleiner, zierlicher Mann, ganz in Schwarz.

Er sagt: »Ich glaube, ich kam zur Welt und hatte schon Bilder im Kopf. Ich sah überall Bilder, auch wo es keine gab. Ich lag abends im Bett vor einer alten, fleckigen Wand und sah darauf Bilder. Meine Großmutter hatte diese schrecklichen Vorhänge mit einem Katzenmuster, und ich verbrachte als Kind Stunden und Stunden damit, diese Katzen zu betrachten, ich war davon besessen...«

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Er lacht. Chen sitzt auf einem Klappstuhl, den er auf dem Betonboden seines Ateliers aufgeschlagen hat, und kichert, er hebt die Hände in einer eleganten, wie um Verzeihung bittenden Geste, und das Kichern läuft durch die schmale Gestalt in einer fließenden, schlängelnden Bewegung. Ist es ein Wunder, dass eines seiner ersten Kinderbücher Figuren der Peking-Oper zum Leben brachte?

Chen Jianghong kam 1973 in Tjanjin zur Welt, einer Hafenstadt im Norden Chinas. In seiner Autobiografie An Großvaters Hand (aus dem Französischen von Tobias Scheffel; Moritz Verlag, Frankfurt a. M. 2009; 80 S., 24,80 €) malt Chen eine Szenerie der Armut: öde Wohnblocks, davor aber doch gelbe Explosionen blühender Mimosen. Winzige Zimmer, gewärmt von der Liebe der Großeltern, die auf Chen und die Schwestern aufpassen, während die Eltern bei der Arbeit oder im Umerziehungslager sind. Hatte er Pinsel und Tusche? Kopfschütteln. »Keinen Pinsel, keine Tusche, kein gar nichts.« Kinderbücher? »Es gab nicht mal einen Begriff von einem Kinderbuch.«

Es war eine Kindheit im Schatten der Kulturrevolution, es wäre verboten gewesen, Bücher zu besitzen. Verboten wie Musik, Eleganz, wie alles Schöne, was das Leben lebenswert macht. Dann eine erste Öffnung. Mit 16 darf Chen ein Studium des Schmuckdesigns beginnen. Endlich malen! Im Jahre 1984 wird Chen erlaubt, die Kunstakademie in Peking zu besuchen, es ist für ihn, der nun schon 21 ist, die erste Begegnung mit den großartigen Tableaus der chinesischen Malerei, die er heute virtuos in seinen Büchern inszeniert. Die Silhouette des Fu-Chun-Gebirges, vor der Junger Adler, ein Kind, in die alten Kampftechniken eingeführt wird. Han Gan, ein Junge, der die Kunst des Malens bis zu jener Perfektion erlernt, in der getuschte Pferde sich von der Seide erheben und davongaloppieren. Dafür, wie jetzt auch für An Großvaters Hand, der LUCHS-Preis von ZEIT und Radio Bremen, dazu der Deutsche Jugendbuchpreis!

»Wenn die Leute mich malen sehen, dann sagen sie gerne: Wie großartig. Aber ich sehe den Schmerz hinter der Malerei.« Welchen Schmerz? »Der Schmerz entsteht, wenn man jung ist und malt und noch nicht sehr gut malen kann. Sie müssen es immer wieder üben. Noch mal. Und noch mal. Noch mal. Noch mal! Ich ging 360 Tage im Jahr zum Bahnhof und malte meine kostenlosen Modelle...«

Er will fort aus China. Endlich die Abreise, 1987. Eine Fahrt mit dem Zug von Peking über Moskau über Warschau nach Paris. Vom Centre Pompidou, dem Tempel der modernen Kunst, trennt ihn heute nur eine Häuserzeile. Um ihn stehen die quadratischen Leinwände, auf deren Leere er filigrane Körper tuscht, Blütenformen, Meditation über den Prozess der Entfaltung. Was bedeutet ihm das Kinderbuch?

Er atmet durch. »Ein gutes Kinderbuch eröffnet die Welt der Fantasie. Auf wenigen Seiten ist alle Weisheit enthalten. Ein solches Buch muss ein Meisterwerk sein und kann auch Erwachsene faszinieren. Es muss etwas Wildes haben, damit es das kann.«

Draußen rattern die Eisenrollos der Geschäfte zu Boden. Noch ein Kaffee? Eine Zigarette!

LI ER

Er ist einer der anspruchsvollsten und besten Gegenwartsautoren Chinas. Sein großer Epochenroman »Koloratur« ist ein wichtiges Kapitel nationaler Geschichtsaufarbeitung. Von Iris Radisch

Eine unscheinbare, magere Erscheinung, kariertes Hemd, Baumwollhose, asketische Gesichtszüge. Er lebe ein armes Leben, sagt der Schriftsteller Li Er. Er lebe wie eine Blume auf dem Feld. Dabei ist er einer der besten und anspruchsvollsten Autoren der Volksrepublik. Als Angela Merkel nach Peking kam, hat sie sich auch mit ihm getroffen. Sie hatte seinen Roman Der Granatapfelbaum gelesen, der spiele in der Provinz und habe ihr gefallen, sagt Li Er.

1966 geboren, gehört Li Er noch nicht zu der neuen Generation unpolitischer und für den Westen leicht zugänglicher Popautoren, aber auch nicht mehr zu der Generation der älteren, dem Dorfroman zuneigenden Kaderliteraten. Er schreibe, sagt er mir in einem Café unweit der Pekinger Universität, weder für die kommunistische Partei noch für den westlichen Markt. Wie er zur Partei steht, für die er nicht schreibt, wollte er mir indes nicht verraten. Er ist eher ein Mann der indirekten Botschaften. Eine unter Zensurbedingungen durchaus angebrachte Technik. Sein gerade auf Deutsch erschienener Roman Koloratur (aus dem Chinesischen von Thekla Chabbi; Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2009; 440 S., 24,80 €) macht aus dem Prinzip indirekte Botschaft ein ästhetisches Programm.

Im Mittelpunkt des dreiteiligen Werks steht ein chinesischer Intellektueller – Übersetzer, Poet, Parteiführungskader – der dreißiger Jahre, der nie selbst ins Bild kommt, sondern mittels dreier (Li Er behauptet: im chinesischen Original ganz im Jargon der jeweiligen Epoche gehaltener) Zeugenaussagen aus den vierziger, den sechziger Jahren und der Jahrtausendwende umkreist wird. Das postmoderne Axiom, nach dem die Wahrheit einer Person die Summe der Erzählungen über sie ist, kommt hier ebenso zur Anwendung wie die geheimdienstliche Plattitüde, dass ein Mensch nie vollständig ausspionierbar ist. Wer dieser Ge Ren ist, um den sich die gesamte Romanrecherche dreht und der sich die meiste Zeit über im fernen Dahuang-Gebirge aufhält, Tolstoj ins Chinesische übersetzt, gelegentlich mit Mao disputiert, sich für die Latinisierung der chinesischen Sprache interessiert und ansonsten unter dem Pseudonym Trübsinnski traditionelle chinesische Lyrik verfasst, weiß man nach der Lektüre weniger denn je. Zu viele Quellen, Zitate, Aussagen und Gegenaussagen kreuzen und widersprechen sich. Und zwar mit Bedacht. Denn dies ist das Thema dieses intelligenten Anti-Nationalepos: dass die historische Bedeutung einer Figur sich im Labyrinth der zeitgeschichtlichen Zuschreibungen und Beziehungen nie vollständig bestimmen lässt und den Makel unauflöslicher Relativität nie verliert.

Für Li Er ist dieser im Westen als hermeneutischer Zirkel bekannte alte Hut – wir lesen immer nur so viel aus der Geschichte heraus, wie wir zuvor in sie hineingelesen haben – zu einem produktiven literarischen Verfahren geworden. Das Vorbild für diesen seltsamen Intellektuellen aus den Gründerjahren der chinesischen KP sei, erzählt Li Er, der Journalist und Schriftsteller Qu Qiubai (1899 bis 1935), eine Führungspersönlichkeit der kommunistischen Partei, der aus unklaren Gründen aus der Partei ausgeschlossen und schließlich von der Chinesischen Nationalpartei liquidiert wurde. »Eine tragische Figur«, sagt Li Er, »von beiden feindlichen Seiten verfolgt.« Ein typischer Intellektueller – ein Repräsentant der Leere und der Sinnlosigkeit des geschichtlichen Fortschritts. »Ich liebe diese Figur«, sagt Li Er, »als ich das Buch fertig hatte, habe ich geweint.«

Der Roman ist ein großes Dokument literarischer chinesischer Geschichtsaufarbeitung, er enthält für westliche Leser wie die meisten anspruchsvollen chinesischen Gegenwartsromane enorm hohe Einstiegshindernisse – aber er zählt zu den interessantesten Büchern, die uns in diesem Herbst aus China erreichen.

EILEEN CHANG

Man nannte sie die asiatische Virginia Woolf und die chinesische Greta Garbo. Seit dem Kinoerfolg ihres von Ang Lee verfilmten Romans »Gefahr und Begierde« wird die  großartige Autorin endlich auch in Deutschland wiederentdeckt. Von Ursula März

Bis vor zwei Jahren war der Name Eileen Chang außerhalb sinologischer Institute hierzulande praktisch unbekannt. Dabei wäre es wohl auch geblieben, hätte der Film Gefahr und Begierde des amerikanischen Regisseurs Ang Lee nicht das Augenmerk auf die literarische Vorlage gelenkt und damit auf die chinesische Schriftstellerin, von der diese moderne, radikal desillusionierte, ja nihilistische Erzählung stammte. Als Eileen Chang das erotische Melodram Gefahr und Begierde Anfang der fünfziger Jahre verfasste, lebte sie nicht mehr in ihrer Heimatstadt Shanghai, sondern in Hongkong. Sie hoffte, dort der Zensur des kommunistischen Regimes leichter entgehen zu können. Es war eine kurze Hoffnung. Im Jahr 1955 emigrierte Eileen Chang in die USA. Sie unterrichtete Literatur an kalifornischen Universitäten, schrieb Skripts und Treatments für die Filmindustrie. Aber an ihren literarischen Rang und ihren Shanghaier Erfolg konnte Eileen Chang, die bisweilen als asiatische Virginia Woolf bezeichnet wird, in Amerika nie mehr anschließen.

Sie gehört zu jenen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts, die die Emigration in Vergessenheit gebracht und um den Erfahrungsstoff beraubt hat, von dem die poetische Fantasie sich ernährt. Allerdings hat Eileen Chang selbst alles dazu getan, ihr Emigrantenschicksal ins existenzielle Extrem zu treiben. Nach dem Tod ihres zweiten Ehemannes, des Kommunisten und Drehbuchautors Ferdinand Ryher, im Jahr 1967 brach Eileen Chang, die auf Jugendfotos einer asiatischen Greta Garbo ähnelt und auch später noch eine aufsehenerregende Schönheit gewesen sein muss, nahezu alle Brücken zur Welt ab. Über die letzten zwei Jahrzehnte, die Eileen Chang isoliert in einem Appartement in Los Angeles verbrachte, weiß niemand Genaueres zu sagen. Man weiß nur, dass ihr Leben einer Uhr glich, deren Zeiger stillstanden. Ebendies aber, das Herausfallen aus der Zeit, ist ein Kernthema jener Erzählungen, Essays, Romane, mit denen sie in den vierziger Jahren in Shanghai zum Star avancierte.

Sie brachte eine spätbürgerliche, dekadente Gesellschaft auf den Punkt, die fühlt, dass ihre Epoche vorbei ist: die chinesische Gesellschaft zwischen Kaiserreich und Kommunismus. Erdrückt und demoralisiert von der japanischen Besatzung. Haltlos schwankend zwischen östlicher Tradition und rasanter Verwestlichung. Die Abgründe und historischen Asymmetrien dieser Gesellschaft, die die 1921 geborene Eileen Chang als blutjunge Schriftstellerin beschrieb, kannte sie aus dem eigenen Elternhaus nur zu gut: Während ihre westlich emanzipierte, kühle Mutter in Paris Kunstgeschichte studierte, vertrieb sich ihr Vater die Tage mit Opiumrausch und Bordellbesuchen. Er entstammte einer Familie, die in der Qing-Dynastie zum politischen Establishment zählte, und war selbst nichts als ein Relikt der Vergangenheit – und eine Schlüsselfigur ihrer literarischen Welt.

Seit Ang Lees Kinoerfolg mit dem Film Gefahr und Begierde kommen auch in Deutschland Bücher von Eileen Chang erneut auf den Markt. So auch der Roman Das Reispflanzerlied (aus dem Französischen von Tobias Scheffel; 80 S., 24,80 €) , den Chang 1952 in Hongkong als Auftragsarbeit auf Englisch schrieb, später ins Chinesische übertrug, erschien vor Jahrzehnten schon einmal in Deutschland. Er rzählt von Hunger, Unterdrückung und Depression. Es ist – eigentich untypisch die elegante, großstädtische Autorin – ein Bauernmelodram aus dem frühen kommunistischen China.

Als Melodram endete auch das Leben von Eileen Chang. Am 8. September 1995 brachen Beamte die Tür einer Apartmentwohnung in Los Angeles auf. Die Nachbarn hatten die chinesische Greisin längere Zeit nicht gesehen und die Polizei alarmiert. Diese fand den Leichnam Eileen Changs, deren Tod mindestens eine Woche vorher eingetreten sein musste, in eine weiße Decke gewickelt. Die Wohnung war bis auf wenige Möbelstücke leer. Ein Schreibtisch war nicht dabei.

YANG LIAN

Er ist in Bern geboren und lebt in London. Als die Panzer  auf den Platz des Himmlischen Friedens rollten, war er in Australien.  Er schreibt fremd wirkende, eindringliche Gedichte. Von Susanne Mayer

Denkt man an Yang Lian, hört man sein wildes Lachen. Da ist eine Ausstrahlung von Übermut. Yang Lian, ein hochgewachsener, kraftvoll wirkender Mann, füllt in Deutschland ganze Säle. Er trägt, mit ausladender Gestik, wehendem Haar und einer Stimme voller Kraft, seine Gedichte vor, dunkle Zeilen.

»Durch des Tages Hölle fließt Licht / Zerfrisst das Antlitz / Macht es zur schwarzen Ruine / Zusammengestürzt ist das Herz / Verscharrt unterm Hals«

Der Sinologe Wolfgang Kubin hat die Poesie Yang Lians einen hymnischen, an der archaischen Dichtkunst orientierten Gesang genannt, eine Beschwörung von Chinas vieltausendjähriger Geschichte. Lian, der 1955 als Sohn einer Diplomatenfamilie in Bern geboren wurde, ist in einer Atmosphäre der kulturellen Weltläufigkeit aufgewachsen. Die Architektur der Klaviersonaten Beethovens ist ihm so vertraut wie die formalen Regeln des quilü -Gedichtes (sieben Schriftzeichen pro Zeile!), bereitwillig erläutert er, wie die Gedichte des Amerikaners Ezra Pound, inspiriert von der chinesischen Dichtung, dieser wiederum Impulse gaben. Es war eine Kindheit im intellektuellen Reichtum. Dann die Kulturrevolution. Sie zerstreut die Familie in alle Winde. Die Mutter wird er noch ein Mal sehen, es ist ein schönes Wochenende vor ihrem Tod, von dem sie nichts ahnen, er jedenfalls nicht. Ihr Tod kommt als Schock.

»Hinter Glas wie hinter ein wenig getrockneter Milch / werde ich ein anderer in deinem flüchtigen Blick. / Nach dem Regen sind alle Leiber fremden Orten eigen«, heißt es in dem Gedicht Mutter. Die Todesmetaphorik wird seine Dichtung nicht mehr verlassen.

Früh gerät Yang Lian ins Visier der Revolutionshüter. Er ediert mit Freunden die Untergrundzeitschrift Jintian/Today . Man kritisierte sein Gedicht Nuorilang als »Verschmutzung«. Yang Lian ist in Australien zu Gast, als die Panzer am 4. Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens ein Blutbad anrichten. Am nächsten Tag druckt der Auckland Star ein Bild, auf dem Yang Lian und andere ein weißes Laken hochhalten, es zeigt ein schwarz getuschtes Kalligrafie-Zeichen, das Zeichen für Trauer. Nun ist er im Exil.

Er hadert nicht, er lacht. Dreimal habe er sich erneuert. So sei er zunächst ein chinesischer Dichter gewesen, der dann ein »Dichter des Chinesischen« wurde und endlich ein Dichter des »Yanglischen«, der »Yang-Lian-Sprache«. Auf dem Weg durch die Fremde, mit Stationen in Neuseeland, auf der Solitude in Stuttgart, mal in England, dann in Berlin und endlich in London, wo er heute mit seiner Frau lebt, hat er zu sich gefunden, in einem eigenen poetischen Kosmos.

»Schwarze Einsamkeit der Liebe / Füllt meine Verse. / Zwischen Bäumen, jadegrün, und welken Trümmern, / Nestern und Inschriften schlummernder Steine, / Zwischen dem Mond, in Pupillen gespiegelt, / und sandigen Hügeln / schaffe ich mir meine Sprache.« 

Die Gedichte Yang Lians dürften in China so fremd wirken wie in Europa, auf Deutsch erschien gerade der Band Aufzeichnungen eines glückseligen Dämons (aus dem Chinesischen von Karin Betz und Wolfgang Kubin; Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009; 286 S., 29,80 € ) , er enthält politische Einwürfe, Reisefeuilletons, literaturtheoretische Betrachtungen und eben – die Gedichte. Jedes einzelne von ihnen ein Versuch, sich über die Grenzen der Sprache hinwegzusetzen. Yang Lian entfaltet Bilder, die sich überlagern und neue Räume entstehen lassen, nicht unähnlich, wie es in einer musikalischen Komposition geschehen kann.

Ansonsten? Nicht mehr Zuversicht als unbedingt nötig. »Die schreibende Hand verfault langsam, schneeweiße, knochendünne Schriftzeichen bleiben zurück, auf weißem Papier entblößt«, heißt es in einem Text über Brechts Tod.

YAN LIANKE

Er darf nicht zur Frankfurter Buchmesse kommen. Doch sein Roman  »Der Traum meines Großvaters« über den Aids-Skandal  in Henan ist eines der schönsten chinesischen Bücher dieses Herbstes.  Eine Begegnung mit einem traurigen, einsamen Autor in Peking. Von Iris Radisch

Chinesen weinen viel. Als Yan Lianke in Peking davon spricht, dass jedes süße freche Autorengirlie, das den Betrieb mit dem gerade angesagten Schmuddelkram versorgt, nach Frankfurt geladen wird, aber er nicht, werden seine Augen feucht. Auch als er seinen von der Zensur inzwischen verbotenen Roman über den Aids-Skandal, Der Traum meines Großvaters (aus dem Chinesischen von Ulrich Kautz; Ullstein Verlag, Berlin 2009; 364 S., 22,90 €) – sicherlich einer der schönsten chinesischen Romane, die zur Frankfurter Messe auf Deutsch erscheinen –, beendet hatte, ließ er seinen Tränen freien Lauf.

An seinem Beispiel werden der Widersinn und die Bodenlosigkeit der chinesischen Zensur- und Einladungspolitik besonders deutlich. Yan Lianke, geboren 1958, ist ein Bauernsohn aus der Provinz Henan, die Familie hungert, er verlässt die Schule mit 16 und schlägt sich als mittelloser Wanderarbeiter durch. Mit 20 geht er zum Militär, schreibt sich aus dem Nichts hoch, schreibt Nachrichten, Kulturprogramme, Propagandazettel, rettet seine Haut. Bald wird er berühmt, verfasst brave Revolutionsheldengeschichten nach sowjetischen Vorlagen, schreibt gefeierte Theaterstücke, wird ein schreibender Soldat, erhält Militärpreise, tritt in die Partei ein (in der er merkwürdigerweise noch immer ist). 1989 zog er nach Peking, in ein für die Öffentlichkeit nicht zugängliches Militärwohngebiet (wo er merkwürdigerweise noch immer lebt). »Ich war völlig systemkonform«, sagt er heute. Dann – mit 33 Jahren – kam seine »Kehre«. Ein Bandscheibenvorfall zwang ihn 3 Jahre lang ins Bett. Plötzlich erkennt er, dass 90 Prozent seiner Arbeit nur Schrott gewesen sind. »Wenn man liegend schreibt«, sagt er, »schreibt man nicht mehr für Geld.« Er beschloss, ein richtiger Schriftsteller zu werden.

Seit jener Zeit will er nur noch über »wahre Menschen« schreiben. Er weiß, dass es seltsam klingt, aber in China, sagt er, »ist das etwas Besonderes«. Das erste Buch, das er als richtiger Schriftsteller verfasste, war ein Antikriegsbuch, es hieß Sommersonnenuntergang und wurde sofort verboten. Es folgten Romane über die Kulturrevolution, eine politische Parabel über Marx, Engels und Lenin – allesamt verboten. Einzig sein Dorfroman Die Sonnenstrahlen ziehen durch die Jahre aus dem Jahr 1998 wurde ein Erfolg wie in alten Zeiten.

Seinen verbotenen Roman über den Aids-Skandal in Henan hat er aus Verantwortung für seine Heimatprovinz geschrieben. Dort haben sich in den neunziger Jahren bis zu einer Million Bauern durch den korrupten Handel mit infiziertem Blut angesteckt, ganze Dörfer starben aus. Der Skandal wird von den Behörden bis heute vertuscht. »Die Intellektuellen haben dazu geschwiegen«, erbittert sich Yan Lianke, »sie schweigen noch immer.«

Der Roman erzählt eine anrührende Geschichte: Die Kranken eines Dorfes ziehen zusammen in eine leer stehende Schule, sie gründen gewissermaßen eine Sterbe-Wohngemeinschaft, kochen gemeinsam, bestehlen sich, verlieben sich, heiraten einander unter dem Zeichen des Todes. In der sich rasch entvölkernden Gegend florieren einzig der Sarghandel und ein absurdes Geschäft mit Hochzeiten unter Verstorbenen. In einem Nachwort entschuldigt sich der Autor dafür, dass sein Buch »nichts von der Freude« enthalte, die unsere Welt ja auch erfülle, sondern einzig »ungeheuren Schmerz« für seine Leser bereithalte. Was nicht ganz stimmt, denn die Sorgen und Kümmernisse der Todgeweihten, ihre Bosheiten und Liebeshändel, verfolgt man durchaus mit großer, manchmal auch amüsierter Anteilnahme. Der Stil des Romans – eine gekonnte Synthese aus naivem Realismus, beißender Groteske und moderner Lakonie – knüpft weder an westlicher noch traditioneller Poetik an. Es ist ein Buch zwischen den Zeiten und den Welten, einsam und ziemlich traurig, wie sein bewundernswürdiger Autor.

 
Leser-Kommentare
  1. Dringend muß man, wenn's drängt, besonders von innen. Aber wer ein hochkomisches und zugleich trauriges Buch lesen möchte, in dem nebenbei ein eigensinniges Bild von chinesischer Mentalität und Geschichte gezeichnet wird, dem empfehle ich Yu Huas "Brüder". Hat allerdings nur an die 800 Seiten. Leider.

  2. dann ist er sicher 1963 geboren, oder ?
    ansonsten sehr interessanter artikel.

  3. soll er 21 gewesen sein. bin schon ganz durcheinander.

  4. "kam in Tjanjin zur Welt, einer Hafenstadt im Norden Chinas"

    ... und ging nach Paris, der franzoesischen Hauptstadt im Norden Frankreichs.

    :D

    • R.C.
    • 12.10.2009 um 16:47 Uhr

    (Bitte verzichten Sie auf das Posten von Werbung. Die Redaktion /ft)

  5. außer Eileen Chang sind die Schriftsteller in China ehr unbekannt. Zwei davon leben seit Jahr in Ausland. Kriegen sie wirklich mit, was in China gerade läuft, was die Leute denken? Ich bin davon verzweifelt. Selbst Eileen Chang gehört schon zu der Vergangenheit. Welchen die Deutschen dringend lesen sollte, sind Diejenigen, dessen Werken Generationen in China Einfluss gebracht haben, wie Luxun, Laoshe, Yu Hua, Jia Pinao, Wang Meng, Lu Yao .....

    Nicht allen haben mit Politik zu tun. Die Deutschen vor allem die Journalisten müssen nun klar werden, trotz der Zensur, was eigentlich mehr oder wenig überall in die Welt gibt, können die Chinesen die Literatur genießen.

    • Csab
    • 15.10.2009 um 12:15 Uhr

    Wahrlich....! Ich habe den obigen Artikel richtig genossen. Der "Zeit" meinen aufrichtigen Dank dafuer! Besonders herzenserwaermend fand ich, dass die "Zeit" auch diejenigen chinesischen Schriftsteller namentlich erwaehnt hat, die in China oder sonst in anderen Teilen Europas, alleine zuruecklassend, gaenzlich vergessen worden waeren!

  6. Einer Zweitübersetzung aus dem Französischen, wie sie bei Eileen Chang empfohlen wird, stehe ich doch generell eher kritisch gegenüber. Auch wird der Verlag nicht genannt; und die Leseempfehlungen sind etwas uneinheitlich geraten (aus dem Chinesichen, dem Chin., dem Chin ...). Wärmstens empfehlen kann ich den Band mit Erzählungen von Eileen Chang "Gefahr und Begierde", Ullstein 2008, aus dem Chinesischen von Susanne Hornfeck, , Wang Jue und Wolf Baus.

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