Literatur aus China Welche Autoren sollte man dringend lesen?
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Yan Lianke

YAN LIANKE

Er darf nicht zur Frankfurter Buchmesse kommen. Doch sein Roman  »Der Traum meines Großvaters« über den Aids-Skandal  in Henan ist eines der schönsten chinesischen Bücher dieses Herbstes.  Eine Begegnung mit einem traurigen, einsamen Autor in Peking. Von Iris Radisch

Chinesen weinen viel. Als Yan Lianke in Peking davon spricht, dass jedes süße freche Autorengirlie, das den Betrieb mit dem gerade angesagten Schmuddelkram versorgt, nach Frankfurt geladen wird, aber er nicht, werden seine Augen feucht. Auch als er seinen von der Zensur inzwischen verbotenen Roman über den Aids-Skandal, Der Traum meines Großvaters (aus dem Chinesischen von Ulrich Kautz; Ullstein Verlag, Berlin 2009; 364 S., 22,90 €) – sicherlich einer der schönsten chinesischen Romane, die zur Frankfurter Messe auf Deutsch erscheinen –, beendet hatte, ließ er seinen Tränen freien Lauf.

An seinem Beispiel werden der Widersinn und die Bodenlosigkeit der chinesischen Zensur- und Einladungspolitik besonders deutlich. Yan Lianke, geboren 1958, ist ein Bauernsohn aus der Provinz Henan, die Familie hungert, er verlässt die Schule mit 16 und schlägt sich als mittelloser Wanderarbeiter durch. Mit 20 geht er zum Militär, schreibt sich aus dem Nichts hoch, schreibt Nachrichten, Kulturprogramme, Propagandazettel, rettet seine Haut. Bald wird er berühmt, verfasst brave Revolutionsheldengeschichten nach sowjetischen Vorlagen, schreibt gefeierte Theaterstücke, wird ein schreibender Soldat, erhält Militärpreise, tritt in die Partei ein (in der er merkwürdigerweise noch immer ist). 1989 zog er nach Peking, in ein für die Öffentlichkeit nicht zugängliches Militärwohngebiet (wo er merkwürdigerweise noch immer lebt). »Ich war völlig systemkonform«, sagt er heute. Dann – mit 33 Jahren – kam seine »Kehre«. Ein Bandscheibenvorfall zwang ihn 3 Jahre lang ins Bett. Plötzlich erkennt er, dass 90 Prozent seiner Arbeit nur Schrott gewesen sind. »Wenn man liegend schreibt«, sagt er, »schreibt man nicht mehr für Geld.« Er beschloss, ein richtiger Schriftsteller zu werden.

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Seit jener Zeit will er nur noch über »wahre Menschen« schreiben. Er weiß, dass es seltsam klingt, aber in China, sagt er, »ist das etwas Besonderes«. Das erste Buch, das er als richtiger Schriftsteller verfasste, war ein Antikriegsbuch, es hieß Sommersonnenuntergang und wurde sofort verboten. Es folgten Romane über die Kulturrevolution, eine politische Parabel über Marx, Engels und Lenin – allesamt verboten. Einzig sein Dorfroman Die Sonnenstrahlen ziehen durch die Jahre aus dem Jahr 1998 wurde ein Erfolg wie in alten Zeiten.

Seinen verbotenen Roman über den Aids-Skandal in Henan hat er aus Verantwortung für seine Heimatprovinz geschrieben. Dort haben sich in den neunziger Jahren bis zu einer Million Bauern durch den korrupten Handel mit infiziertem Blut angesteckt, ganze Dörfer starben aus. Der Skandal wird von den Behörden bis heute vertuscht. »Die Intellektuellen haben dazu geschwiegen«, erbittert sich Yan Lianke, »sie schweigen noch immer.«

Der Roman erzählt eine anrührende Geschichte: Die Kranken eines Dorfes ziehen zusammen in eine leer stehende Schule, sie gründen gewissermaßen eine Sterbe-Wohngemeinschaft, kochen gemeinsam, bestehlen sich, verlieben sich, heiraten einander unter dem Zeichen des Todes. In der sich rasch entvölkernden Gegend florieren einzig der Sarghandel und ein absurdes Geschäft mit Hochzeiten unter Verstorbenen. In einem Nachwort entschuldigt sich der Autor dafür, dass sein Buch »nichts von der Freude« enthalte, die unsere Welt ja auch erfülle, sondern einzig »ungeheuren Schmerz« für seine Leser bereithalte. Was nicht ganz stimmt, denn die Sorgen und Kümmernisse der Todgeweihten, ihre Bosheiten und Liebeshändel, verfolgt man durchaus mit großer, manchmal auch amüsierter Anteilnahme. Der Stil des Romans – eine gekonnte Synthese aus naivem Realismus, beißender Groteske und moderner Lakonie – knüpft weder an westlicher noch traditioneller Poetik an. Es ist ein Buch zwischen den Zeiten und den Welten, einsam und ziemlich traurig, wie sein bewundernswürdiger Autor.

 
Leser-Kommentare
  1. Dringend muß man, wenn's drängt, besonders von innen. Aber wer ein hochkomisches und zugleich trauriges Buch lesen möchte, in dem nebenbei ein eigensinniges Bild von chinesischer Mentalität und Geschichte gezeichnet wird, dem empfehle ich Yu Huas "Brüder". Hat allerdings nur an die 800 Seiten. Leider.

  2. dann ist er sicher 1963 geboren, oder ?
    ansonsten sehr interessanter artikel.

  3. soll er 21 gewesen sein. bin schon ganz durcheinander.

  4. "kam in Tjanjin zur Welt, einer Hafenstadt im Norden Chinas"

    ... und ging nach Paris, der franzoesischen Hauptstadt im Norden Frankreichs.

    :D

    • R.C.
    • 12.10.2009 um 16:47 Uhr

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  5. außer Eileen Chang sind die Schriftsteller in China ehr unbekannt. Zwei davon leben seit Jahr in Ausland. Kriegen sie wirklich mit, was in China gerade läuft, was die Leute denken? Ich bin davon verzweifelt. Selbst Eileen Chang gehört schon zu der Vergangenheit. Welchen die Deutschen dringend lesen sollte, sind Diejenigen, dessen Werken Generationen in China Einfluss gebracht haben, wie Luxun, Laoshe, Yu Hua, Jia Pinao, Wang Meng, Lu Yao .....

    Nicht allen haben mit Politik zu tun. Die Deutschen vor allem die Journalisten müssen nun klar werden, trotz der Zensur, was eigentlich mehr oder wenig überall in die Welt gibt, können die Chinesen die Literatur genießen.

    • Csab
    • 15.10.2009 um 12:15 Uhr

    Wahrlich....! Ich habe den obigen Artikel richtig genossen. Der "Zeit" meinen aufrichtigen Dank dafuer! Besonders herzenserwaermend fand ich, dass die "Zeit" auch diejenigen chinesischen Schriftsteller namentlich erwaehnt hat, die in China oder sonst in anderen Teilen Europas, alleine zuruecklassend, gaenzlich vergessen worden waeren!

  6. Einer Zweitübersetzung aus dem Französischen, wie sie bei Eileen Chang empfohlen wird, stehe ich doch generell eher kritisch gegenüber. Auch wird der Verlag nicht genannt; und die Leseempfehlungen sind etwas uneinheitlich geraten (aus dem Chinesichen, dem Chin., dem Chin ...). Wärmstens empfehlen kann ich den Band mit Erzählungen von Eileen Chang "Gefahr und Begierde", Ullstein 2008, aus dem Chinesischen von Susanne Hornfeck, , Wang Jue und Wolf Baus.

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