China auf der Buchmesse Der große Knall bleibt aus

Auf der einen Seite steht das offizielle China, auf der anderen der Protest. Bei der Frankfurter Buchmesse begegnen sie einander nie. Aber: Was hatte man erwartet? Von Christoph Schröder

Die deutsche und die chinesische Flagge stehen am Pavillon des Gastlandes

Die deutsche und die chinesische Flagge stehen am Pavillon des Gastlandes

Die Farben der Flaggen kennt mittlerweile jeder, seit Auftritte des Dalai Lama in Deutschland ganze Fußballstadien füllen: Blau und rot, mit einer gelben Sonne in der Mitte. "Free Tibet" hallte es den Buchmesse-Besuchern entgegen, als sie aus der Straßenbahn am Messegelände ausstiegen. Vor dem Eingangsbereich, wo Antiquariatshändler ihre Tische aufgestellt haben, demonstriert eine Gruppe von Menschen für ein freies Tibet. Ach, was heißt eine Gruppe – ein Grüppchen ist es, kaum eine Hundertschaft, beaufsichtigt von ein paar Polizisten, die vielleicht eher aufpassen müssen, dass keiner der Protestler aus Versehen auf die viel befahrene Straße läuft.

Ein paar Meter weiter verteilen Helferinnen Exemplare der Zeitung The Epoch Times, auf deren Titelseite groß die Worte "Buch", "Zensur" und "China" prangen. Auf der ersten Seite berichtet der Schriftsteller Bei Ling in einem Essay von seiner Haftzeit in einem chinesischen Gefängnis: "Man verlangte von mir, dass ich die wesentlichen Sätze lernte, die von den Gefangenen gerufen wurden: 'Vielen Dank, Herr Wärter', 'Darf ich Ihnen berichten, Sir?', 'Huang Beiling, Zelle 1, Block 8, bittet, die Zelle betreten zu dürfen.'" "Das andere China", rufen die Frauen immer wieder und halten ihre Zeitungen in die Luft.

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Aber welches ist das eine und welches das andere China? Gerade Bei Ling war es ja, der vor rund einem Monat den Anstoß gab für die heftig geführten Diskussionen rund um den Ehrengast. Seinerzeit war Bei Ling, ebenso wie seine Kollegin Dai Qing, zunächst zum Symposium "China und die Welt", das den Ehrengastauftritt feierlich einläuten sollte, eingeladen und dann auf Druck der offiziellen chinesischen Delegation wieder ausgeladen worden. Besser gesagt: Die bereits ausgesprochene Einladung war nicht wiederholt worden. Allein schon das verbale Geeiere zeigt, welch ungeheure diplomatische Last sich die Buchmesse aufgeladen hatte. Zu viel, um sie tatsächlich stemmen zu können. Einem propagandistisch bestens aufgestellten Regime, noch dazu in Verbindung mit einem Kulturkreis, der uns fremder nicht sein könnte, kommt man nicht einfach so bei, trotz guten Willens.

Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth beispielsweise, die auf dem Symposium noch mit einer geradezu rüpelhaften Begrüßungsrede den Auszug der offiziellen Delegation aus dem Tagungssaal provoziert hatte, schien bei der Eröffnung plötzlich Kreide gegessen zu haben. Dagegen raffte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel immerhin zu der Bemerkung auf, sie wisse aus eigener Erfahrung, dass Bücher geeignet seien, um Diktaturen zu stürzen. Das war, wie man hört, beinahe schon zu deutlich für den in der ersten Reihe sitzenden stellvertretenden Staatspräsidenten Xi Jinping. Der Schriftsteller Mo Yan, auch in Deutschland populär, äußerte Allgemeinplätze. Mehr hätte man auch nicht erwartet.

Aber was hat man überhaupt erwartet? Die große Opposition? Den großen Knall? Der kam nicht. Stattdessen immer wieder Gerüchte. Dass der chinesische Auftritt ausgerechnet in Händen der GAPP, der obersten chinesischen Zensurbehörde lag, spricht Bände. Bereits am Mittwoch beschwerte man sich, die deutschen Medien würden weiterhin einseitig den Ehrengast kritisieren, anstatt, wie man erwarten dürfe, die chinesischen Autoren ins rechte Licht zu rücken. Bemerkungen wie diese geben Rückschlüsse auf ein diametral entgegen gesetztes Verständnis von der Rolle der Medien. Zurück zu den Gerüchten: Während des Suhrkamp-Kritikerempfanges am Mittwoch Nachmittag hieß es plötzlich, alle offiziellen Interviewtermine für den kommenden Tag seien abgesagt worden. Eine Ente, wie sich später herausstellte. Aber geglaubt haben es zunächst alle, warum auch nicht?

Prächtig, geschmackvoll, ästhetisch reizvoll: Die Selbstdarstellung des Ehrengastes im Forum der Frankfurter Buchmesse war ein Fest für die Augen. Tradition und Innovation, aha. Moderne Lesegeräte und große Holzlettern. China hat nämlich den Buchdruck erfunden. Hatten nicht auch in den Jahren zuvor die Gastländer Indien, Türkei und sogar Katalonien den Buchdruck erfunden? Oder gerät da in der Erinnerung etwas durcheinander? Auf dem Podium sitzen zwei kuriose Gestalten, die den Unterschied zwischen China und dem Westen mit Hilfe eines Flipcharts erklären: Im Westen gäbe es immer mindestens zwei Parteien, A und B, die sich gegenseitig schlecht machen würden, damit das Volk sie und nicht die anderen wählt. In China hingegen existiere nur die eine Partei, die sich aber zu beiderseitigem Nutzen im permanenten Austausch mit dem Volk befände. Oder so ähnlich. Vielleicht haben sie das auch gar nicht so gemeint.

Einige hundert Meter weiter, am im Halle 3 gut versteckten Stand des PEN, kamen jeden Tag Oppositionelle und Dissidenten zu Wort: zum Beispiel Zhou Qing, der in der Gesprächsrunde "Literatur als soziales Gedächtnis" berichtete, wie die Hungerkatastrophe der späten fünfziger Jahre bis heute offiziell als Naturereignis verkauft wird. Um das Gedächtnis geht es auch bei Ma Jian, dessen umfangreicher Roman Peking Koma im Rowohlt Verlag erschienen ist. Im Frankfurter Kunstverein sprach der Autor, der mittlerweile in London lebt, mit dem Sinologen Tilman Spengler über sein Buch, das von den Ereignissen des 4. Juni auf dem Platz des Himmlischen Friedens erzählt. Noch heute, so berichtet der Autor, quartiere sich die Polizei rund um jeden Jahrestag bei Augenzeugen des Massakers über mehrere Tage ein, um zu verhindern, dass Gespräche mit westlichen Medien zustande kämen.

"Diese Ereignisse", sagt Ma Jian, "sind aus dem kollektiven Gedächtnis meines Landes gestrichen worden. Die Erinnerung wird ausgelöscht. Mein Buch soll beweisen, dass die chinesische Regierung lügt." Und Spengler berichtete von einer Begegnung mit einem chinesischen Studenten in Peking vor wenigen Wochen. Dieser erzählte, er habe erst kürzlich von den Ereignissen von 1989 erfahren. Die Bereitschaft zum Verdrängen sei offenbar groß, sagt Spengler.

Noch einmal: Was darf, was kann, was soll man erwarten von einem Auftritt wie dem der Chinesen? War der Druck von Beginn an zu groß? Ist vielleicht sogar etwas Wahres an den Klagen der chinesischen Delegation, der Westen berichte einseitig? Oder kann man gar nicht einseitig genug werden, wenn man hört, einem deutschen Journalistenkollegen wurde auf die Frage nach einem verhafteten chinesischen Schriftsteller beschieden, da möge er sich doch bitte vor Ort bei der zuständigen Polizei erkundigen? Bei der chinesischen Nacht der Gegenwartsliteratur im Frankfurter Literaturhaus, das während der gesamten Messe vom Ehrengast bespielt wurde, gab es dichte atmosphärische musikalische Klänge und Lesungen auf Chinesisch, wie sonst? Ein sonderlich großes Interesse deutscher Besucher war nicht unbedingt erkennbar.

China und der Westen, China und die Buchmesse – möglicherweise war das von Beginn an, bereits in der Planung, ein Missverständnis. Dass China als Markt wichtig und hochinteressant ist; dass der Westen auf den ökonomisch erwachenden Riesen zugehen muss, versteht sich. Dass die Buchmesse und ihr Direktor Jürgen Boos immer wieder Zugeständnisse machen mussten, dass alle Beteiligten dabei wiederholt nicht gut aussahen, ist aber vielleicht auch gar nicht das Schlechteste. Reibung erzeugt schließlich Erkenntnisse, auch wenn diese nicht immer angenehm sind.
 

 
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