Julius Winsome ist ein Mann, den man möglicherweise als einen einfachen Menschen bezeichnen könnte. Einerseits. Andererseits lebt er inmitten von Büchern. Er hat sie von seinem Vater geerbt und gezählt, 3282 sind es. Julius arbeitet hin und wieder als Gärtner oder hilft in einer Autowerkstatt aus. Ansonsten verbringt er seine Tage lesend. Mit seinem Hund. In einer Hütte in den Wäldern von Maine, am nördlichsten Punkt der USA außerhalb Alaskas. Es ist einsam; wer hier lebt, legt Wert darauf, keine Nachbarn zu haben. Die Jahreszeiten, die Luft und das Licht entfalten eine ganz eigene Intensität.

Bis dahin alles recht unspektakulär, ebenso wie die Sprache, in der Winsome über sich selbst spricht: ruhig, beinahe ein wenig tumb: "Wenn ich mein bisheriges Leben in einem einzigen Satz zusammenfassen müsste, würde ich sagen, dass ich seit einundfünfzig Jahren in einer Hütte lebe."

Dass aus der Innenperspektive eines derart strukturierten Helden ein so aufregender, aufwühlender und verstörender Text entstehen könnte wie Gerard Donovans Roman Winter in Maine , ist kaum zu glauben. Doch eines Tages passiert etwas in Julius’ beruhigend gleichförmigem Leben: Sein Pitbullterrier Hobbes , benannt nach dem Staatstheoretiker Thomas Hobbes, dessen Werke sich selbstverständlich auch in Julius’ Bücherregal befinden, wird im Wald aus nächster Nähe erschossen, hingerichtet sozusagen. Und Julius Winsome, ausgestattet mit dem Scharfschützen-Gewehr seines Großvaters, startet einen Feldzug gegen die Menschheit im Allgemeinen und die im Wald umherstreifenden Jäger im Besonderen.

"Mit der Trauer", so heißt es, "kroch noch etwas anderes zur Tür herein, der Hauch von etwas anderem, meine ich. Es musste vom Holzstoß gekommen oder aus dem Wald hereingeweht sein, denn so ein Gefühl hatte ich noch nie gehabt." Es ist das Verlangen nach Rache, das da hereingeweht kommt.

Das Erschreckende daran: Man versteht diesen Mörder, der beginnt, scheinbar wahllos Jäger zu erschießen, nicht nur – man bleibt sogar dennoch auf seiner Seite, auf der Seite eines Killers. Der erste Mord geschieht mit einer Beiläufigkeit und einer Selbstverständlichkeit, dass man beinahe noch einmal hinschauen muss, um zu begreifen, was vor sich geht: "Ich legte das Gewehr an die Schulter, schoss aus meinen achtzig Metern Entfernung, und die Kugel traf ihn in die Halsfalten. Er griff danach, als wäre es ein Insekt, drehte sich mit weit aufgerissenen Augen halb um und fragte sich, was passiert war." Wenn er seine Opfer anredet, bedient Julius sich einer Liste von Vokabeln, die sein Vater ihn als Kind aus Shakespeare-Stücken hat abschreiben lassen: "Du bist blutdurchsiebt, sagte ich. Du bist bestoben."

"Die Sprache des Elisabethanischen Englands", sagt Gerard Donovan über sein Buch, "wird immer übermächtiger, je intensiver die Gewalt auftritt. Allmählich kehrt Julius geistig zu der Zeit zurück, in der er geboren hätte sein sollen. Er ist ein Charakter aus dem Mittelalter, der im zwanzigsten Jahrhundert geboren wurde." Ein Charakter, der von Einsamkeit getränkt ist und von einem Kummer, der nach und nach in Wut und Paranoia umschlägt. Der Tod seines Hundes ist nicht der einzige Verlust, mit dem Julius umzugehen hat: Auch die Frau, die es einmal für kurze Zeit in seinem Leben gegeben hat, ist ebenso urplötzlich daraus verschwunden wie sie hineingekommen ist: Eines Tages stand Claire im Wald vor seiner Blockhütte, einige Zeit später kam sie einfach nicht mehr.