Lesekultur

Das Bücheruniversum

Was ist besser: das gebundene Buch oder das digitale? Das Beispiel der Berliner Humboldt-Universität zeigt, dass sich beide gut ergänzen. Von Fokke Joel

Reproduktion der Innenansicht der Bibliothek des Jacob und Wilhelm-Grimm-Zentrums der Humboldt-Universität in Berlin

Reproduktion der Innenansicht der Bibliothek des Jacob und Wilhelm-Grimm-Zentrums der Humboldt-Universität in Berlin

Es hätte "Gottes glänzender Ironie" gefallen, ihm "gleichzeitig achthunderttausend Bücher und Dunkelheit zu schenken", schrieb der erblindende Jorge Luis Borges über seine Ernennung zum Direktor der argentinischen Nationalbibliothek. Damals, Mitte der fünfziger Jahre, brauchte er noch einen Vorleser; heute, im Zeitalter der Digitalisierung, hätte ein Hörbuch oder ein Vorleseprogramm genügt. Und in Zukunft? Was bleibt nach dem Einscannen aller Bücher von den Bibliotheken der Welt? Wird es noch jemand geben, der – wie Borges – als das wichtigste Ereignis seines Lebens die Entdeckung der väterliche Bibliothek anführt und nicht die Entdeckung von Google Books?

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Vielleicht lässt sich eine Antwort auf diese Frage in einer der modernsten Bibliotheken Europas finden. In Berlin, ganz in der Nähe vom Bahnhof Friedrichstraße, wurde sie für 75,5 Millionen Euro als neue Zentralbibliothek der Humboldt-Universität errichtet. Das neunstöckige mit ockerfarbenem Kalkstein verkleidete Gebäude, ist ein wahrer Büchertempel. 2,5 Millionen Bände stehen hier fein säuberlich in Bücherregalen aufgestellt, allein 1,5 Millionen davon für die Benutzer frei zugänglich. Die schlichte, linienförmigen Fassadenstruktur des Gebäudes, die an die Bauten aus Fritz Langs Metropolis erinnert, weist perspektivisch dorthin, wo die Menschheit schon immer hin wollte: in den Himmel. Aber man kann es auch umgekehrt sehen: In der christlicher Mythologie kommt aus dem Himmel der Geist, der den Menschen zum Menschen macht. Ein Geist, der sich – gemäß der späteren säkularen Bedeutung des Wortes als "denkende Tätigkeit" – unter anderem in Büchern materialisiert.

Allerdings stellt sich schon beim ersten Blick ins Innere der Bibliothek die Frage: Wie lange noch? Von den 1250 Arbeitsplätzen sind bereits 180 mit Tastatur und Bildschirm ausgerüstet. Auf den meisten anderen Arbeitstischen stehen die Laptops der Benutzer und sind über das hauseigene W-LAN mit dem Internet verbunden. Hier huschen immaterielle Zeilen und Seiten über den Bildschirm und scheinen die Materialität der Bücher zu verdrängen.

Doch der Eindruck täuscht, dass die vielen Bildschirme die nächste Angriffswelle der digitalen Revolution auf die Buchrücken aus Leinen, Leder oder Pappe sind. Der Direktor der Bibliothek, Milan Bulaty, sagt, dass sich die Buchausleihen verdoppelt haben, seit die Bibliothek vor einem Monat für die Benutzer geöffnet wurde. Hier gibt es keine Konkurrenz zwischen Bücher und Bildschirm, sondern sie stehen friedlich nebeneinander und ergänzen sich. Auch die Aussage, "dass durch die Existenz des Web weniger Bücher ausgeliehen werden, stimmt so nicht", meint Bulaty. Schon bei der Einführung des Online-Katalogs vor rund 10 Jahren seien die Ausleihen um 30 Prozent angestiegen.

Dass sich die digitalisierte Literatur noch nicht weiter durchgesetzt hat, mag mit der zurzeit noch unzureichenden Verfügbarkeit der aktuellen Literatur in digitaler Form zu tun haben; das Netz und die Zentrierung der Bücher an einem Ort machen es außerdem einfacher, Bücher auszuleihen oder zu verlängern. Aber die Bibliothek spiele auch weiterhin als Arbeitsort eine nicht zu unterschätzende Rolle, sagt Bulaty. Hier gibt es nicht nur schnell und unkompliziert Literatur, sondern gleichzeitig Ruhe und ein Atmosphäre, die die Arbeit erleichtert. Wichtig fände er außerdem, dass eine Bibliothek mit dem Stöbern und "Browsen" vor dem Regal Anregungen gibt, die man woanders so nicht bekomme.

Vielleicht ist es auch die Bildhaftigkeit, die der grenzenlosen digitalen Bibliothek noch den Weg zu den Lesern versperrt: Was soll man mit einem zweidimensionalen Scan, der das wirkliche Buch in den nicht wegretuschierten Flecken und Rändern noch erahnen lässt, wenn man das gebundene Buch ausleihen und in der Hand halten kann? Zumindest an Orten mit guten Bibliotheken wird das eine Weile noch dazu führen, dass Google Books unattraktiv bleibt und das unabhängig davon, ob es ein praktikables elektronisches Lesegerät gibt oder nicht.

Jorge Luis Borges wäre sicher fasziniert gewesen von der Möglichkeit, alle Bücher der Welt einscannen und über das Internet zur Verfügung stellen zu können. Aber vielleicht hätte er auf seine Erzählung Die Bibliothek von Babel verwiesen, um die Schwierigkeiten einer solchen Bibliothek deutlich zu machen. Eine Erzählung, in der er eine imaginäre Bibliothek beschreibt, die wie Google Books einen totalen Anspruch hat, allerdings einen, der sehr viel weiter geht. Es soll eine unendliche Bibliothek sein, eine, die identisch ist mit dem Universum, weil sich alles mit dem Alphabet ausdrücken lässt, ja mit den Buchstabenfolgen identisch ist. "Das Universum (das andere die Bibliothek nennen)...", schreibt er.

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Leser-Kommentare

  1. Wie soll ich ein digitales Buch abends im Bett lesen?
    Wo bleibt der Geruch von Papier?
    Haben Sie schon mal einen Text im Internet gelesen der länger als zehn Seiten ist! Also mir verschwimmt spätestens nach der siebten Seite alles vor Augen.
    Also ich werde immer das Buch in genbundener Form vorziehen!

  2. da hat man was gediegenes in der Hand. Man fühlt eine gewisse Wertigkeit und die Liebe des Autors und Verlages zu diesem Werk und dem Wert, den man ihm dort beimisst.

    Beim direkten Lesevergleich stelle ich fest, dass mich das "echte" Buch einfach mehr an sich bindet, ja fesselt.

    Es spricht mich in jeder Hinsicht einfach mehr an. Fühlt sich gut an, wie es so in der Hand liegt, verströmt i. d. R. ein angenehmes olfaktorisches Flair - wie schon hasenfuss2009 oben angedeutet hat, das Knistern des Papiers und wie es im Bücherschrank ruht...., dass alles ist eben mehr als nur die Summe seiner einzelnen Aspekte; Es ist ein anhaltender zeitloser Wert.

    • 21.11.2009 um 15:17 Uhr
    • luccas

    Besser für wen?
    Wer ein gebundenes Buch will, wird sich eins kaufen.
    Wer ein eBook haben will, wird sich eins auf seinen Kindle oder was auch immer laden.
    Also Hose wie Jacke.

  3. Ich glaube das Papierbuch bleibt, aber wir erleben den Anfang der neuen Dimension des Leseprozesses und zwar: ein rein pragmatisches Lesen, ohne das Buch zu geniessen und es besonders zu schätzen.... Was die neue Bibliothek anbetrifft, es ist sehr schön, abgesehen von unzureichender Kompetenz der Mitarbeiter, die manchmal das Buch auf ein falsches Regal stellen und die Unfreundlichkeit einiger Mitarbeiter in der Kantine .)

    • 21.11.2009 um 16:42 Uhr
    • Phi

    Mir gefällt es nicht, wenn wie so oft, versucht wird die digitale und analoge Bücherwelt gegeneinander aus zuspielen. Dieser Artikel stimmt versöhnliche Töne an. Wie schon Radio, TV und das Internet uns gezeigt haben: Nie wurde ein Medium vom anderen verdrängt.
    Die Panik so mancher Zeitgenossen, die das Ende des Buches heraufbeschwören wollen ist mir völlig unverständlich.

    Buch und Internet können sich hervorragend ergänzen. Wie das sein wird sehen wir in den nächsten Jahren.

    Persönlich fände ich es eine enorme Hilfe, wenn ich sämtliche Fachliteratur einfach durchsuchen könnte.

  4. Ich liebe Bücher! Aber...

    ...ein Beispiel aus meinem Leben:

    Ich besitze so ein elektronisches Universalgenie, einen iPod Touch. Eine der Anwendungen dieses Gerätes ist der "eReader", zur Darstellung von eBooks. Der iPod selber hat die Größe eines Notizblockes und ist unauffällig flach in Leder eingebunden. Ich trage ihn immer in meiner Hemdentasche. Bücher kaufe ich mit dem eReader im Internet. Dort durchstöbere ich einen riesigen Buchladen. Gekaufte Artikel lege ich entweder in ein virtuelles Bücherregal im Internet oder lade sie auf den iPod herunter. Derzeit befinden sich ca. dreißig literarische Werke und Wörterbücher auf dem Gerät, der benötigte Speicherplatz ist kaum messbar. Zum Lesen kann ich das Gerät nun an jedem Ort zu jeder Zeit zücken und mir so Momente gönnen, bei denen die "Klassiker" unter den Lesern nur sagen würden "Ach, hätte ich jetzt mein Buch dabei". Ich "schlage" das Buch auf, lese und blättere ähnlich wie beim "richtigen" Buch durch Wischen mit dem Zeigefinger. Das Lesegefühl ist dabei normal. Kann ich ein Wort nicht übersetzen, tippe ich es an und schon springt das Wörterbuch mit der Übersetzung auf.

    Nachteile:
    - Es gibt noch nicht alle Bücher in elektronischer Form.
    - Das Bücherregal im Wohnzimmer sagt dem Besucher nicht mehr, welche Literatur ich zu lesen vorgebe...
    - Wackelt mal ein Tisch dann sind die Buddenbrooks das adäquatere Mittel zur Beseitigung des Problemes
    - Kein Übergewicht im Fluggepäck - weniger Flirts mit den Damen am Schalter

  5. 7. da wir

    zu einer generation des handfesten buches gehören,mit dem buch in papierform aufgewachsen sind, ist die umgewöhnung auf das digitale lesen beschwerlich. aber die übernächste generation wächst wahrscheinlich ausschließlich mit dem ebook auf und wird das buch als unkomfortabel bezeichnen. eher gar nicht mehr lesen, wenn die entwicklung so weitergeht wie bisher...

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  • Von Fokke Joel
  • Datum 20.11.2009 - 19:25 Uhr
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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Kommentare 7
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