Christophe Frickers Gedichtband Das schöne Auge des Betrachters (2008) wurde kürzlich mit dem Hermann Hesse Förderpreis 2009 bedacht. Der 1978 in Wiesbaden geborene Autor und Übersetzer hat nun sein Prosadebüt veröffentlicht: Larkin Terminal. Von fremden Ländern und Menschen (2009) versammelt ein Dutzend ebenso tiefsinniger wie erfrischender literarischer Reportagen. Für eine von ihnen erhielt der leidenschaftliche Reisende Fricker, der zurzeit als Germanist an der Duke University in Durham, North Carolina, tätig ist, den Merkur-Essaypreis 2007.

ZEIT ONLINE: Herr Fricker, welchen Sinn hat das Reisen noch, wenn die ganze Welt verwestlicht ist, wie der große französische Anthropologe Claude Lévi-Strauss kurz vor seinem Tod beklagt hat?

Christophe Fricker: Meinen Sie denn, dass Vermischungen, Begegnungen nicht faszinierend sind? Wenn Sie nach Reinkultur suchen, gibt es in der Tat nur wenige Ziele. Diese liegen wohl auch nicht im sogenannten Westen. Der Westen ist nicht überall gleich. Oder können Sie mir zwei europäische Städte nennen, die identisch sind? Wer so etwas annimmt, ist kein guter Beobachter und kein Menschenkenner. Wovor Lévi-Strauss warnte, ist doch vor allem die Augenfaulheit des Reisenden. Mir geht es nicht um eine fragwürdige Reinheit von Traditionen, sondern um Deutlichkeit in der Wahrnehmung. Einem Menschen oder einem Ort wird man nicht gerecht, indem man ihn dafür kritisiert, dass er verschiedenen Einflüssen gegenüber offen war und ist, sondern indem man jetzt auf seinen Anspruch antwortet.

ZEIT ONLINE: Verraten Sie uns Ihr Motiv für die Reisen?

Fricker: An meinem 20. Geburtstag habe ich beschlossen, dass ich auf jedem Kontinent einmal studieren würde. Ich bewarb mich bei einer Handvoll Universitäten und ging an die University of Namibia. Das war ein großes Desaster, weil ich überhaupt nicht auf das eingestellt war, was mich dort erwartete. Im Lauf der nächsten Jahre habe ich versucht, ein besserer Reisender zu sein. In Freiburg, Singapur, Halifax, Oxford und Durham ging’s tatsächlich meist besser.

ZEIT ONLINE: Wieso klingt der Bericht über Oxford, den Sie in Ihrem neuen Buch geben, so gereizt?

Fricker: Es wundert mich, dass Sie diesen Eindruck haben. Ich habe mich bemüht, das gute und schöne Oxforder Leben in der Fülle seines feierlichen Alltags darzustellen. Dazu gehören natürlich auch Erwartungen an den Einzelnen, denen man sich stellen muss – was das Akademische angeht, aber auch die nach klösterlichem Vorbild gestaltete Gemeinschaft. Also vielleicht eher reizvoll als gereizt?

ZEIT ONLINE: Hat die Germanistik überhaupt noch eine gesellschaftliche Funktion?

Fricker: Das Schöne an der Literaturwissenschaft ist für mich die direkte Begegnung mit dem Text, mit dem Wort. Davon geht alles andere aus. Von daher bin ich mir ganz sicher, dass die Germanistik eine wichtige Aufgabe hat. Das Gerede von der Bildergesellschaft, zu der wir uns angeblich entwickeln, halte ich für übertrieben. Der Mensch lebt vom Wort her, das wird sich nicht ändern lassen.

ZEIT ONLINE: Ihr Reportagenbuch umfasst auch Porträts von Dichtern, die Sie besucht haben. Spüren diese Leute ihre schwindende Bedeutung in der Welt?