"Gedichte spenden Trost"
Fricker: Lyriker beklagen sich gern darüber, dass ihnen das Publikum abhanden kommt. Sie tun dabei so, als hätten sich nicht viele von ihnen selbst vor langer Zeit vom Publikum abgewandt. Viele Gedichte sind einfach nicht besonders interessant und gefallen sich in ihrer Sterilität. Schwindende Bedeutung von Dichtern hängt oft mit schwindender Bedeutsamkeit von Gedichten zusammen.
ZEIT ONLINE: Sie sind ein Vertreter jener Dichterschule, die für die Rückkehr des metrisch regulierten Verses eintritt.
Fricker: Die Dichter, die ich vorstelle, wenden sich gegen den Trend, den ich eben, etwas überspitzt, angesprochen habe. Sie schreiben eine Lyrik, die Eleganz und Verständlichkeit mit gedanklicher Tiefe und sorgfältiger Beobachtung verbindet. Philosophische Meditationen, zynische Alltagskommentare, verspielte Liebesgedichte und kritische Naturbetrachtungen feiern die Fülle der Welt und der Sprache. Dick Davis, Timothy Steele, Joshua Mehigan, Tom Nolan, Edgar Bowers und viele andere Dichter sowie natürlich ihre Leser sind Menschen, denen Lyrik etwas sagt und denen Lyrik dabei hilft, mit der Welt in Einklang zu kommen.
ZEIT ONLINE: Ihre eigenen Gedichte sprechen eine stille, aber nachdrückliche Sprache. Welche Hoffnungen und Wünsche sind es, die Sie mit Ihrer Lyrik verknüpfen?
Fricker: Ich hoffe, dass ich den Dank, den ich mit meinen Gedichten aussprechen will, angemessen formuliere. Und ich wünsche mir, dass er meine Leser dazu ermutigt, ihre Mitmenschen und ihre Umwelt wacher und zuversichtlicher anzusehen.
ZEIT ONLINE: Die Hesse-Preis-Jury rühmt Ihre Nähe zu Stefan George. "Schon eure zahl ist frevel", hat George mit Blick auf die moderne Menschheit gedichtet. Ist das Gedicht vielleicht der letzte wahre Rückzugsort des Einzelnen?
Fricker: Im besten Fall spenden Gedichte Trost, machen Mut und helfen dem Menschen dabei, sich auf die Grundlinien seiner Existenz zu besinnen. Insofern sind Gedichte wirklich ein Rückzugsort. Oder, um es mit dem griechischen Wort zu sagen: Gedichte gewähren Asyl. Aber das ist nur die eine Seite. Denn sie lassen den Menschen ja dort nicht allein. Wer ein Gedicht hat, ist nicht einsam. Er erfährt Zuspruch. Auf diese Weise ist ein Gedicht auch wieder ein Weg in die Gemeinschaft.
Das Gespräch führte Martin Brinkmann
- Datum 16.11.2009 - 17:34 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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das wird sich nicht ändern lassen"...
welch wunderbarer, wahrer Satz!
Ja, so ist es, Herr Fricker - auch wenn die Welt um uns herum zu einem nicht geringen Teil sprachlos geworden ist.
Worte: Gedanken, die ich wie meine Hand reichen kann.
Kein Bild, und sei es auch noch so schön, wird je ein Ersatz für sie sein, denn jedes Wort hat seine ganz eigene, unnachahmliche und lebendige Farbe.
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