Ein neues Magazin setzt Literatur unter Strom

Holen wir ein bisschen aus: Seit dem Jahr 1998 verlegt der jetzt nicht mehr ganz so junge Jungautor Dave Eggers in seinem Verlagskollektiv McScweeney’s witzige, schön gestaltete und skurrile Bücher. Die Website von McSweeney’s ist ein medialer Trödelladen, eklektisch und charmant, aber auch sehr chaotisch: Trotz RSS-Feed, Facebook-Anschluss und iPhone-App sind solche Textwüsten in Schwarz und Weiß nicht mehr sehr zeitgemäß. Anglistik-Studenten, Artforum-Leser und Freunde von mutigen, jungen US-Literaten haben sich deshalb ab 2004 eine zweite Plattform gesucht: Die Website der halbjährlich erscheinenden New Yorker Zeitschrift n+1.

Es hat wahrscheinlich seit der Frankfurter Schule keinen so eloquenten Club aus mürrischen, kulturpessimistischen Jungs mehr gegeben. Im vergangenen Jahr erklärten sie der Welt, warum Christopher Nolans The Dark Knight – allerseits zum besten Thriller des Jahres ausgerufen – kaum mehr sein kann als angepasste und fade Berieselung. Mad Men, die interessanteste Fernsehserie der letzten Jahre, umschreibt der n+1-Herausgeber Mark Greif als leblos, nervtötend und flach, und aktuell bitten die jungen Literaten die amerikanischen Schwulen, nicht ganz so laut das Recht zum Heiraten zu fordern – denn eigentlich stärken sie damit doch nur die repressiven Fesseln der Institution Ehe.

Den jungen Kulturpessimisten von n+1 liegt so einiges quer, und so notwendig viele ihrer Texte sind: Im Gesamten fühlt es zu oft an, als müsste man allein im Herbstregen stehen, in einer grauen, betonierten Fußgängerzone. Wohl fühlt man sich bei dieser Lektüre selten. Vielleicht geht es auch anderen Lesern so. Denn seit einem sehr wohlgesinnten New York Times-Artikel von Ende Oktober geistern begeisterte Links zu einer neuen Zeitschrift durch die Blogs.

Electric Literature ist leichter, schlichter, sonniger und netter. Eine zweimonatliche Zeitschrift, auffällig gestaltet und mit vereinfachtem Konzept: zwei New Yorker Nachwuchs-Verleger, 26 und 38 Jahre alt, veröffentlichen fünf starke Erzählungen. Als Print-Ausgabe als Internet-Abo und als Hörbuch. Und via Facebook und iPhone. Ab und zu sind sogar Texte auf Twitter geplant. Motzige Essays? Wozu? Electric Literature entwirft viel lieber große Utopien über die Zukunft des Lesens und die digitale Revolution der Verlagswelt.

"Unsere Mission ist es, der Kurzgeschichte zu einer starken Stellung in der Popkultur zurückzuverhelfen, mithilfe neuer Medien und innovativer Vertriebswege", heißt es auf der Website. "Innovativ" bedeutet hier: lustvoll die Möglichkeiten des Internets durchprobieren, Erzählungen aus allen medialen Kanälen feuern, möglichst offen, zugänglich und unprätentiös. Electric Literature, das ist die Bionade unter den Literaturzeitschriften, nett gemacht und schön gestaltet. Electric Literature entwirft mit großem medialen Schwung und ebenso großer Leidenschaft eine verlegerische Zukunft für Literatur im Kindle- und E-Book-Zeitalter. Zwei junge Männer reißen sich die Beine aus, um gute Texte an den Leser zu bringen. Dabei ist das digitale, Papier-freie Abo nur halb so teuer wie die Print-Ausgabe – und "umweltschonend", schwärmt der PR-Text auf Facebook. Gedruckt wird on demand. Das dort gesparte Geld zahlen die Herausgeber lieber an die Autoren.

"Unsere Generation steht mit einem Fuß in der Vergangenheit und mit dem anderen in der Zukunft. Wir müssen sicherstellen, dass diese mediale Lücke überbrückt und Literatur dabei bewahrt wird: Wir möchten nicht die sentimentalen Alten sein in einer Welt, in der Prosa nur noch den Sonderlingen wichtig ist", sagen die beiden Herausgeber. So kommt Bewegung in die Diskussion über das Wohl oder Übel digitaler Literatur.

An zwei Dinge sollte man, bei aller Euphorie, trotzdem erinnern: Zum intelligenten, kritischen Mahnen, Warnen und Stochern bleibt n+1 vorerst noch immer die beste Adresse. Und wer Erzählungen (statt nur die ersten Absätze als Appetithappen) will, braucht die Websites anderer, etablierterer Zeitschriften wie The Walrus, The Paris Review und den New Yorker oder der tollen, abgerockten KGB-Bar. Electric Literature ist keine Entdeckerzeitschrift! Mehr als die Hälfte der Autoren sind arrivierte Schriftsteller, sogar ein Pulitzer-Preisträger ist dabei. Viele haben schon mehrere eigene Bücher und ein paar, wie die von Rick Moody und Michael Cunningham, liegen schon seit zehn Jahren und länger in den Buchläden.