Gerhard Henschel "So schlampig wie Goethe wollte ich nicht sein"
Die Meppener Provinz! Hier erzählt Gerhard Henschel seinen "Jugendroman" aus Erinnerungsstücken und Schnappschüssen. Ein Interview mit dem Schriftsteller
Gerhard Henschel ist ein umtriebiger Autor. Gerade hat er mit zwei polemischen Büchern die Bild-Zeitung und deren Verlag abgeurteilt, eine akribische Studie über den sexuell konnotierten Antisemitismus und eine Aufsatzsammlung über Walter Kempowski vorgelegt. Jetzt folgt auch schon das nächste Buch. Nach dem viel gelobten Kindheitsroman setzt Gerhard Henschel in seinem neuen, einmal mehr brikettdicken Jugendroman sein poetisches Stenogramm für die Jahre 1975 bis 1978 fort. Wieder lässt er kurze Erzählschnipsel, Erinnerungsbruchstücke, Schnappschüsse chronologisch, aber unverbunden aufeinander folgen. Es gibt keinen wirklich stringenten Plot, nur eine akribische, dichte Beschreibung des tristen jugendlichen Provinzalltags zwischen Schule, Familie und Fußballplatz
ZEIT ONLINE: Als Sie im Jahr 2004 gefragt wurden, ob eine Fortsetzung vom Kindheitsroman geplant sei, meinten Sie: "Der müsste dann ja in Meppen spielen. Ich weiß nicht, ob Meppen das verdient hat." Hat Meppen es letztlich also verdient?
Gerhard Henschel: Das wird sich zeigen. Ich rechne zwar nicht mit der Verleihung der Ehrenbürgerwürde, aber wie ich höre, sind bereits ein paar Leser nach Meppen aufgebrochen, um die Originalschauplätze in Augenschein zu nehmen. Bei aller Schärfe der Kritik, die der Protagonist Martin Schlosser an Meppen übt, wird der Roman den Wirtschaftsstandort Meppen langfristig stärken. Da bin ich mir sicher.

Gerhard Henschel, geboren 1962
ZEIT ONLINE: Das Dokumentarische spielt eine große Rolle in Ihrem Werk, zum Beispiel in den Vorgängerromanen Die Liebenden und der Kindheitsroman. Können Sie sich nichts ausdenken, oder wollen Sie nicht?
Henschel: In meinem Roman Das erwachende Selber erlernt der Erzähler im Ashram einer erleuchteten Meisterin die Kunst, sich in reine Energie zu verwandeln, Mauern zu durchdringen und auf diese Weise ungestraft in Supermärkte einzubrechen. In Wiglaf Drostes und meinem Roman Der Mullah von Bullerbü feiert der welterfahrene Theologe Hans Küng in einem Eisenacher Hotelzimmer eine Party mit einer Büchse Köstritzer, einem Snickers, einem Feinripphemd und sich selbst. Und in meinem Roman Der dreizehnte Beatle tritt ein glühender Beatles-Fan eine Zeitreise ins Jahr 1966 an, weil er verhindern will, dass John Lennon Yoko Ono kennenlernt. In meinen Familienromanen halte ich mich aber lieber an die Fakten, denn es wäre ja unsinnig, eine Geschichte, die man selbst erlebt hat, fantasievoll auszuschmücken. Die Wahrheit ist in diesem Fall schon fantastisch genug.
ZEIT ONLINE: Die Alltagsgeschichte der Jahre 1975-1978 wird hier ziemlich skrupulös beschrieben. Wie wichtig ist Ihnen historische Exaktheit?
Henschel: Arno Schmidt hat ermittelt, dass Goethe in seinem Briefroman über die Leiden des jungen Werthers einen Spaziergang im Vollmond auf eine Nacht ohne Mondlicht datiert hat. Man kann es auch übertreiben mit der Pingeligkeit, aber so schlampig wie Goethe wollte ich dann doch nicht vorgehen. Wenn Martin Schlosser von Länderspielen oder Fernsehfilmen oder regionalen Feuersbrünsten erzählt oder auch nur vom Hochwasser an der Meppener Hase, dann sollten sich die Leser schon darauf verlassen können, dass er bei der Wahrheit bleibt und nicht träumt. Und wenn die Familie Schlosser eine Lottoziehung verfolgt und vier Richtige hat, dann nenne ich natürlich die damals gezogenen Zahlen, statt mir irgendwelche anderen aus den Fingern zu saugen.
Henschel: Dummerweise hat Martin Schlosser einmal beim Schwadronieren über das Fernsehprogramm zwei Regisseure miteinander verwechselt. Dem ersten Leser, der mir diesen blöden Fehler nachweist, mit Seitenangabe, werde ich an der Bar des Hamburger Theaters Fleetstreet am Rödingsmarkt ein Glas Champagner spendieren.
ZEIT ONLINE: Es treten ja einmal mehr unter Pseudonym, aber sonst kaum verfremdete reale Personen auf, über deren Schwächen sich der Erzähler ausführlich verbreitet. Was sagen die Porträtierten dazu?
Henschel: Die lachen darüber. Meine Verwandten haben mir geholfen, wo sie nur konnten; sie haben uralte Briefe und Fotoalben hervorgezaubert, die unmöglichsten Fragen beantwortet und mir verschollen geglaubte Super-8-Filme aus meinen Kindertagen zugesandt, und meine sechs Jahre ältere Schwester hat mir sogar ihre Pubertätstagebücher überlassen, zur freien Verfügung. Und wenn der seinerseits pubertierende Erzähler nun permanent auf seiner anderen, vier Jahre jüngeren Schwester herumhackt, dann verrät er weniger über deren Charakterdefekte als über seine eigene Unreife. Doch das merkt er natürlich nicht. Es ist jedenfalls immer wieder erfreulich, wenn sich bei Lesungen die eine oder andere meiner Romanfiguren im Publikum befindet.
ZEIT ONLINE: Der Roman ist montiert aus vielen kleineren Erzählsplittern. Wie schreiben sich solche – nennen wir sie mal: literarischen Fugen?
Henschel: Am Anfang wird gesammelt und sortiert: Wenn ich irgendeine Schlagerzeile zitiere, beispielsweise eine, die von "Schmidtchen Schleicher mit den elastischen Beinen" handelt, dann prüfe ich nach, zu welchem Zeitpunkt Martin Schlosser sie gehört haben könnte. Von diesem ganzen Datenschrott, der unser Leben durchsetzt, fällt in der Reinschrift vieles wieder unter den Tisch, und mit den übrig gebliebenen Partikeln spiele ich Scrabble, Mikado und Memory. Und selbstverständlich fange ich mit der Arbeit am Ende von vorne an. Irgendwann muss auch mal Schluss sein mit den Korrekturen, aber zeitgeschichtliche Romane haut man nicht einfach so heraus. Es sei denn, man heißt Walser, Böll oder Konsalik.
ZEIT ONLINE: Das ist die alte Kempowski-Schule. Einer Ihrer erklärten Hausheiligen, über den Sie erst kürzlich ein Buch geschrieben haben. Was verbindet Sie mit ihm, von den oberflächlichen formalen Korrespondenzen jetzt mal abgesehen?
Das Gespräch führte Frank Schäfer
- Datum 26.11.2009 - 15:27 Uhr
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Habe sein Buch: Kindheitserinnerungen mit grosser Freude gelesen, da wurden Erinnerungen wach.Freue mich auf sein neues Buch.
Und heute bekommt Henschel einen hoch dotierten Preis (25 tausend Euros), den ich meinem drittliebsten lebenden deutschen Autor von Herzen gönne. Ich verzeihe ihm sogar, dass er Herrn Kempowski mag. Ich nicht. Kempowskis ständigen Genörgel in dem einen Buch dass ich von ihm las (und dann verschenkte) über alle die nicht so rechts wie er stand, schrecklich...
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