Gerhard Henschel "So schlampig wie Goethe wollte ich nicht sein"
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 "Und dann lernte ich Walter Kempowski kennen..."

Henschel: Dummerweise hat Martin Schlosser einmal beim Schwadronieren über das Fernsehprogramm zwei Regisseure miteinander verwechselt. Dem ersten Leser, der mir diesen blöden Fehler nachweist, mit Seitenangabe, werde ich an der Bar des Hamburger Theaters Fleetstreet am Rödingsmarkt ein Glas Champagner spendieren.

ZEIT ONLINE: Es treten ja einmal mehr unter Pseudonym, aber sonst kaum verfremdete reale Personen auf, über deren Schwächen sich der Erzähler ausführlich verbreitet. Was sagen die Porträtierten dazu?

Henschel: Die lachen darüber. Meine Verwandten haben mir geholfen, wo sie nur konnten; sie haben uralte Briefe und Fotoalben hervorgezaubert, die unmöglichsten Fragen beantwortet und mir verschollen geglaubte Super-8-Filme aus meinen Kindertagen zugesandt, und meine sechs Jahre ältere Schwester hat mir sogar ihre Pubertätstagebücher überlassen, zur freien Verfügung. Und wenn der seinerseits pubertierende Erzähler nun permanent auf seiner anderen, vier Jahre jüngeren Schwester herumhackt, dann verrät er weniger über deren Charakterdefekte als über seine eigene Unreife. Doch das merkt er natürlich nicht. Es ist jedenfalls immer wieder erfreulich, wenn sich bei Lesungen die eine oder andere meiner Romanfiguren im Publikum befindet.

ZEIT ONLINE: Der Roman ist montiert aus vielen kleineren Erzählsplittern. Wie schreiben sich solche – nennen wir sie mal: literarischen Fugen?

Henschel: Am Anfang wird gesammelt und sortiert: Wenn ich irgendeine Schlagerzeile zitiere, beispielsweise eine, die von "Schmidtchen Schleicher mit den elastischen Beinen" handelt, dann prüfe ich nach, zu welchem Zeitpunkt Martin Schlosser sie gehört haben könnte. Von diesem ganzen Datenschrott, der unser Leben durchsetzt, fällt in der Reinschrift vieles wieder unter den Tisch, und mit den übrig gebliebenen Partikeln spiele ich Scrabble, Mikado und Memory. Und selbstverständlich fange ich mit der Arbeit am Ende von vorne an. Irgendwann muss auch mal Schluss sein mit den Korrekturen, aber zeitgeschichtliche Romane haut man nicht einfach so heraus. Es sei denn, man heißt Walser, Böll oder Konsalik.

ZEIT ONLINE: Das ist die alte Kempowski-Schule. Einer Ihrer erklärten Hausheiligen, über den Sie erst kürzlich ein Buch geschrieben haben. Was verbindet Sie mit ihm, von den oberflächlichen formalen Korrespondenzen jetzt mal abgesehen?

Henschel: Ich habe das Glück gehabt, ihn schon 1984 persönlich kennenzulernen. Wir sind danach in einem losen Kontakt miteinander geblieben. Als er schon todkrank war, besuchte ich ihn noch einmal, um ihm einige Fragen zu stellen, für das Buch, das ich über ihn schreiben wollte. Am Ende unseres Gesprächs ergab sich der folgende Dialog: "So, mein Lieber! Woran arbeiten Sie jetzt?" – "Ich setze jetzt den Kindheitsroman fort mit dem Jugendroman." – "Ah, da komm ich dann ja auch drin vor!" – "Nicht ganz, der geht bis 1981 ..." – "Wie schade! Vielleicht können Sie als letzten Satz ... 'Und dann lernte ich Kempowski kennen, da wurde alles anders.'" Bis zum Jahr 1981 werde ich allerdings erst im nächsten Roman kommen.

Das Gespräch führte Frank Schäfer
 

 
Leser-Kommentare
    • Sonate
    • 27.11.2009 um 12:40 Uhr

    Habe sein Buch: Kindheitserinnerungen mit grosser Freude gelesen, da wurden Erinnerungen wach.Freue mich auf sein neues Buch.

  1. Und heute bekommt Henschel einen hoch dotierten Preis (25 tausend Euros), den ich meinem drittliebsten lebenden deutschen Autor von Herzen gönne. Ich verzeihe ihm sogar, dass er Herrn Kempowski mag. Ich nicht. Kempowskis ständigen Genörgel in dem einen Buch dass ich von ihm las (und dann verschenkte) über alle die nicht so rechts wie er stand, schrecklich...

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