Belletristik Ein Mann, drei Pünktchen

Hier kommt ein hellwacher Weltgeist: Das Gesamtwerk des Autors Giwi Margwelaschwili wird endlich veröffentlicht. Eine verlegerische Heldentat. Von Insa Wilke

Giwi Margwelaschwili, Jahrgang 1927

Giwi Margwelaschwili, Jahrgang 1927

Tief beugt sich der zierliche alte Mann mit den buschigen Augenbrauen über den 800 Seiten starken Buchklumpen. Wenn der Berliner Giwi Margwelaschwili aus seinen Werken liest, sieht es aus, als wolle er in sie eintauchen. "Und ich immer in diese Pünktchen rein", ruft er, und dann blitzen seine Augen das erstaunte Auditorium an, wenn er zu der Stelle mit den berüchtigten drei Auslassungs-Pünktchen kommt. Da hat er die Zuhörer schon am Schlafittchen gepackt, zieht sie mit in seine Textwelt.

Der Kantakt heißt Margwelaschwilis Roman, der jetzt im Verbrecher Verlag erschienen ist und von den Kontakten zwischen Leser und Figuren erzählt. Er verdankt sich einem eher harmlosen Missgeschick, das erfahrene Aufenthaltsstipendiaten nicht verwundern wird: Als Margwelaschwili an einem Wochenende im Jahr 1995 sein Amt als Stadtschreiber von Rheinsberg antreten will, scheitert er an der Haustür: eingesperrt. Der am Vortag mit allen Ehren überreichte Schlüssel passt von innen nicht und Margwelaschwili verbringt sein Wochenende notgedrungen mit nichts weiter als Kurt Tucholskys Erzählung Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte.

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Weil er aber schon seine Stadtschreiberwohnung nicht verlassen kann, will er wenigstens als Leser frei in Tucholskys "Buchweltbezirk" Rheinsberg spazieren und mit den Figuren plaudern. Doch Pustekuchen: "Als verlesestofflichter Geist ist man in den Buchweltbezirken buchstäblich nur Erscheinung, man hat die Klappe zu halten." Nur zuschauen, nicht eingreifen. Oder?

Dieses Oder lotet Margwelaschwili auf 800 Seiten in alle denkbaren Richtungen aus. Verschrobener als Jorge Luis Borges, flapsiger als Italo Calvino und witziger als Alberto Manguel erzählt er so von seinen Versuchen, mit den Buchpersonen Claire und Wolfgang "metathematisch" anzubandeln und schlägt dabei diverse Kapriolen über Gedankenstriche und die fatalen weißen Flächen zwischen den Kapiteln. Der Roman ist aber mehr als vergnügliche und anschauliche Lektüre für germanistische Vertiefungsseminare zur Literaturtheorie. Er erzählt auch Lebensgeschichte. In Rheinsberg fällt Margwelaschwili ein, dass sein Stadtschreibergefängnis "ausgezeichnet" zu seiner bisherigen "Lebens- und Leseerfahrung" passt.

Denn auf solchen leeren Plätzen (mitten drin, zugleich außen vor) hat Margwelaschwili oft gesessen: Im Jahr 1927 in Berlin, wo er als Sohn georgischer Emigranten geboren wurde und aufwuchs. Im Jahr 1946, als der sowjetische Geheimdienst den Vater, Dozent an der Berliner Universität, ermordete. Als er selbst erst ins KZ Sachsenhausen, dann nach Georgien verschleppt wurde, wo er die fremde Sprache lernen musste und später am Philosophischen Institut der Akademie der Wissenschaften in Tiflis Heidegger weiterschrieb und die Philosophie vom "Leben im Ontotext" erdachte.

Die Ähnlichkeiten der Gesetze von Realwelt und Buchwelt sind offenkundig: In der einen wie der anderen Welt bestimmen größere Texte das eigene Thema, bis hin zur "Lese-Lebenspleite" vieler hoffnungsfroher Autoren durch den gescheiterten "Makrokantakt" nach 1989. "Kantakt" ist die russische Aussprache von "Kontakt", meint aber auch die Verneigung vor Kant und der Überzeugung, dass die geistige und weltpolitisch andauernde Kraftprobe gegensätzlicher Parteien, unter der die "Hintergrundpersonen" am meisten leiden, allein durch Vernunft zu beenden sei.

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