Es ist ein Vorrecht der erzählenden Künste, derartige Konstellationen zu erfinden: An seinem vierzigsten Geburtstag erhält Julio Christian, ein in Scheidung lebender Studiomusiker für chinesische Schnellimbiss-Songs, ein erstes leeres Einschreiben. Über fast zwei Jahre wiederholt sich das in schöner Regelmäßigkeit: Leere Einschreiben treffen allmonatlich ein und lassen den, wie es heißt, "müden" Helden zunehmend ins Grübeln kommen. Seit dem vierten Einschreiben ist er dabei, der Sache näher auf den Grund zu gehen. Eine Reise in die eigene Vergangenheit findet statt, ein Menschwerdungsprozess nimmt seinen Lauf.

Mit seinem im Jahr 2007 erschienenen Roman ego shooter, einer in jeder Hinsicht kompromisslosen Darstellung einiger Tage im Leben eines Computerjunkies, ist Martin von Arndt zum literarischen Hoffnungsträger avanciert. Für einen Auszug aus Der Tod ist ein Postmann mit Hut hat er beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2008 immerhin den zweiten Platz in der Publikumsbewertung zugesprochen bekommen. Auf seine ironische, bisweilen sogar derbe Weise ist auch dieses neue Werk des 1968 geborenen promovierten Religionswissenschaftlers, der heute als Schriftsteller und Musiker bei Stuttgart lebt, beeindruckend. Wie es diesem Autor gelingt, aus einer zunächst reichlich gewollt wirkenden Idee literarisch Kapital zu schlagen, ist tatsächlich lesenswert.

Vor allem die Rückblicke auf das gescheiterte, auch von familiären Todesfällen beschattete Eheglück des Helden geben das eigentliche Anliegen des Buches preis. Dies dürfte in der Schilderung eines nicht nur müden, sondern schlicht schwer gestürzten Gemüts liegen. Wohl nicht erst seit dem Beziehungsende seelisch minder gestimmt, seitdem aber ziemlich nahe der Lebensuntüchtigkeit, gewinnen die Recherchen des wahrscheinlich auch vor der Midlife-Crisis nicht gefeiten Ich-Erzählers einen selbsttherapeutischen Wert.

Denn natürlich sind die leeren Einschreiben als Mahnung gedacht, endlich das eigene Leben in die Hand zu nehmen, das herrschende existenzielle Vakuum mit vitalen Äußerungen zu füllen, sich nicht länger der Verwirklichung eines wie auch immer gearteten Schicksals zu verweigern.

Dass der Autor bemüht ist, die seelischen Befindlichkeiten seines Helden durch qualitativ wertvolle literarische Beobachtungen sozusagen nach außen zu spiegeln, ist ihm hoch anzurechnen. So ist der Der Tod ist ein Postmann mit Hut weniger eine spannende Geschichte, auch nicht so sehr ein "Seelenkrimi", wie der Verlag es gerne hätte, sondern vielmehr ein Laboratorium von Wahrnehmungen und Reflexionen, aus denen der Leser einigen Gewinn ziehen kann, so er denn empfänglich für derartig extreme Feinheiten ist.

Vielleicht ist das die größte Leistung der Literatur überhaupt, wenn es ihr gelingt, das kaum in Worte Fassbare, die wehmütige Empfindung in schlagende, poetisch revolutionäre Sprache zu übersetzen: "Der Tag hängt tropfnaß an einer Wäscheleine und fällt gelegentlich, von Windstößen erfaßt, in den Rasen, um dort Lachen um sich her zu bilden und so lange liegenzuleiben, bis eine vierschrötige Hausfrau ihn aufhebt, kräftig durchschüttelt und unter lautem Schimpfen zurück auf die Leine befördert."

Von Arndts Sprache lässt alle Anmutungen einer kreativen Schreibübung verschmerzen: Den Rahmen, diese bemüht kafkaeske Geschichte von den Einschreiben ohne Inhalt. Oder den Auftritt des liebenswerten Grantler-Nachbarn, eines Kriminalisten im Ruhestand, der sich nichts Schöneres vorstellen kann, als sich privatdetektivisch an der Suche nach dem Verursacher besagter Einschreiben zu beteiligen. Und auch nicht zu vergessen das rätselhafte "Protokoll des Gregor B.", das der Leser vermutlich in irgendeine intuitiv schwer verständliche Fernbeziehung mit der Hauptgeschichte bringen soll. Mit Der Tod ist ein Postmann mit Hut hat sich Martin von Arndt, dessen Beobachtungsgabe und Sprachbeherrschung zu den schönsten Erwartungen berechtigen, neuerlich als angehender Autor von Rang zu erkennen gegeben.