70 Jahre Marvel Comics Kinnhaken für HitlerSeite 2/2
Bis heute lebt Marvel in gewisser Weise von den kreativen Leistungen der Mannschaft um Stan Lee. Über die Jahre und Jahrzehnte versuchte man immer wieder, alte Vigilanten abzustauben und ihre Gegenwartstauglichkeit auszutesten, mit mal mehr, mal weniger Erfolg. Ein paar neue Figuren kamen aber doch hinzu, die erfolgreichsten waren Wolverine und der Punisher, die bereits in den Siebzigern einer Trend vorbereiteten, den Frank Miller mit seiner zynischen, illusionslosen Post-Punk-Interpretation des Daredevil auf den Punkt brachte. Der Held der Achtziger war grim and gritty – und so richtig hat er sich nie wieder von seiner schlechten Laune erholt.
Mitte der Neunziger Jahre ging es Marvel noch einmal beinahe an den Kragen. Eine Comic-Spekulationsblase war gewachsen, die Hefte wurden als bloße Wertanlage gekauft und nicht einmal mehr aus der Zellophanschutzhülle ausgepackt. In der Folge überschwemmte eine Welle von Sammlerartikeln (Hefte mit vier unterschiedlichen Covern zum Beispiel) und narrativ minderwertigen neuen Titeln den Markt – und Marvel mischte da fröhlich mit. Die sich notwendig anschließende Flurbereinigung traf den Verlag ins Mark, 1996 musste er Konkurs anmelden. Erst mit den Hollywood-Verfilmungen von Spider-Man, Hulk, X-Men, Iron Man, die nicht nur üppige Lizenztantiemen einspielen, sondern auch die Nachfrage nach den Comic-Vorlagen ankurbelten, konnte sich das Unternehmen sanieren.
Und Marvel profitiert nun auch von der längst fälligen Imageverbesserung des Genres. Die mittlerweile sogar vom bürgerlichen Feuilleton mit einiger Aufmerksamkeit bedachten Graphic Novels hielten Einzug in die Buchläden – und seitdem findet man hier auch zumindest Marvel-Kompilationen. Das wird Stan Lee freuen, andererseits sind sie all die Jahre auch ganz gut ohne den Ritterschlag der Hochkultur ausgekommen. Ende August hat der Disney-Konzern das Marvel-Universum gekauft, für vier Milliarden Dollar.
- Datum 11.11.2009 - 16:51 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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