Roberto Saviano

Einer, der mit der Feder auf Verbrecher zielt

Der Schriftsteller Roberto Saviano ist für seinen Mut mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet worden. Die Laudatio von ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo

Der Schriftsteller Roberto Saviano

Der Schriftsteller Roberto Saviano

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich will nicht lange drum herumreden: Es gibt zurzeit niemanden in Italien, dessen Geschichte mich so bewegt und empört wie die von Roberto Saviano. Man muss sich das einmal vorstellen:

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Da ist ein junger Mann aus Süditalien, der nach seinem Philosophie-Studium an einem Buch über das organisierte Verbrechen in seiner Heimat schreibt. Er interviewt Camorra-Mitglieder, studiert Akten, verfolgt Gerichtsprozesse und recherchiert verdeckt als Hafenarbeiter. Und er denkt sich: Wenn ich Glück habe, finde ich einen kleinen Verlag, und das Buch verkauft sich ein paar tausend Mal. Lieber Roberto, als ich Dich kennenlernte, warst Du schon ein gefeierter Bestseller-Autor und hast mir verraten, dass Du damals während eines Besuchs in Deutschland eine Freundin um meine Telefonnummer gebeten hattest. Du wolltest mich vom Bahnsteig aus anrufen und fragen, ob ich in Deutschland vielleicht einen kleinen Verlag kenne, der Dein Buch eventuell in sein Programm aufnehmen könnte.  

Der Preis

Der Geschwister-Scholl-Preis ist eine literarische Auszeichnung, die seit 1980 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels und der Stadt München vergeben wird. Ausgezeichnet wird jährlich ein Buch, "das von geistiger Unabhängigkeit zeugt und geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut zu fördern und dem gegenwärtigen Verantwortungsbewusstsein wichtige Impulse zu geben." Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird bei einem Festakt in der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität überreicht.

Der Preisträger

Roberto Saviano, geboren 1979 in Neapel, ist Schriftsteller und Journalist. Im Jahr 2006 veröffentlichte er den dokumentarischen Roman Gomorra, in dem er die Schrecken der italienischen Camorra beschreibt und die Vernutzung des organisierten Verbrechens mit der Politik. Seither erhielt Saviano zahlreiche Morddrohungen und lebt unter Polizeischutz versteckt an wechselnden Orten. Den Geschwister-Scholl-Preis bekommt Saviano für sein Buch Das Gegenteil von Tod (Hanser Verlag, 2009). Darin stellt er die Frage nach der Möglichkeit eines anderen Lebens – wenn nicht gegen, so doch neben der Camorra.

Da ist also ein junger Journalist, der etwas aufschreibt, das seit Jahrzehnten zu fassen war und von anderen hätte ausgesprochen werden müssen. Es wäre deshalb falsch, diesen Mann einen Enthüllungsjournalisten zu nennen: Seit Jahren wissen wir ja – oder könnten wir zumindest wissen –, welches Unwesen die Mafia direkt vor ihrer Haustür treibt. Er selbst sagt: "Alles, was in meinem Buch vorkommt, weiß in Neapel jeder Polizeireporter. Jedes Detail." Doch nur er fand die Mittel, die Wahrheit so auszusprechen, dass ein Land erschüttert war.

Und plötzlich hat da jemand, der noch nicht einmal 30 Jahre alt ist, zwei Bürden zu tragen, von denen schon eine ausreichen würde, um einen Menschen zu erdrücken.

Roberto Saviano muss sich seit drei Jahren verstecken, und zwar auf viel dramatischere Weise als die Verbrecher, auf die er aufmerksam gemacht hat. Rund um die Uhr wird er von Carabinieri bewacht, er zieht von einer Polizeikaserne, von einer Wohnung zur nächsten, wie ein Nomade im Feindesland. Seine Mutter, sein Bruder und eine Tante mussten eine neue Identität annehmen. Fluglinien haben sich geweigert, ihn zu befördern, Hotels und Restaurants verschärfen ihre Sicherheitsvorkehrungen, wenn er zu Gast ist. Und selbst wenn es vielleicht nicht für jeden sofort sichtbar ist: Auch heute Abend, weit weg von Italien, werden wir ziemlich gut bewacht.

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Leser-Kommentare

  1. Vielen Dank für ihren Artikel!! Ich schätze es ungemein, wenn ausländische Zeitungen über die Probleme in Italien schreiben. Ich liebe dieses Land, es hat so viel mehr zu bieten als Pasta und Pizza - es kann so viel... Nur leider ist es im Sumpf steckengeblieben, die Politik der letzten Jahrzehnte war ein Desaster. Das war nicht immer verdient. Ich glaube trotzdem, dass Italien da rauskommen kann, wie es auch Govanni Falcone gesagt hat. Und ich sag mal ganz klar, wie das gehen könnte: Es muss unbedingt gelingen, das System Berlusconi zu stürzen und es braucht EINE Regierung, die öffentlich zugibt, dieses Problem nicht ohne Hilfe aus dem Ausland lösen zu können. Da ist einfach Europa gefragt. Und es geht da weniger um finanzielle Unterstützung. Somit ist ihr Artikel genau die richtige Reaktion auf Savianos Hilferuf "Gomorrah". Weil er letztendlich den Kern des Problemes ganz offen für ALLE darlegt: Der Italiener, der im Radius der Mafia lebet und arbeitet, dort Familie hat, sich durchboxt, hat oft nicht die Wahl - er muss sich irgendwie arrangieren - und ist damit schon Opfer und Mittäter zugleich.

  2. Was für ein schöner Artikel! Vielen Dank, ich habe mich wirklich sehr gefreut!
    Ich möchte noch etwas zu Roberto Saviano sagen. In der Tat ist sein Schicksal ein äußerst tragisches, wenn man sein Alter bedenkt und dann darüber nachdenkt, wie eingeengt nun sein Leben ist.
    Wenn es so etwas wie Wohltaten oder Nutzen für gute Taten gibt, so gehört Saviano wohl zu den wenigen, die unermesslichen Nutzen aus dem erlangen werden, was sie getan haben. In der Tat gibt er sein Leben für diese gute Sache im Kampf gegen die Kriminalität.
    Er zieht ständig von einem Wohnort zum nächsten, kann womöglich nicht heiraten und lebt unter ständiger Angst getötet werden zu müssen. Er kämpft für das Glück der Menschen ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben zu nehmen. Menschen von einem solch außerordentlichen Charakter gibt es nur noch ganz wenige in der heutigen Zeit.
    Reden kann jeder, doch sein Leben für eine Sache zu geben, das können nur ganz wenige.
    In diesem Sinne ist der Geschwister-Scholl-Preis vollkommen verdient, da die beiden ja bekanntlich hingerichtet wurden für ihren Mut.
    Sophie würde sich bestimmt freuen Roberto! =)

  3. Savianos Lebenswerk sollte mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet werden, der Geschwister-Scholl-Preis ist nicht genug.
    Sein Buch hat eine ganze Nation wachgerüttelt, selten wurde die Macht des geaschriebenen Wortes so deutlich wie bei Saviano. Jedes Kind sollte seinen Namen kennen. Hut ab vor diesem mutigen Mann!

  4. 4.

    Sehr schön.
    Italien braucht mehr Kluge Köpfe wie Saviano oder auch Orlando!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    dass Italien genug kluge Köpfe hat. Leider schenkt man denen wenig Gehör. Es müssen in Italien wieder die richtigen Leute zu Wort kommen, das ist ein wichtiger Prozess! Ich hab auf youtube die Intervention von Saviano bei Fazio in "Che tempo che fa" gesehen. Auch Marco Travaglio hat erst kürzlcih den deutschen DJV Preis für Pressefreiheit gewonnen. Auch er ist einer der schärfsten Journalisten Italiens, das Land hat es einfach nötig, dass Leute wieder den Finger in den Dreck stecken. Denn ein Problem kann man nur lösen, wenn ins Licht gerückt wird. Das muss zu allererst geschehen.
    Generell finde ich schon, dass Italien zur Zeit eine Umbruchstimmung erfährt, man weiß auch politisch nicht wie es weiter gehen soll. Und ich kann es nicht oft genug sagen: Berlusconis Regierung wird keine Probleme lösen können, das muss Italien einfach verstehen lernen. Ist aber nicht so einfach, er besitzt Fernsehsender, hat seine Anwälte ins Parlament geholt (Ghedini und co.) und ist auch ein gesegnetes Medientalent.

  5. Dieser Artikel über den Schriftsteller Roberto Saviano ist mit Abstand, ich sage mit Abstand, der beste, den ich je gelesen habe. Roberto Saviano ist für mich ein Gleichaltriger, ein Schriftsteller, ein Sprachtalent, aber vor allem ist er ein Mensch, dem ich unsägliche Achtung entgegenbringe für sein Engagement im Kampf um Gerechtigkeit und Freiheit.
    Dieser Artikel ist feinfühlig, ist aufrichtig, ist: ein Himmel von Worten gegen den Dreck, den die Verleumdung und Diffamierung anspülen

  6. Die klammheimliche Machtergreifung durch die amerikanische CIA Spionagemafia an Universitäten und an ihren hilflosen Opfern, den Studenten und Wissenschaftlern, hat sich schon längst vollzogen. In einer auf Interviews und erzählenden Elementen bestehenden Spionage- und Verschwörungsdokumentation über ein kriminelles CIA-Verlagshaus wird Zeitgeschichte lebendig. Das CIA Unternehmen bettelt nicht um Hilfe bei der amerikanischen Regierung - es ist Teil der amerikanischen Schattenregierung und unterwandert Universitäten weltweit. Für das CIA Verlagshaus besitzt die akademische Freiheit keinen Wert.

    Ich habe Licht in eine dunkle Räuberhöhle gebracht. Jetzt liegt es beim Leser, das Labyrinth zu erkunden und weitere Ermittlungen an die Öffentlichkeit zu bringen. Ich selbst hege an den kriminellen Auswüchsen des amerikanischen Systems keinen Zweifel mehr. Ich habe nach hunderten von Gesprächen mit dem Chef eines CIA Subunternehmers und jahrelangen Recherchen zu dem Buchprojekt aufgezeigt, was in Wirklichkeit passiert. Ich war der Angestellte und homosexuelle Vertraute des CIA Bosses in Amerika. Das wissenschaftliche Verlagshaus ist ein mächtiger Spieler in der internationalen Spionage des CIA.

    "University Spy - A True Story"

  7. ... lieber Herr di Lorenzo!
    Allerdings vermisse ich in der ZEIT die durchgehende Information über die politischen Verhältnisse in Italien. Bislang ist man ja auf Beppe Grillos Blog angewiesen, um die Orientierung nicht vollends zu verlieren. Da könnten Sie doch bestimmt noch ein wenig Raum schaffen, in der ZEIT, um so etwas regelmäßiger "Öffentlichkeit" herzustellen, von der Sie sprechen.

  8. dass Italien genug kluge Köpfe hat. Leider schenkt man denen wenig Gehör. Es müssen in Italien wieder die richtigen Leute zu Wort kommen, das ist ein wichtiger Prozess! Ich hab auf youtube die Intervention von Saviano bei Fazio in "Che tempo che fa" gesehen. Auch Marco Travaglio hat erst kürzlcih den deutschen DJV Preis für Pressefreiheit gewonnen. Auch er ist einer der schärfsten Journalisten Italiens, das Land hat es einfach nötig, dass Leute wieder den Finger in den Dreck stecken. Denn ein Problem kann man nur lösen, wenn ins Licht gerückt wird. Das muss zu allererst geschehen.
    Generell finde ich schon, dass Italien zur Zeit eine Umbruchstimmung erfährt, man weiß auch politisch nicht wie es weiter gehen soll. Und ich kann es nicht oft genug sagen: Berlusconis Regierung wird keine Probleme lösen können, das muss Italien einfach verstehen lernen. Ist aber nicht so einfach, er besitzt Fernsehsender, hat seine Anwälte ins Parlament geholt (Ghedini und co.) und ist auch ein gesegnetes Medientalent.

    Antwort auf "Kommentar Nr. 4"
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