Der Tag der Ausreise, 1984 © Simon Schwartz/ Avant Verlag

Es jährt sich der Tag, an dem die DDR ihre innerdeutsche Grenze öffnete. Klar, dass nun, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer, wieder die Geschichten kommen, die erzählen, wie es damals war. Der Illustrator Simon Schwartz, 1982 in Erfurt geboren und heute in Hamburg lebend, hat sich intensiv mit der Zeit in der DDR beschäftigt: In seinem Comic Drüben! erzählt er, wieso seine Eltern anderthalb Jahre nach seiner Geburt das sozialistische System verließen.

Simons Mutter kann nicht glauben, was vor sich geht. Zu Hause hat jemand eingebrochen. Gestohlen hat der Unbekannte jedoch nichts, lediglich ein Foto ihres Mannes fehlt. Der Vater, Lehrer von Beruf, macht sich zudem Gedanken, wie er es den Eltern erklärt, weshalb ihre Kinder jetzt den Wehrkundeunterricht besuchen müssen. Und in der Clique erzählt man sich, dass immer mehr Prominente wie Manfred Krug in den Westen gehen. Als dann auch noch der Direktor der Schule Simons Vater damit beauftragt, einen Vortrag darüber zu halten, weshalb der Einfall der sowjetischen Armee in Afghanistan gerechtfertigt sei, entscheiden sich die Eltern, einen Ausreiseantrag zu stellen.

Simon Schwartz' Comic kratzt nicht am System der DDR. Er zeigt die Innerlichkeit seiner Figuren. Seine Bilder leben von klaren Konturen, adäquater Weise ist alles in Grautönen und kontrastreichem Schwarz-weiß gehalten. Die Gesichter sprechen, sie brauchen beinahe keinen Text. Wenn der Vater den Entschluss gefasst hat, in den Westen auszureisen, dann muss man es nicht lesen – man weiß auch so, was vor sich geht: Seine Eltern sehen nicht, dass es am System liegt, sie fühlen sich verlassen und denken womöglich, sie selbst sind an allem schuld. Ihren Sohn lassen sie alleine stehen.

Man vermutet anfangs, der Comic kippe bald auf die politische Diskussionsebene, der Autor erhebe den Zeigefinger. Doch Drüben! bleibt auf 120 Seiten ein persönlicher Rückblick auf den Lebensweg der Eltern. Dazu hat sich Simon Schwartz etliche Stunden mit seinen Eltern und Großeltern hingesetzt und sie über das Gestern ausgequetscht. Denn im Zentrum geht es ihm um die Frage, was Mama und Papa dazu bewogen hat, eines Tages dem Land den Rücken zu kehren. Entweder kam man mit dem System zurecht oder nicht.

© Simon Schwartz/ Avant Verlag

Ein Comic als Beitrag zur deutschen Geschichte: Ja, geht das denn? Und ob! Im Kern zeigt Drüben! sogar, dass das gesellschaftliche Leben mehr Auswirkungen auf das Individuum hat, als es die Politiker glauben mögen. Klingt übertrieben? Nein, mitnichten. Denn das persönliche Schicksal seiner Eltern lässt sich auf viele Menschen, die in der DDR gelebt haben, übertragen. Wer mit dem System nicht umgehen konnte, der musste seinen Weg finden, der oft nach Westen führte. Und sei es noch so schmerzhaft, dass die Zurückgelassenen plötzlich Verräter zu einem sagten.