Verlage Suhrkamp verteidigt Verkauf seiner Archive nach Marbach
Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach wird das Archiv des Suhrkamp-Verlags übernehmen. Verlegerin Unseld-Berkéwicz spricht von einer "Investition in die Zukunft".
In einem Interview hat sich die Suhrkamp-Verlegerin und Witwe des 2002 gestorbenen Verlagschefs Siegfried Unseld, Ulla Unseld-Berkéwicz, zum umstrittenen Verkauf der Verlagsarchive geäußert: "Kein Privatunternehmen kann ein derartiges Archiv aus eigener Kraft angemessen betreuen." Wie am Freitag bekannt geworden war, gehen die Suhrkamp-Archive mit Manuskripten und Korrespondenzen berühmter Autoren wie Martin Walser, Hermann Hesse, Bertolt Brecht oder Ricarda Huch an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach (Baden-Württemberg).
Experten taxieren den Wert der Sammlung auf fünf bis sieben Millionen Euro. Unseld-Berkéwicz nannte keinen Kaufpreis, kündigte aber an, den Gewinn in den Verlag zu investieren. "Wir denken, jeder Profit muss sich dadurch rechtfertigen, dass dabei neue gute Bücher möglich werden. (...) Wir bekommen Geld, mit dem wir Dinge finanzieren, die den Kulturstand mehren. In der Summe profitiert die lesende Öffentlichkeit. Sinnvoller lässt sich mit einem Erbe nicht umgehen", sagte sie dem Spiegel. Der Suhrkamp Verlag zieht zum Jahreswechsel von Frankfurt nach Berlin.
In den Medien hat es Spekulationen gegeben, das Unternehmen brauche Geld. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete, im Kunsthandel werde schon nach neuen Besitzern für einige verlagseigene Kunstwerke gesucht, zu denen der berühmte Goethe von Andy Warhol gehören solle. "Stutzig" mache, dass dem Weltbild Verlag eine Lizenzausgabe von Uwe Tellkamps Suhrkamp-Bestseller Der Turm nur ein Jahr nach dem Erscheinen der Originalausgabe gewährt werde "in einer Art Clubausgabe zu Weihnachten für 14,95 Euro".
Bisher hatte die Frankfurter Goethe-Universität die Archive verwaltet, scheiterte nun aber mit einem Übernahmeangebot. Zur Begründung für den Zuschlag an Marbach sagte Unseld-Berkéwicz: "Die Adresse steht für bewusste Anstrengungen, die Zerstreuung literarischen Erbes zu bekämpfen, weil man dort eben weiß, dass es sich bei diesem Erbe nicht um eines handelt, das man aufteilen, zuteilen kann. (...) Marbach erschließt der Öffentlichkeit die Dimension dessen, was privater Reichtum war." Der Marbacher Archiv-Leiter Ulrich Raulff sagte am Freitag: "Der Hauptgrund war kein finanzieller, Frankfurt hat auch viel Geld geboten." Den Ausschlag für Marbach gegeben hätten vielmehr die dortige Infrastruktur, das Fachwissen der 200 Mitarbeiter sowie der Wunsch der noch lebenden Literaten, ihre Vor- oder Nachlässe Marbach zu überlassen.
Die Dokumente sollen zentral in Marbach gelagert werden und den Namen Siegfried-Unseld-Archiv tragen. Unseld (1924-2002) gilt als einer der wichtigsten Verleger deutschsprachiger Nachkriegsliteratur und hatte einen regen Austausch mit seinen Autoren. Nach dem Tod des Verlagsgründers Peter Suhrkamp hatte Unseld das Unternehmen als alleiniger Geschäftsführer geleitet. Das Suhrkamp Archiv gilt als wesentlicher Bestandteil des geistigen Erbes der Bundesrepublik. Für die Marbacher Fachleute sei der Kauf allenfalls mit der 1952 erfolgten Übernahme des Archivs der Cottaschen Verlagsbuchhandlung vergleichbar, das als wichtigstes Archivs des 19. Jahrhunderts gilt.
Noch in diesem Jahr sollen die Archive der zur Gruppe gehörenden Verlage Suhrkamp und Insel nach Marbach gebracht werden. Der Verlag erwartet, dass das Archiv das Material zügig erschließt und Forschung und Öffentlichkeit zugänglich macht. Mit dem Umzug soll jede Gefährdung der Bestände durch mehrfachen Transport oder provisorische Lagerung ausgeschlossen und für optimalen Erhalt gesorgt werden.
- Datum 01.11.2009 - 13:43 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE, dpa
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren