Da ist dieses Pärchen. Über eine Online-Annonce hat es sich gefunden. Von Kindern ist die Rede, von einer gemeinsamen Zukunft. Eines Abends entdeckt die Frau, dass auf der Partnerbörse das Profil ihres Freundes noch aktiv ist. Er hat weitergesucht. Die Frau beschließt, ihn zu verlassen. Zuvor stellt sie ihn zur Rede. Er streitet ab. Es sei doch nur ein Spiel gewesen. Doch irgendwann sagt er in die Stille: "Da war eine Sehnsucht, nach einer Frau ... Ich weiß es auch nicht."

Mit dieser Geschichte beginnt Sven Hillenkamps Buch Vom Ende der Liebe. Hillenkamp, Jahrgang 71, ehemals Redakteur des Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen und der ZEIT, erzählt darin von der Unmöglichkeit der Liebe. Seine These: Die Liebe werde an zu vielen Möglichkeiten erstickt.

Ausgerechnet die Freiheit, die den modernen Menschen erst in die Lage versetzt hat, seine Liebe selbst zu wählen, die ihn befreit hat von Klassen, Kulturen und Wünschen der Eltern, hat Hillenkamp zufolge daran Schuld: Als nahezu manisch beschreibt er den "Homo Quaerens", den Ewigsuchenden, den Menschen mit dem eingebauten Google-Suchfenster, der nie aufhört, nach etwas Besserem, Schöneren, Erfüllenderem zu fahnden.

Ehen scheitern in der Tat dort am häufigsten, wo die Menschen mit den meisten anderen Menschen zusammenkommen. Nur, was war das auch für eine Liebe, früher, die nur darin bestand, dass es keine Gelegenheiten gab? Oder die "Minne", die nur besungen, nie gelebt wurde? Hillenkamp sagt nicht, dass Freiheit schlecht und die alte Zeit besser wäre. Er sagt nur, dass Freiheit die Menschen auch nicht glücklicher gemacht hat.

Gut beobachtet sind seine Beschreibungen allemal: Die Menschen leben heute in dem Bewusstsein, dass es für all ihr Tun eine Erklärung gibt, und eine Möglichkeit, ihr Handeln, ja sogar ihr Denken zu formen. "Sie finden in sich selbst immer zugleich ein Gefühl vor und eine Theorie zu diesem Gefühl." Der herbeigesehnte Andere soll ihnen helfen, sich weiterzuentwickeln, er soll ihnen aber auch ähneln, weil sie sich selbst nach ihren Idealen erschaffen haben.

Sex werde zum Maßstab einer gelungenen Wahl. "Die freien Menschen wollen den Anderen im Sex und im (erregenden) Gespräch lieben." Interessant sind die Abgrenzungen, die Hillenkamp vornimmt. Da verbirgt sich Dünkel, auch wenn Hillenkamp nie moralisiert, sondern nur beschreibt: Sex wird zum Maßstab der Liebe, "nicht mehr aufgrund einer gemeinsamen Natur- und Kunst-, also Welterfahrung, deren Voraussetzung die erzwungene Distanz der Liebenden ist, so dass die Liebenden sich nur mittelbar, erfahren können."

Sven Hillenkamp ist Journalist, doch der Stil seines Buches ist unjournalistisch: wenig geordnet, eher anekdotisch, mäandernd. Er schreibt selbst: "Wenn Gedanken und Geschichten in diesem Buch sich oftmals aneinanderfügen wie die Szenen eines Films – ohne das Gesagte nochmals zusammenzufassen, den Sinn des jeweiligen Teils für das Ganze zu erklären - , so darum, weil der Lesende Mensch bleiben soll, Erfahrender, nicht mutieren soll zum Allwissenden, Abgeklärten."