Sachbuch Schluss jetzt mit Liebe!

In Sven Hillenkamps neuem Buch findet der moderne Mensch die große Liebe nicht mehr. Er scheitert an den unerschöpflichen Möglichkeiten der Partnerwahl. Von Tina Klopp

Menschen finden sich – und trennen sich wieder. Eine Folge unserer modernen Gesellschaft?

Menschen finden sich – und trennen sich wieder. Eine Folge unserer modernen Gesellschaft?

Da ist dieses Pärchen. Über eine Online-Annonce hat es sich gefunden. Von Kindern ist die Rede, von einer gemeinsamen Zukunft. Eines Abends entdeckt die Frau, dass auf der Partnerbörse das Profil ihres Freundes noch aktiv ist. Er hat weitergesucht. Die Frau beschließt, ihn zu verlassen. Zuvor stellt sie ihn zur Rede. Er streitet ab. Es sei doch nur ein Spiel gewesen. Doch irgendwann sagt er in die Stille: "Da war eine Sehnsucht, nach einer Frau ... Ich weiß es auch nicht."

Mit dieser Geschichte beginnt Sven Hillenkamps Buch Vom Ende der Liebe. Hillenkamp, Jahrgang 71, ehemals Redakteur des Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen und der ZEIT, erzählt darin von der Unmöglichkeit der Liebe. Seine These: Die Liebe werde an zu vielen Möglichkeiten erstickt.

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Ausgerechnet die Freiheit, die den modernen Menschen erst in die Lage versetzt hat, seine Liebe selbst zu wählen, die ihn befreit hat von Klassen, Kulturen und Wünschen der Eltern, hat Hillenkamp zufolge daran Schuld: Als nahezu manisch beschreibt er den "Homo Quaerens", den Ewigsuchenden, den Menschen mit dem eingebauten Google-Suchfenster, der nie aufhört, nach etwas Besserem, Schöneren, Erfüllenderem zu fahnden.

Ehen scheitern in der Tat dort am häufigsten, wo die Menschen mit den meisten anderen Menschen zusammenkommen. Nur, was war das auch für eine Liebe, früher, die nur darin bestand, dass es keine Gelegenheiten gab? Oder die "Minne", die nur besungen, nie gelebt wurde? Hillenkamp sagt nicht, dass Freiheit schlecht und die alte Zeit besser wäre. Er sagt nur, dass Freiheit die Menschen auch nicht glücklicher gemacht hat.

Gut beobachtet sind seine Beschreibungen allemal: Die Menschen leben heute in dem Bewusstsein, dass es für all ihr Tun eine Erklärung gibt, und eine Möglichkeit, ihr Handeln, ja sogar ihr Denken zu formen. "Sie finden in sich selbst immer zugleich ein Gefühl vor und eine Theorie zu diesem Gefühl." Der herbeigesehnte Andere soll ihnen helfen, sich weiterzuentwickeln, er soll ihnen aber auch ähneln, weil sie sich selbst nach ihren Idealen erschaffen haben.

Sex werde zum Maßstab einer gelungenen Wahl. "Die freien Menschen wollen den Anderen im Sex und im (erregenden) Gespräch lieben." Interessant sind die Abgrenzungen, die Hillenkamp vornimmt. Da verbirgt sich Dünkel, auch wenn Hillenkamp nie moralisiert, sondern nur beschreibt: Sex wird zum Maßstab der Liebe, "nicht mehr aufgrund einer gemeinsamen Natur- und Kunst-, also Welterfahrung, deren Voraussetzung die erzwungene Distanz der Liebenden ist, so dass die Liebenden sich nur mittelbar, erfahren können."

Sven Hillenkamp ist Journalist, doch der Stil seines Buches ist unjournalistisch: wenig geordnet, eher anekdotisch, mäandernd. Er schreibt selbst: "Wenn Gedanken und Geschichten in diesem Buch sich oftmals aneinanderfügen wie die Szenen eines Films – ohne das Gesagte nochmals zusammenzufassen, den Sinn des jeweiligen Teils für das Ganze zu erklären - , so darum, weil der Lesende Mensch bleiben soll, Erfahrender, nicht mutieren soll zum Allwissenden, Abgeklärten."

Das ist gut und schlecht zu gleich: Die lose Form zerstreut das Denken, gibt wenig vor. Doch es verleitet den Autor auch zur Redundanz. Nach dem ersten Drittel möchte man ausrufen: "Ja doch, ich habe es verstanden! Der Mensch ist frei und er trifft ständig auf schöne "Passanten", die er kennen lernen möchte, aber was Ernstes wird ja doch nie daraus!"

Noch eine Warnung gibt Hillenkamp im Vorwort aus: Das Buch sei übertrieben. In der Tat, und wie es übertreibt. Ständig werden Menschen beschrieben, die man persönlich nicht kennt: Die hysterisch Suchenden, sich permanent selbstbefriedigenden, an der Freiheit verzweifelnden, manischen Narzissten.

Im eigenen Bekanntenkreis überwiegen die, die schon lange suchen, aber nie jemanden treffen. Oder die, die sich nie trennen, obwohl man es ihnen wünschte. Die Menschen, von denen Hillenkamp spricht, sind selbst Menschen aus zweiter Hand: Von ihnen liest man in den (Hochglanz)-Magazinen oder Sachbüchern, sieht sie in Doku-Soaps und Independent-Filmen.

Das soll nicht heißen, dass er diese Unzufriedenheit nicht treffend beschreibt, diese Lücke und Leere. Man könnte sie aber auch einen Motor nennen, faule, selbstzufriedene Menschen würden keine Autos und keine Firmenimperien aufbauen, ja vermutlich noch nicht einmal Kunst machen. Das Problem ist doch, wenn diese Lücke umschlägt, und sich nicht in Neugier und Suche manifestiert, sondern in Nörgeln, Missgunst, Ängstlichkeit und Konservativismus.

Hillenkamp glaubt, dass der Weg zurückführe zur Vernunftehe. Am Ende merken die freien Menschen, dass ihnen die Zeit davonrinnt, ohne dass sie den oder die richtigen gefunden haben. Deshalb nehmen sie einfach einen Partner, der ihnen "gut tut". Sie sagen: "Ich will nicht mehr verletzt werden. Ich will keinen Stress mehr." Behaglichkeit siegt. Auch das Paar vom Anfang trifft sich wieder, der Mann kämpft um die Frau, die ihn verließ, weil er heimlich weitersuchte. Sie heiraten und ziehen aufs Land, kriegen zwei Kinder, schaffen einen Hund an, das Internet ab. Sie tun einander gut, doch die Sehnsucht bleibt.

Den letzten Schritt geht Hillenkamp nicht: Die Liebe als das Ding zu entlarven, das sowieso nie ist, sondern immer nur herbeigesehnt wird, unerreichbar bleibt, und ein Platzhalter für die Lücken im Leben, so wie Gott oder der Sinn des Lebens oder die humanistische Letztbegründung. Indem er permanent von der abwesenden Liebe spricht, erhebt er sie nur weiter. Romeo und Julia sind nicht umsonst eine der größten Liebesgeschichten der Weltliteratur – sie haben sich im Alltag nie ertragen müssen.
 

 
Leser-Kommentare
  1. Es bleibt die Erkenntnis, daß die Moderne dem Menschen zwar viele Optionen eröffnet, ihn damit aber nicht unbedingt glücklich macht, vielleicht sogar überfordert.
    Die Vereinsamung, hervorgerufen durch den Mangel an Entschlußfreudigkeit, trifft eben gerade nicht nur die die Armen, Häßlichen und Gemeinen.
    Ein guter Artikel von Tina Klopp.

    • eras
    • 17.11.2009 um 0:30 Uhr

    ...nach dem perfekten, makellosen Liebesglück verengt, übersieht, wie weitreichend der Erwartungsstress für die junge Generation inzwischen geworden ist. In allen Bereichen des Lebens sind die Heranwachsenden mit Idealen konfrontiert, die in ihrer Gesamtheit schlicht unerreichbar sind. Schon allein, weil sie sich gegenseitig ausschliessen.

    Junge Mädchen hungern sich schlank und träumen wahlweise vom Dasein als Model, Schauspielerin, Popstar - oder wenigstens Partyluder. Wenn sie es durch Kindheit und Jugend geschafft haben, gehts (für die Akademiker) an der Uni gleich weiter. Rekordstudienzeit, multiple Fremdsprachen, Auslands- und Berufserfahrung sowie diverse Zusatzqualifikationen - so sehen die Idealbilder (ständig präsent in den heutigen Stellenanzeigen) aus, denen nur Supermenschen gewachsen sein können. Und irgendwo zwischendurch soll man dann auch noch den Traumpartner finden, der natürlich wieder einem ganzen Strauss an medial vermittelten Eigenschaften mitzubringen hat. Charmant aber zurückhaltend, perfekt von den Berufsaussichten bis zum Normgenital. Kinder dann bitte aber auch noch, aber nicht auf Kosten des Jobs.

    Vielleicht ist der Tod von Robert Enke auch deshalb auf derart grosse Resonanz gestossen. Weil viele es eben kennen, das Gefühl von Überforderung, Stress und Versagensangst - und der Unzufriedenheit, wo man doch eigentlich ganz glücklich sein könnte...

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    • Yadgar
    • 17.11.2009 um 7:05 Uhr

    ...wir wandern alle nach Afghanistan aus, treten in ein Karthäuserkloster ein oder werden Amische! Keine Freiheit, kein Frust!

    Sind wir wirklich so frei, oder ist uns mit der Sprengung der einen Kette am anderen Ende eine neue gewachsen? Der Kommentar von eras weist zu Recht auf die Unerreichbarkeit heutiger ästhetischer und lebensperspektivischer Ideale hin: Die vermeintliche Freiheit mündet nur allzu oft in kollektiver Fokussierung auf ein bestimmtes uniformes Bild von perfektem Partner, perfektem Sex, perfektem "unendlichen Spass".
    Man muss nur mal in der Strassenbahn ein Auge auf die H&M-Soldatinnen werfen, die sich beinahe wie Ei dem anderen gleichen. Klar, war tendenziell schon immer so. Allerdings könnte man manchmal meinen, besagtes Bild sei alles, was uns als soziales (und romantisches) Kommunikationsmittel geblieben ist. Flirten geht ja nicht mehr, seit Alle nur noch autistisch auf ihre Bildschirme starren.
    Es lohnt aber auch ein Blick auf die schreiend komischen, weil eben im gleichen Sinne überrissenen Kontaktanzeigen im ZEIT-Magazin, wo offenbar nur akademische, sportliche, kulturell irre interessierte Prinzessinnen und Herzöge inserieren.

    • Yadgar
    • 17.11.2009 um 7:05 Uhr

    ...wir wandern alle nach Afghanistan aus, treten in ein Karthäuserkloster ein oder werden Amische! Keine Freiheit, kein Frust!

    Sind wir wirklich so frei, oder ist uns mit der Sprengung der einen Kette am anderen Ende eine neue gewachsen? Der Kommentar von eras weist zu Recht auf die Unerreichbarkeit heutiger ästhetischer und lebensperspektivischer Ideale hin: Die vermeintliche Freiheit mündet nur allzu oft in kollektiver Fokussierung auf ein bestimmtes uniformes Bild von perfektem Partner, perfektem Sex, perfektem "unendlichen Spass".
    Man muss nur mal in der Strassenbahn ein Auge auf die H&M-Soldatinnen werfen, die sich beinahe wie Ei dem anderen gleichen. Klar, war tendenziell schon immer so. Allerdings könnte man manchmal meinen, besagtes Bild sei alles, was uns als soziales (und romantisches) Kommunikationsmittel geblieben ist. Flirten geht ja nicht mehr, seit Alle nur noch autistisch auf ihre Bildschirme starren.
    Es lohnt aber auch ein Blick auf die schreiend komischen, weil eben im gleichen Sinne überrissenen Kontaktanzeigen im ZEIT-Magazin, wo offenbar nur akademische, sportliche, kulturell irre interessierte Prinzessinnen und Herzöge inserieren.

    • tikvah
    • 17.11.2009 um 3:13 Uhr
    3.

    kann ich dir nur zustimmen eras!

    Es liegt an jedem von uns Druck von unseren Mitmenschen zu nehmen und Anerkennung zu spenden dort wo es nur geht.

    • Yadgar
    • 17.11.2009 um 7:05 Uhr

    ...wir wandern alle nach Afghanistan aus, treten in ein Karthäuserkloster ein oder werden Amische! Keine Freiheit, kein Frust!

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    gibt es so etwas wie ein Glück in der (freiwilligen!) (Selbst-)Beschränkung. Kein Grund zur Ironie, sondern eher für die Feststellung, dass dem modernen Menschen eben die Fähigkeit zu dieser Beschränkung - die auch etwas mit Selbsterkenntnis zu tun hat - abhandengekommen ist. Freiheit als Fetisch. (Der Rest steht schon bei Herrmann Hesse im "Steppenwolf".)

    gibt es so etwas wie ein Glück in der (freiwilligen!) (Selbst-)Beschränkung. Kein Grund zur Ironie, sondern eher für die Feststellung, dass dem modernen Menschen eben die Fähigkeit zu dieser Beschränkung - die auch etwas mit Selbsterkenntnis zu tun hat - abhandengekommen ist. Freiheit als Fetisch. (Der Rest steht schon bei Herrmann Hesse im "Steppenwolf".)

  2. Ich glaube heutzutage findet man die Liebe nur dann, wenn man sie nicht sucht...

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    oh! wie weise...;-)

    ne, ehrlich. das war schon immer so und gilt nicht nur für die liebe!

    guten morgen!

    oh! wie weise...;-)

    ne, ehrlich. das war schon immer so und gilt nicht nur für die liebe!

    guten morgen!

    • tess
    • 17.11.2009 um 10:39 Uhr

    Absolute Flexibilität und sich alles offen lassen, bloß nicht festlegen. Und dabei muss es längst nicht um die große Liebe gehen. "Kommst du heute Abend mit ins Kino?" - "Du, ich weiß nicht, kann ich mir das noch offen lassen?" Aber natürlich. Wann wird diese Anwort endlich auch vor dem Traualtar akzeptiert werden? ;-)
    Vielfach werden solche Verhaltensweisen mit Entscheidungsunfähgikeit verwechselt. Weit gefehlt! Entscheidungen werden en masse getroffen, aber sie bleiben unverbindlich. Denn eine Verbindlichkeit einzugehen, bedeutet ein bestimmtes Maß an Freiheit zu verlieren.
    Blöd nur, dass viele Menschen, die diesem Trend regelmäßig folgen, noch etwas anderes verlieren: sich selbst.

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    Verbindlichkeit einzugehen bedeutet eben NICHT nur den Verlust von Freiheit, sondern vielmehr ein Gewinn an Freiheit. Fortan ist man frei von dem ganzen Druck und den Erwartungen und man ist wieder frei zu handeln ohne staendig suchen zu muessen.
    Ich selbst bin eine Beziehung eingegangen ohne verliebt zu sein, aber doch mit sehr viel Respekt und Bewunderung fuer ihn. Das ganze hat sich - gluecklicherweise - zur Liebe entwickelt und mir ein enormes Freiheitsgefuehl verschafft.
    Ich glaube nicht, dass man die Moeglichkeiten, die es heutzutage nunmal beinahe endlos gibt unterbinden sollte, vielmehr sollten wir wert darauf legen unseren Kindern und auch unserer Jugend einen regelrechten Umgang mit diesen Moeglichkeiten und Erwartungen beizubringen.
    MfG

    Verbindlichkeit einzugehen bedeutet eben NICHT nur den Verlust von Freiheit, sondern vielmehr ein Gewinn an Freiheit. Fortan ist man frei von dem ganzen Druck und den Erwartungen und man ist wieder frei zu handeln ohne staendig suchen zu muessen.
    Ich selbst bin eine Beziehung eingegangen ohne verliebt zu sein, aber doch mit sehr viel Respekt und Bewunderung fuer ihn. Das ganze hat sich - gluecklicherweise - zur Liebe entwickelt und mir ein enormes Freiheitsgefuehl verschafft.
    Ich glaube nicht, dass man die Moeglichkeiten, die es heutzutage nunmal beinahe endlos gibt unterbinden sollte, vielmehr sollten wir wert darauf legen unseren Kindern und auch unserer Jugend einen regelrechten Umgang mit diesen Moeglichkeiten und Erwartungen beizubringen.
    MfG

  3. gibt es so etwas wie ein Glück in der (freiwilligen!) (Selbst-)Beschränkung. Kein Grund zur Ironie, sondern eher für die Feststellung, dass dem modernen Menschen eben die Fähigkeit zu dieser Beschränkung - die auch etwas mit Selbsterkenntnis zu tun hat - abhandengekommen ist. Freiheit als Fetisch. (Der Rest steht schon bei Herrmann Hesse im "Steppenwolf".)

    Antwort auf "Am besten..."
  4. Sind wir wirklich so frei, oder ist uns mit der Sprengung der einen Kette am anderen Ende eine neue gewachsen? Der Kommentar von eras weist zu Recht auf die Unerreichbarkeit heutiger ästhetischer und lebensperspektivischer Ideale hin: Die vermeintliche Freiheit mündet nur allzu oft in kollektiver Fokussierung auf ein bestimmtes uniformes Bild von perfektem Partner, perfektem Sex, perfektem "unendlichen Spass".
    Man muss nur mal in der Strassenbahn ein Auge auf die H&M-Soldatinnen werfen, die sich beinahe wie Ei dem anderen gleichen. Klar, war tendenziell schon immer so. Allerdings könnte man manchmal meinen, besagtes Bild sei alles, was uns als soziales (und romantisches) Kommunikationsmittel geblieben ist. Flirten geht ja nicht mehr, seit Alle nur noch autistisch auf ihre Bildschirme starren.
    Es lohnt aber auch ein Blick auf die schreiend komischen, weil eben im gleichen Sinne überrissenen Kontaktanzeigen im ZEIT-Magazin, wo offenbar nur akademische, sportliche, kulturell irre interessierte Prinzessinnen und Herzöge inserieren.

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