Literatur im InternetZum Glück kein Wikipedia!

Klischees, Klischees und, ach ja, Klischees: Die Website "TV Tropes" zerlegt Bücher in ihre erzählerischen Einzelteile. Eine witzige, wilde Sammlung. Von Stefan Mesch von 

Wer hat zum ersten Mal den Butler zum Mörder gemacht? – Wer das ohne Hilfe wissen will, muss viel lesen

Wer hat zum ersten Mal den Butler zum Mörder gemacht? – Wer das ohne Hilfe wissen will, muss viel lesen  |  © photocase/kallejip

Warum dürfen in Kinderbüchern die Mädchen oft viel klüger sein als alle Jungs um sie herum? Wer hat zum ersten Mal den Butler zum Mörder gemacht? Und wie kommt es, dass gute Feen am liebsten exakt drei Wünsche erfüllen? Seit Frühling 2003 sammelt die englischsprachige Website TV Tropes.org kritische Fragen und Beobachtungen über Bücher, Filme, Fernsehserien, Comics, Videospiele und Mangas. TV Tropes ist ein Wiki, lebt also davon, dass die Nutzer selbst Artikel aufbauen und mit Beispielen versehen. Anders als Wikipedia hat TV Tropes dabei keine Relevanz-Schwelle: Wenn 15 verschiedene gute Feen in 15 alten tschechischen Märchenfilmen jeweils drei Wünsche erfüllen, dann wird man auf TV Tropes diese 15 Geschichten finden, zusammen mit Verweisen auf Hunderte andere Feen aus jedem Medium.

TV Tropes ist ein riesiger Katalog über Motive, Ideen und Klischees: Woher sie stammen. Wer sie benutzt. Und wie sie sich kulturell immer weiter entwickeln. In seiner Theorie vom "Monomythos" untersuchte der amerikanische Mythologe Joseph Campbell Heldengeschichten aus verschiedenen Kulturen und fand immer wiederkehrende Ereignisketten und Schrittfolgen. TV Tropes leistet die überfällige Fortschreibung dieses Modells, ein geglücktes Projekt des Web 2.0.

Anzeige

"Tropoi" oder "Trope" nach den antiken rhetorischen Erzählfiguren, versteht die Seite als großen Sammelbegriff für jede Sorte erzählerischer Elementarteilchen: Wer jemals eine Pizza aß, der kennt Oliven oder Peperoni. Wer die Romane von Dan Brown liest, der kennt historische Erörterungen, die seitenlang den Fluss der Handlung stocken lassen. "Olive" oder "Peperoni" kann man sofort googeln. Aber wo schlägt man nach, wenn man mehr über Dan Browns Exkurse finden will?

Hat diese Schriftsteller-Marotte einen eigenen Namen? Wer hat sie erfunden, und wer benutzt sie noch? TV Tropes sucht die Antworten: Der Eintrag "Shown their work" sammelt Beispiele von Autoren, die so stolz auf ihre Recherchen sind, dass sie überflüssige Fakten in ihre Bücher stopfen. Autoren, die viel recherchiert haben und deren Fakten aber, zu allem Überfluss, ganz falsch sind, haben einen gesonderten Eintrag, "Dan Browned" – "von Dan verarscht".

Satirisch und entlarvend sammelte die Website anfangs nur die Klischees aus Fernsehserien. Unter "The Libby" findet man zum Beispiel eine Liste von unzähligen zickigen High-School-Mädchen, die sich für etwas Besseres halten. "Parasol Parachute" listet Momente, in denen Regenschirme als Fallschirme benutzt werden. Doch mittlerweile ist der Fokus von TV Tropes auf alle Medien ausgeweitet und der Ton weniger schnippisch denn (pop)kulturwissenschaftlich: Grundsätzlich ist jede Figur, Wendung, Szene, Mode oder Beobachtung "tropable", also einen jeweils eigenen Eintrag mit kleiner Kulturgeschichte und Beispielliste wert.

Wenn ein Auto zum Feuerball wird, sobald es gegen eine Mauer trifft: TV Tropes nennt das "Every Car is a Pinto", nach einem besonders brandgefährdeten Ford-Modell aus den Siebzigern. Wenn ein Schriftsteller behauptet, er hätte bloß ein längst verschollenes Manuskript entdeckt: TV Tropes nennt das die "Literary Agent Hypothesis", verlinkt sofort weiter zu "Unzuverlässiger Erzähler" und grenzt es von ähnlichen Tropen wie "Briefroman" ab. Zwei Klicks später ist man auf einer Seite über Autorinnen wie J. K. Rowling, die ihre Vornamen geschlechtsneutral abkürzen, weil sich viele Buchgenres besser verkaufen, wenn Männer die Autoren sind.

Leserkommentare
    • kräg
    • 12. November 2009 13:10 Uhr

    Die Behauptung, dass diese Website keine Relevanz-Schwelle hätte, ist natürlich völliger Blödsinn. Würde ich einen Artikel über die Geschichte meiner Bettnässerei anlegen, oder darüber dass der Dieter von nebenan schlimmer ist als Darth Vader und Dr. No zusammen, dann würde dieser sicherlich innerhalb kürzester Zeit von der "Wiki Magic" gelöscht werden ...

  1. Freier Autor
    • smesch
    • 12. November 2009 13:33 Uhr

    Rumtrollen und destruktiven Quatsch machen, das geht wirklich nicht, stimmt.

    Ich bezog mich darauf, dass kein Werk zu obskur oder unwichtig ist, um dort als Beispiel Erwähnung zu finden: Wikipedia löscht Einträge zu Personen/Themen/Werken, die zu wenige Leute betreffen. "TV Tropes" tut das nicht.

    Hier der Link: http://tvtropes.org/pmwik...

    Und: Für Ihre privaten Bettnässergeschichten GIBT es tatsächlich eigene Seiten, der Bereich heißt "Tropes Tales".

    (Das heißt: zu jedem Eintrag kann man in einem abgetrennten Sonder-Forum seine privaten Erlebnisse/Beobachtungen posten.)

  2. Also ich sage mal danke für diesen Web-Tip. Nach kurzer Einsicht und Bookmarkung (dieses Wort erzielt 0 Treffer bei Google!!! Ich habs also erfunden) stelle ich fest, dass diese Seite ideal dafür geeignet ist Zeit totzuschlagen.

  3. Bookmarkung [bukmarkung] [engl. bookmark, eigtl. = ein Lesezeichen setzen]

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Dan Brown | Wikipedia | Fernsehserie | Wiki | Blogger | Videospiel
Service