Gudrun Ensslin Schweigen wäre zu heroisch
Der Briefwechsel des RAF-Mitglieds Gudrun Ensslin und Bernward Vesper zeigt eine zerrüttete Liebe, die an der radikalen Ideologie zugrunde ging. Von Ruben Donsbach
Im Vorwort seiner Archäologie des Wissens schreibt Michel Foucault: "Es ist nicht die gleiche Geschichte, die hier und dort erzählt wird." Für keine Zeit trifft dies mehr zu als für die westdeutschen sechziger und siebziger Jahre – Jahre eines revolutionären Aufbruchs. Aber welche Geschichte ist es, die übrig bleibt im Bilderrauschen? Seit einer Weile liegt der Briefwechsel zwischen Gudrun Ensslin und Bernward Vesper im Suhrkamp Verlag vor. Ein orangeroter Band mit dem suggestiven Titel Notstandsgesetze von deiner Hand. Die Briefe sind zwischen Januar 1968 und Juni 1969 entstanden. Ensslin sitzt nach den gemeinsam mit Baader, Proll und Söhnlein verübten Kaufhausbränden in Untersuchungshaft in Frankfurt am Main. Vesper lebt die meiste Zeit über mit dem gemeinsamen Sohn Felix in Berlin.
Viel wurde über die Briefe geschrieben, über diese sehr privaten Zeilen zwischen zwei Entfremdeten. Geschichten vom Aufbegehren einer Generation gegen das Schweigen über Auschwitz und den Krieg in Vietnam. Und beide, Ensslin und Vesper, haben unter verschiedenen Vorzeichen Selbstmord begangen.
Kurz nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes hat Ensslin Vesper für Andreas Baader verlassen. In den Texten bittet Ensslin um Geld, Klamotten und Zigaretten für die Haft. Ein Sorgerechtsstreit um Felix entzündet sich. Nebenbei geht es immer um Politik und Geschichte. "Wir sind auf Grund unserer bürgerlichen Erziehung natürlich darauf geeicht, daß Geschichte von Personen gemacht wird", schreibt Vesper in den Knast, "bis wir lernen, daß sie von Klassen gemacht wird." Zugleich schreiben sie aneinander vorbei. So sagt Ensslin einmal: "Daß ich, die Besuche, meine Briefe >unwirklich< sind, leuchtet mir sofort ein, das ist nur konsequent, und noch konsequenter wäre Schweigen, aber das ist mir wieder zu heroisch." Und Vesper antwortet: "Deine Briefe richten sich an jemand, den es nicht mehr gibt."
Der Briefwechsel ist das Protokoll eines persönlichen wie politischen Scheiterns: "Unsere Geschichte mag zehnmal zuende sein, die Geschichte ist es nicht", schreibt die spätere RAF-Aktivistin Ensslin an den politischen Autor Vesper aus der Haft. Doch gerade ihre Geschichte ist es, die einen berührt. Weil sie auch beispielhaft ist für den Versuch, gegen die bürgerliche Sprachlosigkeit, das Private politisch und damit öffentlich zu machen. Doch kaum eine Beziehung kann dieser Radikalität standhalten. Und so ist das in den Briefen offenkundige Befremden über den jeweils Anderen auch ein Befremden der Außenwelt gegenüber. Und damit auch eines einer ganzen Generation.
Wenn das Private politisch wird, dann wendet es sich gegen jene bürgerliche Innerlichkeit, die seit dem Epochenbruch um 1800 die feudale Repräsentation abgelöst hat. So schreibt Vesper in seinem Kommentar zum Frankfurter Prozess: "Die Bourgeoisie trat mit der Gewalt auf die historische Bühne."
Aus "Diskurs wird Schweigen" notiert der Kulturwissenschaftler Friedrich Kittler in seinem Essay Ottilie Hauptmann über das aufstrebende Bürgertum. Eine Gesellschaft formiert sich, "die ihre biologische Reproduktion disziplinierend ausbeutet" und in der nun zu Auschwitz kein Wort verloren wird und man sich im Wirtschaftswunderland beginnt mit kindlicher Freude zu amüsieren. So schreibt Vesper in einem Kommentar zum Frankfurter Prozess: "Vietnam ist das Auschwitz der jungen Generation."
Die Furcht vor dieser Ausbeutung und der Unwille das Schweigen zu ertragen, lässt anti-autoritäre Kinderläden entstehen, fordert auf zu Selbstkritik und endlosen Diskussionen. Und es belegt die Sprache. Wie schwer das Sprechen geworden ist, sagt Ensslin an anderer Stelle: "Ich kann Fragen stellen über Felix; über das, was ich empfinde, schweige ich." Und hält Vesper vor: "Ich weiß, wie sehr Du fähig bist, einen Menschen nicht nur als das zu lieben, was er ist, sond. auch als die Idee, das Bild, das Du von ihm hast."
- Datum 04.12.2009 - 17:20 Uhr
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...was die ZEIT veranlaßt, eine Kriminelle dabei zu unterstützen, ihre Geisteskrankheit Gassi zu führen. Diese ständige penetrante Selbstbeweihräucherung, man hätte Ende der 60er die Demokratie gerettet, stimmt vorn und hinten nicht. Die internationalen Sozialisten wenden doch bis heute die selben Methoden an, mit denen vor 70 Jahren die nationalen Sozialisten die vermeintliche Volksbeglückung durchsetzen wollten.
"spätere RAF-Aktivistin Ensslin"
Ist das jetzt die Bezeichnung für Terroristen und Mörder?
Solche Euphenismen ekeln mich an.
kann man nur noch staunen RAF -aktivisten !
der Gudrun Ensslin hier zugesprochen wird, finde ich es unangebracht, davon zu sprechen, "eine Kriminelle dabei zu unterstützen, ihre Geisteskrankheit Gassi zu führen".
Das Thema RAF sollte wohl kaum totgeschwiegen werden, und im hinblick darauf sollten die Ursprünge des hier behandelten Werkes nicht vergessen werden. "Notstandsgesetze von deiner Hand" ist lediglich eine Sammlung von Briefen, vor der Zeit der RAF, die dabei helfen, Gudrun Ensslin als Menschen darzustellen, anstatt nur als "Terroristen und Mörder".
...man sollte vielmehr deutlich machen, was diese Horde von selbstgerechten, größenwahnsinnigen Psychopathen über dieses Land gebracht hat.
Sich mit dem Terroristen als Menschen zu beschäftigen, ist eine Beleidigung für die Opfer. Wer meint, er könnte seine verqueren gesellschaftlichen Vorstellungen mit Mord und Erpressung durchsetzen, ist nach meinem Dafürhalten so weit weg von allem Menschlichen, daß eine wie auch immer geartete Sicht auf diese Person mindestens überflüssig ist.
...man sollte vielmehr deutlich machen, was diese Horde von selbstgerechten, größenwahnsinnigen Psychopathen über dieses Land gebracht hat.
Sich mit dem Terroristen als Menschen zu beschäftigen, ist eine Beleidigung für die Opfer. Wer meint, er könnte seine verqueren gesellschaftlichen Vorstellungen mit Mord und Erpressung durchsetzen, ist nach meinem Dafürhalten so weit weg von allem Menschlichen, daß eine wie auch immer geartete Sicht auf diese Person mindestens überflüssig ist.
Dieses Marketing der moralischen Empfindungen! Wie es versteht, diese bewährte Mischung Liebe-Sex-Gewalt zu gebrauchen! Da fragt sich natürlich der Endverbraucher von Uli-Edel-Filmen und geschäftsvoyeuristisch geöffneter Intimpost, wollte der deutsche Mescalero nun die Weltrevolution herbeibomben oder nur, dass seine Freundin wieder zu ihm zurückkommt.
Wahrscheinlich hat mal wieder niemand eine Idee, wie man vielleicht etwas intelligenter einem konsumistischen Publikum deutsche Zeitgeschichte beibringt?
...man sollte vielmehr deutlich machen, was diese Horde von selbstgerechten, größenwahnsinnigen Psychopathen über dieses Land gebracht hat.
Sich mit dem Terroristen als Menschen zu beschäftigen, ist eine Beleidigung für die Opfer. Wer meint, er könnte seine verqueren gesellschaftlichen Vorstellungen mit Mord und Erpressung durchsetzen, ist nach meinem Dafürhalten so weit weg von allem Menschlichen, daß eine wie auch immer geartete Sicht auf diese Person mindestens überflüssig ist.
Der Briefwechsel zwischen Gudrun Ensslin und Bernward Vesper verweist auf den großen Abstand zwischen Theorie und Praxis. Einerseits wird hier das stets nicht zu Ende gedachte Gedankengut der Roten Armee Fraktion (RAF) angedeutet, gleichzeitig aber auch ein gar bürgerlich geprägtes Dasein eingeklagt.
Es reicht nicht, "revolutionäre Ideen" zu entwickeln, um dann - so muss man es schon nennen - diese schiesswütig umzusetzen. Die Kluft zwischen einer theoretisch überbordenden Revolutionsidee und der Tat-Sache, dieser Idee auch Taten folgen zu lassen, führte nicht nur in die Irre, sondern auch zu Mord und Totschlag. Diesem Teufelskreis konnte die RAF nur entkommen, indem sie sich selbst vernichtete. Ein vermeintlich "letzter Schlag" gegen die verhasste bürgerliche Ordnung.
Heute scheint es müßig zu sein, danach zu fragen, wie wären diesen Auseinandersetzungen zwischen dem Staat und der RAF verlaufen, wäre statt Baader ein "anderer Kopf" der Meinungsführer dieser Gruppierung geworden.
mehr fällt mir zu dem Artikel nicht ein.
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