Glücksspiel "Es geht um mehr als Leben und Tod"
Dem Zufall zu vertrauen ist menschlich: Der Schriftsteller Michael Kohtes hat eine Kulturgeschichte des Spielers geschrieben. Hier erklärt er, warum Spielen in unserer Triebstruktur liegt.
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Das Spielen liegt in der menschlichen Natur, sagt der Schriftsteller Michael Kohtes
ZEIT ONLINE: Sind Sie ein Spieler, Herr Kohtes? Wann waren Sie zuletzt in der Spielbank?
Michael Kohtes: Jeder Mensch ist ein Spieler! Die Frage ist immer, inwieweit man seinen Spieltrieb auslebt. Ich tue dies mit schöner Regelmäßigkeit, vornehmlich in einem dieser altehrwürdigen Casinos, zuletzt vor vierzehn Tagen in Bad Neuenahr.
ZEIT ONLINE: Was reizt Sie an der Figur des Hasardeurs, dass Sie ihr ein ganzes Buch gewidmet haben?
Kohtes: Der Hasardeur, im ursprünglichen Wortsinn, setzt sich selbst aufs Spiel. Im Gegensatz zum Bürger ist er ein Fatalist des Zufalls, der sich lieber dem Augenblick hingibt als sein Leben zu planen, geschweige denn zu meistern. Der Hasardeur widersetzt sich den Imperativen bürgerlicher Vernunftkultur und feiert die Verschwendung, mitunter bis zur Selbstverschwendung. Das macht ihn als Figur ungleich faszinierender als den braven, nach Piepen und Prestige strebenden Durchschnittsmenschen.
ZEIT ONLINE: Was macht den wahren Spieler aus im Vergleich zum sogenannten Sonntagsspieler, der am Wochenende mal 100 Euro verzockt?
Kohtes: Der authentische Spieler spielt nicht, um zu gewinnen. Er kann binnen Stunden ein Vermögen anhäufen und wird doch nichts anderes damit anstellen, als es an den Zufall zurückzuwerfen. Anders als den Sonntagsspieler interessiert ihn Geld nur in dem Maße, wie er damit seine Spiellust befriedigen kann.

Der Schriftsteller Michael Kohtes, Jahrgang 1959
ZEIT ONLINE: Was sucht der Zocker im Spieltempel?
ZEIT ONLINE: Wie weit würde er gehen, um seine Spiellust zu befriedigen?
Kohtes: Es ist paradox, aber indem der Zocker seine Einsätze bis zum Äußersten steigert, fordert er unbewusst seinen Untergang heraus. Er muss erst alles, wirklich alles verzockt haben, um jene Katharsis zu erleben, die eben nur der finanzielle Zusammenbruch bewirkt.
ZEIT ONLINE: Sie entwerfen in Ihrem Buch eine kleine Typologie des Spielers und drehen das Glücksrad zurück bis in die Zeit des Rokoko. Reichen die Lust und Sucht am Spiel am Ende zurück bis zu den Anfängen des Menschen selbst?
Kohtes: Der habituelle Glücksspieler gehört zur Familie der Spieler, die aus ihrer Passion eine Dauerbeschäftigung gemacht haben. Was ihn von seinen Artgenossen, sagen wir Musiker, Tennis-, Schau- oder Schachspieler, unterscheidet, ist nicht zuletzt sein schlechtes Image. Das wiederum ist kulturell geprägt. In der höfischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts galt die Glücksspielerei noch als ein nobler Zeitvertreib, während sie dem Bürgertum als lasterhaft, ja sittenwidrig erscheint. Tatsächlich wurde zu allen Zeiten – und allen Restriktionsversuchen zum Trotz – gespielt, gezockt, gewettet. Dieser Impuls wurzelt in unserer Triebstruktur. Nicht zufällig identifizieren wir den Zweibeiner als Homo ludens.
ZEIT ONLINE: Bei Ihnen heißt es: Am Kartentisch geht es nicht um Leben und Tod – es geht natürlich um mehr.
Kohtes: Am Spieltisch geht es um das Heiligste, was die Menschen kennen: das über alles geliebte und vergötterte Geld! So erklärt sich übrigens auch die andächtige Stille, die in den Spieltempeln herrscht. Das Wissen um die zerstörerische Kraft des Geldes flößt der Casinogemeinde Respekt ein, weshalb sie ihre Spielkulte auch immer mit dieser weihevollen Ernsthaftigkeit praktiziert.
Kohtes: Anders als der Zocker liebt der wahre Spieler das Spielen an sich, so wie ein Dichter die Sprache um ihrer selbst willen liebt. Der wahre Spieler findet sein Glück nicht im Gewinn, es sei denn im Gewinn von Spielzeit. Darum möchte er nach seinem Tod auch nicht in den Himmel kommen, sondern ins Casino.
ZEIT ONLINE: Gibt es so etwas wie eine Königsdisziplin beim Spielen?
Kohtes: Das Roulette. Das königliche Spiel von mathematischer Herkunft, wie man es genannt hat. Das Roulette, das sich übrigens dem Erfindergeist des Philosophen und Mathematikers Blaise Pascal verdankt, repräsentiert den Zufall in seiner reinsten Form. Hinzu kommt, dass es dem Spieler nicht nur eine einfache Gewinnchance eröffnet, wie etwa Karten- oder Würfelspiele, sondern ihm die Freiheit lässt, den Wetteinsatz auf viele Chancen zu verteilen. Das erhöht nicht nur die Spannung, sondern fördert zugleich das wahrscheinlichkeitstheoretische Denken.
ZEIT ONLINE: Was unterscheidet den kultivierten Spieler vom banalen, windigen Betrüger, der – wie aktuell zu erleben – zum Beispiel Fußballspiele manipuliert, um sich zu bereichern?
Kohtes: Dem klassischen Spieler sind die Entscheidungen des Zufalls heilig. Er würde nie das Geld anderer Leute aufs Spiel setzen, wie etwa der Börsenzocker. Ein Gentlemanspieler ruiniert sich auf eigene Rechnung. Außerdem hat er eine innige Beziehung zur Spielstätte, er braucht das stimulierende Flair einer prunkvollen Roulettebank, um seiner Leidenschaft zu frönen. Das heißt, von Online-Casino und digitalem Wettbüro hält dieser Spielfreund wenig.
ZEIT ONLINE: Was verbirgt sich im wahren Spieler: Eine Art Sisyphos, der Freude daran hat, die Kugel immer wieder in den Roulettekessel fliegen zu sehen? Oder doch eher eine getriebene Gestalt, die schmerzlich gefesselt ist an ihr Laster?
Kohtes: Beides. Der Spieler, der ins Casino geht wie andere ins Büro, kann sich das Spielen ebenso wenig abgewöhnen wie das Atmen. In der Tat hat diese Passion, mit der hier einer wieder und wieder sein Glück versucht, etwas Sisyphoshaftes. Denn wer spielenderweise die Anstrengung unternimmt, die Macht des Zufalls zu bezwingen, kann auf Dauer nur verlieren. Von daher lässt sich die Spielleidenschaft als ein Sinnbild für die Absurdität unseres Daseins lesen.
Kohtes: Von William Jones alias Canada Bill, der als Berufsspieler den Wilden Westen bereiste, wird berichtet, dass er einmal siebzig Stunden ununterbrochen spielte. Er war kein Zocker, sondern ein Hasardeur reinsten Wassers, der für eine Partie Poker sein letztes Hemd gegeben hätte. Einmal spielte er in einem Kaff am Mississippi und war gerade dabei, eine Menge Geld zu verlieren, als ein Freund ihm ins Ohr flüsterte: "Bill, merkst du denn gar nicht, dass hier mit gezinkten Karten gespielt wird?" - "Doch", gab Bill zurück, "aber es ist das einzige Spiel am Ort." In solchem Verhalten zeigt sich der wahre Spieler, der noch auf das Wagnis hin, alles zu verlieren, mit trotziger Heiterkeit weiterspielt.
ZEIT ONLINE: Müssen wir uns den "wahren Spieler" am Ende des Tages als glücklichen oder unglücklichen Menschen vorstellen?
Kohtes: Das Spiel gegen den Zufall vermag ein Menschenherz auszufüllen. Insofern müssen wir uns den Spieler als einen glücklichen Menschen vorstellen.
Das Gespräch führte Peter Henning
Michael Kohtes:Va Banque. Über Glücksspieler und Spielerglück. Transit Verlag, Berlin 2009. 110 Seiten, 14,80 Euro
- Datum 17.12.2009 - 09:52 Uhr
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