Glücksspiel "Es geht um mehr als Leben und Tod"
Seite 3/3:

 Der Glückspieler ist ein glücklicher Mensch

Kohtes: Beides. Der Spieler, der ins Casino geht wie andere ins Büro, kann sich das Spielen ebenso wenig abgewöhnen wie das Atmen. In der Tat hat diese Passion, mit der hier einer wieder und wieder sein Glück versucht, etwas Sisyphoshaftes. Denn wer spielenderweise die Anstrengung unternimmt, die Macht des Zufalls zu bezwingen, kann auf Dauer nur verlieren. Von daher lässt sich die Spielleidenschaft als ein Sinnbild für die Absurdität unseres Daseins lesen.

ZEIT ONLINE: Die Liste prominenter Spieler ist lang. Gibt es einen, der Ihnen persönlich besonders imponiert oder imponiert hat, und wenn ja, weshalb?

Anzeige

Kohtes: Von William Jones alias Canada Bill, der als Berufsspieler den Wilden Westen bereiste, wird berichtet, dass er einmal siebzig Stunden ununterbrochen spielte. Er war kein Zocker, sondern ein Hasardeur reinsten Wassers, der für eine Partie Poker sein letztes Hemd gegeben hätte. Einmal spielte er in einem Kaff am Mississippi und war gerade dabei, eine Menge Geld zu verlieren, als ein Freund ihm ins Ohr flüsterte: "Bill, merkst du denn gar nicht, dass hier mit gezinkten Karten gespielt wird?" - "Doch", gab Bill zurück, "aber es ist das einzige Spiel am Ort." In solchem Verhalten zeigt sich der wahre Spieler, der noch auf das Wagnis hin, alles zu verlieren, mit trotziger Heiterkeit weiterspielt.

ZEIT ONLINE: Müssen wir uns den "wahren Spieler" am Ende des Tages als glücklichen oder unglücklichen Menschen vorstellen?

Kohtes: Das Spiel gegen den Zufall vermag ein Menschenherz auszufüllen. Insofern müssen wir uns den Spieler als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Das Gespräch führte Peter Henning


Michael Kohtes:Va Banque. Über Glücksspieler und Spielerglück. Transit Verlag, Berlin 2009. 110 Seiten, 14,80 Euro

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service