Heavy Metal Mal ordentlich Kajal auftragen

Für Kenner: Hermann Bräuer hat den vermutlich ersten Heavy-Metal-Roman geschrieben und kalauert sich darin durch die Musikszene der Achtziger. Von Frank Schäfer

Hair Metal gibt's wieder: die Band The Skool

Hair Metal gibt's wieder: die Band The Skool

Schon auf der ersten Seite verrät der Erzähler ziemlich detailliert, worauf es ihm und seinesgleichen ankommt: "Enorm wichtig war es von weitem gut auszusehen, damit man auch bei den Frauen in der hintersten Reihe einen bleibenden Eindruck hinterließ. Zu diesem Zweck trug man hautenge Hosen aus Spandex und verwendete tonnenweise Make-up." Und noch etwas befehlen ihm seine "Götter" in den heiligen Schriften, den Zeitschriften Metal Hammer, Rock Hard oder Breakout: "Ich sollte meine Haare arschlang tragen, aber nicht wie ein Hippie, sondern toupiert und möglichst gefärbt. Schließlich wurde die komplette Musikrichtung genau danach benannt."

Chuck Klostermans Ehrenrettung des bestgehassten Genres der jüngeren Musikgeschichte, seinem wundervollen Großessay Fargo Rock City, hat Hermann Bräuer nun endlich eine epische Würdigung hinterhergeschickt. Haarweg zur Hölle heißt der Roman, der nun ausgerechnet aus der Dritten Welt des sogenannten Hair Metal kommt. Es gab keine einzige deutsche Band, die in diesem Genre von Belang gewesen wäre, denn als die hiesige Szene endlich begriffen hatte, worauf es ankam ("Haare arschlang"), waren die Plattenfirmen schon viel zu sehr mit dem nächsten großen Ding beschäftigt: Grunge. Daher ist es nur adäquat, wenn Bräuer seinen Helden von Löve Stealer (der exotische Umlaut ist in jenen Jahren obligatorisch) nach dem sattsam bekannten Schülerband-Gehampel zwar ein paar glorreiche Konzerte nebst einem langsam an "Axl Rose Disease" erkrankenden Sänger und schließlich sogar einen großen Plattenvertrag gönnt.

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Aber dann treten eben, wie schon so oft,  Nirvana auf den Plan, und die Party nimmt ein ziemlich unrühmliches Ende, als auf einmal introvertierte, psychisch labile Jungs in Holzfällerhemden den Laden stürmen. Mit den Aufräumungsarbeiten sind die verbliebenen Hair-Metal-Anhänger bis heute beschäftigt, obwohl die alten Recken von Mötley Crüe, Cinderella oder W.A.S.P. schon seit einiger Zeit ihre Korsagen wieder enger schnallen und ordentlich Kajal auftragen.

Bräuer kennt die Szene offensichtlich gut. Er hat in den Achtzigern wie sein Alter Ego Andi Holzinger als Bassist in diversen Formationen Axt und Matte geschwungen, so steht es im Autorenporträt, und das merkt man seinem Debütroman durchaus positiv an. Er muss hier nicht mit angelesenem Insiderwissen prunken und entsprechend langweilen, er verliert sich kaum einmal im Musiker-Jargon, es reichen einige Signalwörter und ein paar souverän eingestreute Witze und Anekdoten, um zu beweisen, dass er das Milieu aus erster Hand kennt.

Bräuer erinnert uns zum Beispiel an das damals populäre Gerücht von den absurden Catering-Wünschen der Band Van Halen: Eine volle Schale M&M’s, "aus der die braunen Schokolinsen akribisch aussortiert sein sollten. David Lee Roth erklärt dazu in seiner Autobiographie, dass das Vorhandensein von braunen M&M’s ein recht zuverlässiger Indikator dafür war, dass die Bühne die für damalige Verhältnisse riesige PA- und Lichtanlage der Band nicht aushalten würde. Und zwar deshalb, weil der Veranstalter den Vertrag einfach nicht sorgfältig genug gelesen hatte. Denn wenn er schon einfachste Schokolinsenwünsche nicht erfüllen konnte, dann hatte er mit größter Wahrscheinlichkeit auch bei komplizierteren und sicherheitsrelevanten Angelegenheiten wie beispielsweise einem doppelt verstärkten Bühnenboden oder zusätzlichen Hängepunkten versagt. Was auf den ersten Blick aussah wie unfassbar durchgedrehtes Divengehabe, war also in Wirklichkeit ein glasierter Korinthenkacker-TÜV."

So amüsant das sich auch zuweilen lesen mag, so richtig werden die Goldenen Achtziger dieses Genres nicht wiederbelebt. Dafür fehlt es Bräuers Roman ein bisschen an Kulisse und Kolorit. Und auch die ohnehin eher ironisch angekündigte "Geschichte einer Generation" liefert er hier nicht. Dafür nimmt er Andi alias Rrexx Rroncalli (auch Konsonantendoppelungen gehörten zum Hair-Metal-Tagesgeschäft) und seine Kombattanten nicht ernst genug. Er nutzt jede Gelegenheit, um aus diesen toupierten Stil-Terroristen in violetten Lederstiefeln über der Stretch-Jeans humoristisches Kapital zu schlagen. "Er legte ein paar Zehner auf den Tresen, die er umständlich aus einer Geldscheinklammer zog" – so führt der Ich-Erzähler seinen späteren Manager ein. "Diese war mit einem Metallteufel samt Hörnern, Dreizack und allen übrigen Teufelsaccessoires verziert, der einer vollbusigen Frau von hinten ordentlich zeigte, wo der Bartel den Most holt. Cooles Teil."

Leser-Kommentare
  1. 1.

    die Band auf dem Foto heißt "Steel Panther", wenn ich mich nicht täusche...

  2. ..nerven ganz gehörig. Nach "Post-Punk", wovon man erst vor einigen Jahren das erste Mal hörte, nun also Hair Metal. Eine einleuchtende Beschreibung, aber in den achzigern und neunzigern habe ich die als aktiver Metaller nie gehört. Leider fasst sie oberflächlich und an Äußerlichkeiten orientiert zusammen, was nicht zusammengehört.

    Guns´n´Roses und Europe etwa sahen ähnlich furchtbar aus, hatten aber ganz andere Hintergründe, Intentionen und musikalische Qualitäten.

    Dieses Neuerfinden und Verbreiten von neuen, modischen Beschreibungen für Vergangenes ist unseriöse Geschichtsklitterung, die in der Zeit nichts zu suchen haben sollte.

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