Wenn man es nicht gerade mit Kalibern wie David Foster Wallace und Thomas Pynchon zu tun hat, entsteht bisweilen der Eindruck, dass Romane zunehmend sachbuchartiger werden: Themen, die sich an journalistischer Griffigkeit orientieren, sich leicht einsortieren lassen, und ihre Sprache sollte möglichst wenig stören. Der Buchmarkt liebt oft das Plakative, das sich schnell ein- und wegsortieren lässt.

Michael Stauffer, geboren 1972 in Winterthur/Schweiz, hat Soforthilfe geschrieben, das man als Kurzprosaband und als Sachbuch, ja sogar als Ratgeber für besonders knifflige Situationen lesen kann. Ein genresprengendes Werk. "Dies ist ein Buch zur Beruhigung. Dass es auch anderen so geht. Dies ist ein Buch zur Ermutigung, dass auch andere so sind. Es ist ein tröstliches Buch über kleine Sachen, die normal seltsam sind", hat der Verleger Urs Engeler als Inhaltsangabe in großen Lettern auf das Cover und die erste Seite des Buchblocks drucken lassen. Eine auffällige, eigenwillige Gestaltung. Es ist das zweite "Roughbook" in der gleichnamigen neuen Reihe.

Schon im schmalen Prosaband Normal – Vereinigung für normales Glück sezierte Stauffer, der neben viel Prosa, Hörspiele, Theaterstücke und Lyrik schreibt, den Grad neurotischer Verstrickungen in der Gesellschaft mit wohltuender Lebendigkeit und entlarvender Einfachheit. Auch in Soforthilfe spaziert der Leser durch einen Dschungel absonderlicher Verhaltensweisen, die als normal dahingestellt werden. In neun Kapiteln (Natur, Tiere, Familie, Gesellschaft, Politik, Liebe, Beruf, Theorie sowie Praktische Übungen) wird man mit kurzen Analysen, Anweisungen und Vorschlägen konfrontiert, deren Nummerierung erst einmal sperrig erscheint.

Mal solle man sich als Ahorn in den Wald stellen, mal zusammen mit Eskimos eine Band gründen, in der man wenige Silben dauernd wiederholen muss. Auch wird die Praxis von Theoriebildung anhand eines sogenannten "Schemenhundes" erläutert und die Techniken öffentlicher Manipulation mit treffendem Humor analysiert. Da kann es auch vorkommen, dass einem eine Schildkröte begegnet, die sagt: "Die Europäische Union sollte als nächstes Indien aufnehmen." Das spiegelt eine immer größer werdende Vorstellung von Europa. Der Nonsens ist keiner, sondern Kritik mit anderen Mitteln.

In einem Geflecht aus Eindrücken, Beobachtungen, Anweisungen, wilden Analysen, bizarren Vermutungen und Träumen spielt der Autor mit dem nicht locker lassenden Unterhaltungsbedürfnis des Lesers ein Hütchenspiel, bei dem der Text ebenso wächst wie der Wunsch nach Erlösung. In dieser Hinsicht ist Soforthilfe sicher ein religiöses Buch. Stauffers Beispiele kann man entweder lieben oder behämmert finden.

Er macht sich über Ratgeber-Bücher lustig, spielt überhaupt mit der Vorstellung Lesender, einem Buch einen Gewinn fürs tägliche Leben abzutrotzen, indem er übertrieben und albern alles in Betracht zieht, was scheinbar bindende Kausalitäten zersetzt. Soforthilfe ist ein Katalog über die Unkatalogisierbarkeit von Welt und Leben. Der Versuch, dieses zu ordnen, führt erst recht ins Chaos.

Im Abschnitt "Politik" geht es erstaunlich ernst um die Rolle der Schweiz, ihr Verhalten gegenüber Ausländern und Bankgeheimnissen. Die Ratschläge für Politiker sind dann besonders lustig. Man fühlt sich an Andrew Boyds köstlichen Pseudo-Ratgeber Tägliche Heimsuchung erinnert, der allerdings philosophischer ist.