Umberto Eco mag Bücher. Er selbst besitzt 50.000 Stück, die er in Mailand in den 70 Meter langen Fluren seiner Wohnung, eines ehemaligen Stundenhotels, aufbewahrt. Jedes Jahr kommen mindestens drei Eigenproduktionen hinzu – zuletzt über die Kunst des Bücherliebens, davor eines über die Schönheit, dann über die Hässlichkeit, dazwischen Standardwerke zur Semiotik, Ausflüge in die Kunstgeschichte, Romane, Vorträge, Rezensionen, Reflexionen, Kataloge, allesamt klug, populär, unfassbar erfolgreich. Und mitten in dieser Buchproduktion überrascht Eco seine Leser nun mit einem Bekenntnis: Ja, er mag Einkaufszettel! So wie andere Fußball mögen würden oder eben, nun ja, die Pädophilie. Das erzählte Eco kürzlich dem Spiegel. Dort wurde aber darüber hinweg gegangen, so dass der seltsame Vergleich jetzt mit großem Fragezeichen versehen auf einem Zettel steht: genau genommen auf unserer Liste mit all den Fragen zu Ecos neuem Buch, das uns, zugegeben, einige Rätsel aufgibt.

Ob er sich vorstellen könne, eine Schau mit Bildern aus den Beständen des Louvre zu kuratieren, wurde Eco gefragt. Natürlich konnte er, das Thema hatte er ja schon. Um Listen sollte es gehen, genauer um die kulturgeschichtliche Bedeutung und Verbreitung der Liste, des Katalogs, der Aufzählung oder des "Undsoweiter" wie Eco den Begriff immer wieder variiert hat. Er musste nur kurz nachdenken, um bald auf eine stattliche Auswahl an Exponaten zu kommen, die bis Februar medien- und genreübergreifend – Buchrücken an Bildrahmen nämlich – im Louvre zu bestaunen sind.

Es ist nicht das erste Mal, dass Eco Bild- und Diskursanalyse miteinander vermengt. Frei assoziierend stellt er antike Schlachtengemälde neben Texte von James Joyce, eine Brueghelsche Bauernhochzeit neben Rabelais’ "Erfindung des Arschwischs", eine Luftaufnahme der dezentralen, also in Ecos Terminologie listenartigen Stadt Los Angeles neben einen vor sich hin botanisierenden Emile Zola. Überall sieht Eco die rhetorische Figur der Liste am Werk. Und wenn man lange genug in die Kulturgeschichte hineinblickt, wird man selbst Teil dieser Verschwörung. Die Sixtinische Kapelle: ein erhabenes Wimmelbild, das Hohelied Salomons: Listenerotik, Warhols Suppendosen: Serienblech.

Schon in der Ilias finden sich verschwenderische Reihungen, die man als frühen Beleg für die Kluft zwischen Sichtbarem und Sagbaren einer Kultur verstehen kann. Weil Homer es nicht schafft, die Größe des Ereignisses, mithin die Größe des griechischen Flottenverbandes, sprachlich zu transzendieren, langweilt er seine Leser mit einer schier endlosen Häufung von Namen und Rängen.

Nun könnte man meinen, die literarische Häufung sei vor allem ein Merkmal primitiver Kulturen, die das unübersichtliche Weltdrama noch nicht in komplexen Ordnungsschemata kanalisieren. Nein, sagt Eco, die Liste war und ist ein Dauerbrenner. Nur wenn es um die ästhetische Anverwandlung von Größe geht, ist ihre Tauglichkeit begrenzt. Listen, zumindest bis zur Moderne, bis hin zu den surrealistischen Sammlungen, haben kein Erhabensheitspotenzial.

Dafür ist die Welt voll von zwanghaften Sammlungen, die nicht nur viel über die Zusammentragenden, sondern auch deren gesellschaftliches Umfeld verraten. Eco zählt fürstliche Wunderkammern, christliche Reliquienkulte, neuzeitliche Enzyklopädien, naturkundliche Museen, die Liste der Frauen, mit denen Don Giovanni geschlafen haben will, die Liste der Dinge, die Roland Barthes liebt, die Liste der Dinge, die Leopold Bloom in seiner Küchenschublade aufbewahrt. Neben "unendlichen Listen" zeigt Eco auch "unendliche Bilder", die über den Bildrand hinausweisen: Vanitas-Darstellungen, holländische Stillleben, Daniel Spoerris abgegessenes Geschirr. Er zitiert Thomas Pynchon, er zitiert Raymond Queneau, er zitiert sich selbst. Alles scheint aufzugehen in Ecos unendlicher "Poetik der Liste".

Aber darf man die Geschichte als kontinuierliche Entwicklung begreifen, aus der die Liste quasi phänomenologisch hervorgeht? Muss Eco nicht, wo er doch schon Jose Luis Borges’ berühmte Liste der inkohärenten Tierarten (darunter solche, die von weitem wie Fliegen aussehen und solche, die den Wasserkrug zerbrochen haben) erwähnt, Foucault beherzigen, der unsere Aufmerksamkeit immer wieder auf die Erkenntnisbedingungen einer Epoche gelenkt hat und erst aus ihnen die Möglichkeit eines positiven Wissens ableitete? Doch den Anspruch hat Eco gar nicht. Sein Buch richtet sich von vorne herein an die Sinne. Es will nicht analysieren, es will assoziieren und ist in diesem Sinne allerschönstes Bildungs-Vaudeville. Nur die Zukunft der Liste bleibt darin weitgehend im Dunkeln. Im Kapitel über die Massenmedien geht es um Wassernixen in italienischen Fernsehshows. Kein Wort zur Digitalisierung. Kein Wort zu Google, zum Internet, dem Trägermedium der Listomanie!