WeihnachtsgeschichteDer Weihnachtsmann rasiert sich

Es ist Weihnachtszeit, und Fiedler wartet. Er denkt an seine Eltern, an die Zeit zwischen den Jahren, wehmütig und still: Der Schriftsteller Thomas Pletzinger hat für ZEIT ONLINE eine Kurzgeschichte zum Fest geschrieben. von Thomas Pletzinger

Was zwischen den Jahren übrig bleibt: Schnee, Konfetti und Stille

Was zwischen den Jahren übrig bleibt: Schnee, Konfetti und Stille  |  © Nordreisender/photocase.de

Fiedler erledigt Weihnachtsanrufe: Seine Schwester glaubt an niedrige Preise für Grundnahrungsmittel, Pflichterfüllung und gute Taten. Fiedlers Mutter glaubte an den Vater, den Sohn und den heiligen Geist sowie an tränenreiche Abschiede. Fiedler sieht sich im Spiegel an. Sein Vater verstummte im Februar und starb dann am ersten warmen Tag diesen Jahres ganz ohne Fazit, just als die Mutter in der Kittelschürze Dickmilch kaufte: damit der Vater wieder zu Kräften käme. Fiedlers Schwester hat die tränende Mutter im Herbst in ihr Reihenhaus geholt. Mama sitzt am Küchentisch und rupft sich die Haare aus, sagt sie am Telefon, die Mutter verliere den Verstand und sitze jetzt ganz gottverlassen in der Weltgeschichte. Fiedler glaubt an Ursache, Wirkung und schriftliche Niederlegungen. Die Kanzlei braucht mich, sagt Fiedler, auch zwischen den Jahren. Seine Schwester räuspert sich. Sollte ich der Mutter etwas schenken?, fragt sich Fiedler vor dem Spiegel. Er kann sich entfernt an ihre Kittelschürze erinnern, er hat ein ungutes Gefühl. Er fährt mit der Hand über seinen Bart und das Weiß in den Wangen, beinahe vier Wochen alt. Fiedler richtet den Rollkragen, er überlegt: Vielleicht ist das Hunger, vielleicht ist das das Nichtstun, vielleicht sind das die alten Geschichten.

Fiedler ist Nichtstun nicht gewohnt. Im Winter rasiert er sich selten, zwischen den Jahren ist die Kanzlei leer, und Fiedler kann in Ruhe arbeiten: keine Geräusche, keine Sekretärin, stattdessen der Blick auf den Rhein und den Dom. Fiedler machen die alten Geschichten unzufrieden. Er würde das Telefon umleiten, wenn er wüsste wie das ginge, stattdessen steht er in der Kanzlei und hält den Hörer ins Zimmer, wenn seine Schwester redet: zwischen den Jahren seien die Arbeiter bestellt, sagt sie in das leere Büro, er solle noch einmal nach dem Haus sehen, ein paar Dinge müssten noch geklärt, die Übergabepapiere unterschrieben und die Heizung geprüft werden, das wäre es dann mit dem Elternhaus. Fiedler müsse Abschied nehmen, das sei seine Pflicht als Anwalt und als Sohn. Fiedler denkt: Die Schwester kommt ganz nach der Mutter. Er wolle von den alten Geschichten nichts wissen und mit Sicherheit nichts haben, sagt Fiedler und hat ein ungutes Gefühl, er sei mit diesen Dingen fertig.

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Fiedler untersucht sein Gesicht im Rückspiegel. Er war seit Monaten nicht mehr in diesem Haus. Es dämmert, es schneeregnet und Fiedler macht den Motor aus. Fiedler sind die Ausreden ausgegangen, er ist dann viel zu früh am Morgen doch gefahren. Vor dem Nachbarhaus leuchten drei Nordmanntannen, in den Fenstern Strahlenkränze. Vor Fiedlers Elternhaus leuchtet gar nichts, zwei Kinder bewerfen sich mit Schneematsch. Gegen Mittag sind die Arbeiter bestellt. Im Rückspiegel seines Citroen findet Fiedler sich älter als nötig. Das Weiß in den Wangen sieht im Blinken der Lichterketten irgendwie unsympathisch aus, denkt er und nimmt die Schlüssel zum Elternhaus aus einer blauen Klarsichttüte: die Haustür, der Schuppen, die gute Stube, der Keller, der Briefkasten. Alle Schlüssel sind gleich alt und gleich groß und lagen gleich lang ganz hinten in Fiedlers Notfallschublade.

Die paar Meter, sagt Fiedler, öffnet die Autotür und läuft zum Haus, seinen Mantel lässt er im Citroen liegen. Er probiert und probiert und kein Schlüssel passt, Fiedler verwünscht leise den dreckigen Winter und die glatte A46 und den miesen Sauerländer Rauputz und den schleichenden Tod der Mutter und die Sturheit des Vaters und die Kleingeister nebenan und die Architektur der Neubauten, die darf man gar nicht als Architektur bezeichnen, sagt er, mit Verlaub. Das größere Kind wirft einen Eisball in Fiedlers Richtung, Schneeballschlacht, Weihnachtsmann, wehr Dich!, aber das Eis verfehlt ihn um mehrere Meter. Fiedler steht fluchend im Schneeregen. Das ungute Gefühl, denkt Fiedler und wischt den Schnee aus dem Haar und den Regen aus den Augen, kommt von oben.

Thomas Pletzinger
Thomas Pletzinger

Thomas Pletzinger wurde 1975 in Münster geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Er lebt in Berlin, arbeitet als Autor und Übersetzer im Literaturatelier adler & söhne und unterrichtet am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Im Jahr 2009 war er Writer-in-Residence an der New York University. Sein Roman Bestattung eines Hundes erschien 2008 bei Kiepenheuer & Witsch und erhielt unter anderem den Uwe-Johnson-Förderpreis 2009. Seine Homepage: www.thomaspletzinger.de

Fiedler steht zwischen Platten abgehängter Deckenvertäfelung in der guten Stube. Sein Pullover klebt kalt an seiner Brust, seit Sommer wird hier nicht mehr geheizt, seit Sommer sind die Zimmer leer. Fiedler friert, er dreht die Heizung an. Vom großen Tisch und den Stühlen sind die Abdrücke im Teppich zu sehen, auf der Fensterbank stehen die Bierflaschen der Arbeiter und ein Einmachglas mit Zigarettenstummeln. Ein Fenster steht auf Kipp, es schneit auf den Teppich. Fiedler telefoniert wieder: Seine Schwester hat heute dieses und jenes gekocht und es hat so wie dieses und jenes geschmeckt und die Kinder waren auch da, wie immer zwischen den Jahren. Die Abdrücke im Teppich sind an Stellen, die er kennt. Das Mobiliar und die Bücher hätten sie gespendet, sagt die Schwester, das wäre ihre Pflicht gewesen. Fiedler steht mit dem Telefon in der Hand im Zimmer und starrt auf den Teppich und zwei übrig gelassene Bücher in der Ecke: Konsalik, Simmel. Natürlich war es traurig, sagt Fiedlers Schwester, Trauer schwinge da ja immer mit, aber im weihnachtlichen Bratapfelduft habe die Mutter sich erholen können. Fiedler hält den Hörer in die gute Stube und die Worte ‚weihnachtlicher Bratapfelduft’ legen sich zu den ausgedrückten Zigaretten. Fiedler zieht die Gardinen zur Seite, er sieht die Horbacher Straße hinunter, Richtung St. Jakobuskirche, Richtung St. Jakobuskirchplatz, Richtung Metzgerei Kappel und Sparkasse und Quelleversandbüro Tremblinghausen, Richtung Friedhof. Fiedler hat seit diesem Sommer ein geschmackloses Gefühl. An der frisch asphaltierten Straße standen dem Sarg des Vaters Spalier:

der Männergesangverein Tremblinghausen von 1926,
die freiwillige Feuerwehr Tremblinghausen,
der Gemeinderat St. Jakobus, Tremblinghausen,
die Berufsfeuerwehr Meschede, Abteilung Tremblinghausen,
der Schützenverein Tremblinghausen,
der Heimatverein Tremblinghausen,
der Sauerländische Gebirgsverein, Ortsverein Tremblinghausen,
die Fußballmannschaft mit der Wildsau auf dem Trikot und
vierhundert Nachbarn:

Das sind die Töchter, sie kümmern sich rührend, das ist ihre Pflicht. Fiedler betrachtet sein Gesicht in der Fensterscheibe. Das ist der sogenannte Sohn, in Köln wohnt er, er ist homo-sex-uell, das soll der Vater nicht verkraftet haben. Fiedler nimmt den Hörer wieder an sein Ohr. Mutter hat am zweiten Feiertag aufgehört, ihre Haare auszurupfen, sagt Fiedlers Schwester, hörst du überhaupt zu? Selbstverständlich, sagt Fiedler, ich nehme an, dass Mutter sich dann der Weihnachtsgans zugewandt hat. Das, sagt Fiedlers Schwester, ist geschmacklos. Natürlich, sagt Fiedler, das Leben ist geschmacklos.

Leserkommentare
  1. Entfernt wegen Doppelpostings. Die Redaktion/ag

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