Buchtipps zum Fest Das liest man zu Weihnachten!

Ihnen fällt kein passendes Buch zu Weihnachten ein? Sie stehen ratlos im Buchladen? Autoren von ZEIT ONLINE schlagen Ihnen neue und auch ältere Werke vor.

Unterm Weihnachtsbaum ist viel Platz für Bücher

Unterm Weihnachtsbaum ist viel Platz für Bücher

Tipps von Christoph Schröder

Am Silvesterabend des Jahres 1989 steht ein Mann auf der Terrasse seines Hauses hoch über dem Rhein. Der Bundeskanzler sagt, dass möglicherweise das beste Jahrzehnt vor dem Land liege. Gregor Korff weiß: Das beste Jahrzehnt des Landes geht soeben zu Ende. Wie die Ostdeutschen sich nach der Wende mit den neuen Gegebenheiten herumschlagen mussten, haben wir oft genug lesen müssen. Schimmangs Roman schaut auf die andere Seite: Wie kommt ein eingefleischter Alt-Bundesrepublikaner mit den Bedrohungen der Berliner Republik klar? Ein nostalgisch angehauchter, aber niemals sentimentaler Rückblick und ein Gegenwartsroman zugleich.

Jochen Schimmang: Das Beste, was wir hatten. Roman. Edition Nautilus, Hamburg 2009, 320 Seiten, 19,90 Euro

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Allison gehört zum White Trash – zu weißen Amerikanern am sozialen Abgrund. Sie hat ein Alkoholproblem und einen Freund, der ihr ein Hakenkreuz auf den Rücken tätowieren lässt. Und nach einer halben Vergewaltigung ist sie auch noch schwanger. Mit ungeheurem Einfühlungsvermögen führt Vlautin seine Protagonistin durch die deprimierende Ödnis von Wüsten, Einkaufsmärkten, Spielsalons und Bars – bis hin zu einem Happy End, beinahe jedenfalls. Denn Sieger gibt es in dieser Welt nicht, auch keine Orientierungspunkte. Das Glück kennt man vom Hörensagen. Und Vlautin gibt seinen Verlierern eine Stimme, die man nicht vergisst.

Willy Vlautin: Northline. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Robin Detje. Berlin Verlag, Berlin 2009, 204 Seiten, 19,90 Euro

Tipps von Jörg Magenau

Kritiker sind dumm oder auch "verheerend ganz dumm". Ein Autor ist etwas "ganz und gar erbärmliches und lächerliches" – für den Verleger gilt das folglich auch. Denn der verkauft immer zu wenig Bücher seiner erbärmlichen Autoren und zahlt ihnen mickrige Honorare. Thomas Bernhard und Siegfried Unseld haben sich 25 Jahre lang beharkt und beackert und so lange gefeilscht und gezerrt, bis Unseld ausrief: "Ich kann nicht mehr." Ihr Briefwechsel ist spannender als jeder Roman: Ein Monolith der Verlagsgeschichte.

Thomas Bernhard, Siegfried Unseld: Der Briefwechsel. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009, 869 Seiten, 39,80 Euro

Zuerst verliebte sie sich in seine Gedichte, dann in den Mann, der aus der DDR in den Westen kam. Die Schriftstellerin Natascha Wodin heiratete Wolfgang Hilbig und lebte einige Jahre mit ihm zusammen. Es war eine düstere, selbstzerstörerische Gemeinschaft. Wodins Roman Nachtgeschwister verarbeitet die Erfahrungen dieser Beziehung zweier Schreibenden, die gegen das Verstummen ankämpften. Er ist das Gegenstück zu Hilbigs Provisorium, sprachlich ganz auf dessen Höhe und von radikaler Schonungslosigkeit.

Natascha Wodin: Nachtgeschwister. Antje Kunstmann Verlag, München 2009, 256 Seiten, 18,90 Euro

Tipps von Fokke Joel

Es sind Gespräche mit Lebenden. Aber es geht viel um den Tod. Und um das, was Menschen Menschen antun können. Liao Yiwus Fräulein Hallo und der Bauernkaiser handelt von Außenseitern in China, vor allem aber von den Opfern der nun schon sechzig Jahre währenden kommunistischen Herrschaft. In sensibel geführten Gesprächen lässt Liao Yiwu Menschen sprechen, über die die Walze der Geschichte hinweggerollt ist. Selbstredend ein Buch, das in China verboten ist. Und das hier, im Westen, unbedingt gelesen werden sollte.

Liao Yiwu: Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. Chinas Gesellschaft von unten. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009, 544 Seiten, 22,95 Euro

Im Grunde erzählt Über Land von lauter Irritationen. Irritationen über ein China, das sich rasant verändert. Der amerikanische Journalist Peter Hessler ist mit dem Auto die Große Mauer entlang gefahren, hat die Veränderungen in einem kleinen Dorf in der Nähe von Peking beobachtet und den boomenden Süden des Landes mit seinen Fabriken und Wanderarbeitern besucht. Aber nicht nur er war immer wieder irritiert, sondern auch die Chinesen selbst. "Wir waren alle in gewisser Weise am falschen Ort; es gab niemanden, der das China von heute vollkommen verstanden hätte." Unvoreingenommen und spannend geschriebene Reportagen von einem, der das Staunen nicht verlernt hat.

Peter Hessler: Über Land. Begegnungen im neuen China, Berlin Verlag, Berlin 2009. 560 Seiten, 24 Euro
 

Tipps von Carsten Klook

Kurt Aebli, Schweizer Lyriker und Autor verdichteter Kurzprosa, setzt in seinem neuen Erzählband Der Unvorbereitete Stecknadeln in den Pelz der Gewohnheit: Protagonist Gregor leidet an der Zeitgenossenschaft und konstatiert in präzisester Sprache Sinnlichkeitsverluste und den Dissens, in dem er lebt. Er vernichtet verbal, was an Falschem seinen Weg kreuzt. Im Mittelteil des 134-seitigen Buches erlebt er eine Liebesgeschichte: Das Glück fällt anders aus, als erwartet. Eine meisterhafte Entzerrung falscher Vorstellungen mittels Poesie.

Kurt Aebli: Der Unvorbereitete. Urs Engeler Editor, Zürich 2009. 134 Seiten, 17 Euro

Thomas Kapielski, der sich unter anderem als Schriftsteller, Künstler und Nasenflötenvirtuose betätigt, durchforstet in Mischwald den grauen Alltag nach blinkenden Phänomenen. Unter Kapielskis Betrachtung verwandelt sich der Schummel des hohen Anspruchs zum Wahnwitz – ob auf Reisen oder in seiner Heimatstadt Berlin. Wer auf abgedriftete Fabulierlust, enorme Literarizität, der großen Weltschau im Kleinen und Querfeldein-Bezüge steht, der liegt hier richtig. Fotos machen diesen Band noch reicher. Philosophische Durchdringung, die wirklich lustig ist.

Thomas Kapielski: Mischwald. edition suhrkamp, Frankfurt am Main 2009, 347 Seiten, 14 Euro

Tipps von Wiebke Porombka

Verena Roßbachers Verlangen nach Drachen ist ein irrwitzig komischer Roman über die schmerzhaften Verwerfungen und Verstrickungen der Liebe. Ein Roman über Hochstapler, melancholische Sonderlinge und verwirrte Enthusiasten, die allesamt heil- und aussichtslos um die schöne Klara kreisen, nach Urvögeln suchen, tote Tiere einwecken oder aus Versehen wertvolle Geigen zerstören. So schillernd und wunderlich wie das Personal, dessen Wege sich immer wieder im Wiener Kaffeehaus Neugröschl kreuzen, ist auch die Sprache von Verena Roßbacher – zweifellos das umwerfendste Debüt dieses Jahres.

Verena Roßbacher: Verlangen nach Drachen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, 448 Seiten, 19,95 Euro

Der Atlas der abgelegenen Inseln ist ein Sehnsuchtsbuch der etwas anderen Art. "Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde" heißt dieser grafisch wunderschön gestaltete Band, in dem Judith Schalansky zu Prosaminiaturen und kleinen Geschichtchen verwebt, was sie an Geographischem, Naturwissenschaftlichem und Historischem über diese Orte irgendwo im Nirgendwo gesammelt hat. Geschichten von meuternden Soldaten, zerklüftetem Gestein oder etwa dem übrig gebliebenen, im Schnee versunkenen Wetterhäuschen auf "Einsamkeit", einer Insel im arktischen Ozean, wo die Temperaturen selten über -16 Grad steigen. Das Unwirtliche bekommt hier eine ganz sonderbare Poesie.

Judith Schalansky: Atlas der abgelegenen Inseln. Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde, Mare Verlag, Hamburg 2009, 144 Seiten, 34 Euro

Tipps von Andrea Hünniger

Für den gemütlichen Weihnachtsabend, für die Lektüre nach der Ente, nach dem Geschenkeauspacken, im flackernden Kerzenschein, bei einem Gläschen Punch oder Glühwein, empfiehlt sich, nein, drängt sich der französische Schriftsteller Michel Houellebecq und seine elegante Essaysammlung Die Welt als Supermarkt geradezu auf. Bei nahezu jedem gesellschaftlichen Großereignis (und Weihnachten zählt natürlich dazu) lässt sich daraus zitieren und im Anschluss vielleicht mit Familie und Hund darüber diskutieren. Bewunderung und Huldigung werden Sie erfahren, wenn Oma sich den Eierlikör nachschenkt und allen die Ente aufstößt und dabei ein Zitat Houellebecqs fällt. Etwa dieses: "Wir stehen der Hölle hier viel näher." Oder: "Was habe ich mit diesen Arschlöchern (Menschen) zu tun?" Selbst das Weihnachtsfest lässt sich mit Houellebecqscher Symphonie begleiten. Zum Feiern nämlich schreibt er: "Das Ziel der Feier ist es, uns vergessen zu machen, dass wir einsam, elend und zum Tode geweiht sind."

Michel Houellebecq: Die Welt als Supermarkt. Interventionen. Essays. Dumont Verlag, Köln 1999, 100 Seiten, 15,24 Euro

"Durch die unendliche Tiefe des Weltraums wandern zahllose Sterne, leuchtende Gedanken Gottes, selige Instrumente, auf denen der Schöpfer spielt. Sie alle sind glücklich, denn Gott will die Welt glücklich. Ein einziger ist unter ihnen, der dieses Los nicht teilt: auf ihm entstanden nur Menschen. Wie kam das? Hat Gott diesen Stern vergessen? Oder hat er ihm die höchste Glorie verliehen, indem er ihm freistellte, sich aus eigener Kraft zur Seligkeit emporzuringen? Wir wissen es nicht. Einen winzigen Bruchteil der Geschichte dieses winzigen Sterns wollen wir zu erzählen versuchen." Mit der großen Eleganz solcher Worte schreitet der große Philosoph, Denker, Scherzer und Wiener Egon Friedell durch die Kulturgeschichte der Neuzeit. Von der "Krisis der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg" entfaltet Friedell mit Scharfsinn und Humor eine Übersicht über den Fortschritt der Menschheit. Auf fünf Seiten erklärt er Immanuel Kant so, dass man ihn plötzlich versteht, Bücher werden auf amüsante Weise verrissen, Kritiken zitiert. Nie im angestrengten Ton, nie belehrend, nie langweilig. Ein großes Weltporträt!

Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit. C.H. Beck Verlag, München 2003, 1570 Seiten, 24,90 Euro
 

Tipps von Frank Schäfer

Diese Boxreportagen des 1963 gestorbenen New Yorker-Reporterstars und Connaisseurs des low life sind Spaziergänge durch eine Zeit, als die mythischen Heroen des Pugilismus noch echte Menschen waren. Liebling porträtiert aber nicht nur die Protagonisten und ihre Kunst, profund, leidenschaftlich, witzig, aber ohne Dünkel, sondern auch das Milieu, die unbekannten Spezialisten drumherum, Promoter, Trainer, Ringbetreuer, Veteranen. Und nicht zuletzt zeichnet er ein buntes, plastisches, sozialgeschichtlich lehrreiches Bild von den schichtenübergreifenden, Massen mobilisierenden Veranstaltungen jener Jahre.

A.J. Liebling: Die artige Kunst. Joe Louis, Rocky Marciano und die klassische Ära des amerikanischen Boxkampfs. Aus dem Englischen von Joachim Kalka. Berenberg, Berlin 2009, 166 Seiten, 19 Euro

Tom Wolfe ist hier angetreten, um das On the Road des Hippie-Jahrzehnts zu schreiben. Mit einem umgebauten Schulbus karriolen Ken Kesey und seine Merry Pranksters durch die Staaten, um es den "squares" noch einmal zu zeigen. Was dieses Buch leistet, ist nicht weniger als eine wohlwollende, aber ungeklitterte Innenansicht der Hippie-Kultur mit all ihren Ritualen, Ideologemen und Phrasen, ihren halben Wahrheiten und Lebenslügen, den heute kaum noch fassbaren Freiheiten und vielfältigen Möglichkeiten sich auszuprobieren.

Tom Wolfe: Der Electric Kool-Aid Acid Test. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Schmid. Heyne, München 2009, 560 Seiten, 9,95 Euro
 

Tipps von Susanne Schmetkamp

Feiner Schweizer Humor und schriftstellerische Selbstironie zeichnet das Autorenduo Keller + Kuhn aus. In ihrem Roman Der Stand der letzten Dinge sinnieren sie vergnüglich über das Verhältnis von Dichtung und Wahrheit, denn die Protagonisten – ebenfalls im Duett schreibende Autoren – erhalten einen Anruf von ihrer eigenen erfundenen Romanfigur. Diese ermahnt die beiden, ihre Geschichte ja nicht weiterzuschreiben. Als nach Drohungen gar eine Katze stirbt, machen die Autoren sich auf die Jagd nach dem Produkt ihrer Fantasie. Der Roman, der an Pirandellos Stück Sechs Personen suchen einen Autor oder Marc Fosters Film Stranger than Fiction erinnert, sprengt dabei die Genregrenzen: Krimi, Komödie, Kritik. Nebenbei erfährt man einige schöne Eigenarten über die Schweiz und ihre Bewohner.

Keller + Kuhn: Der Stand der letzten Dinge. Limmat Verlag, Zürich 2008, 199 Seiten, 21 Euro

Englischer Harem erzählt von einem dicklichen, iranischen Immigranten in London, der – aus einer Metzgerfamilie stammend – dort mit einem vegetarischen, arabischen Restaurant Erfolge feiert und mit einer Vielehe für Getuschel sorgt. Denn der Mann hat doch glatt zwei Ehefrauen und will nun gar die dritte heiraten: eine junge Engländerin. Das ist den Londonern zu viel. Anthony McCarten hatte zuletzt mit Superhero (über einen krebskranken Jungen) gezeigt, wie vielschichtig, tragikomisch und wunderbar er erzählen kann. Nun beweist er es aufs Neue: Angesichts vieler aktueller Ressentiments gegen Muslime ist dies ein erfrischender, politischer Roman, der mit Vorurteilen und kulturellen Spannungen so seriös wie urkomisch umgeht und uns am Ende fassungslos und lachend zugleich zurücklässt.

Anthony McCarten: Englischer Harem. Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié, Diogenes Verlag, Zürich 2008, 582 Seiten, 21,90 Euro

Tipps von Martin Brinkmann

Erweitern Sie Ihr Wissen über die menschliche Seele! Fuck off, Amerika ist eines dieser aufklärerischen Bücher. Wie aus einem sozial abgeschlagenen jungen Mann ein angehender Staatsfeind wird, das führt Edward Limonows Kultbuch aus den Achtzigern vor. Als Sozialhilfeempfänger in einem New Yorker Problemhotel abhängend, entwickelt ein russischer Emigrant und talentierter Dichter überaus wütende Gedanken. Dass hierbei eine gewaltige Portion schwarzer Humor mit im Spiel ist, macht das Buch erst erträglich. Wie schade, dass es aktuell auf dem deutschen Buchmarkt nicht mehr von Limonow zu lesen gibt!

Edward Limonow: Fuck off, Amerika. Aus dem Russischen von Jürgen Bavendam, KiWi, Köln 2004, 288 Seiten, 8,90 Euro

Dringen Sie tiefer. Erhöhen Sie Ihren Erkenntnisgrad. Sinken Sie bis auf den toten Grund menschlicher Gefühle. Totale innere Abgestorbenheit und sensationelle äußere Wahrnehmung schließen sich nicht aus. Lebensüberdruss und Zuwachs an Wahrheit bedingen sich gegenseitig. Niemand hat die Existenzweise des Melancholischen in all ihren Facetten derart poetisch beschrieben wie Fernando Pessoa. Seine Wanderungen durch Lissabon und seine Reflexionen über das Dasein sollten jedem denkenden Lebewesen unentbehrlich sein. Das Buch der Unruhe ist das wahre Buch der Bücher!

Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe. Aus dem Portugiesischen von Inés Koebel, Ammann Verlag, Zürich 2008, 576 Seiten, 19,90 Euro
 

Tipps von Stefan Mesch

Das erste eigene Haus, zwei hübsche Kinder und eine brave Ehe in der Vorstadt: 1955 merken Frank und April Wheeler, dass sie von ihrem Leben deutlich mehr wollen. Das Paar wagt einen letzten, großen Ausbruch aus der Mittelmäßigkeit. Sam Mendes’ Revolutionary Road, die Verfilmung des Romans, stieß letzten Frühling auf Preise und freundliche Kritiken – und machte Richard Yates’ Romanvorlage, erschienen 1961, zur Wieder-Entdeckung des Jahres: Ein scharfkantiges, wahres Buch, menschlich, modern und erwartet witzig.

Richard Yates: Zeiten des Aufruhrs. DVA, München 2008, 368 Seiten, 14,99 Euro

Facebook, Twitter, Google Books: 2009 wurden die Debatten um Datenschutz, Copyright und globale Information immer lauter und panischer. Der Romancier, Blogger und Aktivist Cory Doctorow geht den umgekehrten Weg: Visionen statt Verbote, Verstand statt Angst. In Content sammelt er 17 knackige Essays über die Zukunft der Medien und der globalen Kommunikation. Wie alle Bücher und Geschichten Doctorows gibt es Content als klassische Print-Ausgabe. Doch parallel dazu auch als offiziellen Gratis-Download im Internet – wenn auch vorerst nur auf Englisch.

Cory Doctorow: Content. Selected Essays on Technology, Creativity, Copyright, and the Future of the Future. Tachyon Publications, San Francisco 2008, 224 Seiten, 10.99 Euro
 

Tipps von Leonie Meyer-Krentler

Um Weihnachten und den Jahreswechsel beschäftigt man sich ja per se mit der Ambivalenz familiärer Beziehungen. Aber es müssen nicht die eigenen sein! Man kann zum Beispiel erst Siri Hustvedts Roman Die unsichtbare Frau lesen, in deren viertem Teil sich die Studentin Iris Vegan der Obsession für ihren Literaturprofessor hingibt und sich schließlich des Nachts in einen Mann verwandelt. Dann zu Hustvedts Ehemann Paul Auster wechseln: Invisible. Auch hier gibt es vier Teile, wieder ein Studentisches Milieu, wieder eine fatale Dreiecksbeziehung, verdeckte Brutalität, die plötzlich aufbricht. Beide Bücher: Absolut fesselnd, humorvoll, abgründig, und doch mit einem ganz anderen Ton, echte Gegenstücke eben – wie in einer guten Ehe. Und zuletzt noch Siri Hustvedts Essayband Being a Man, besonders die Analyse US-amerikanischer Charakterschwächen in Franklin Pangborn, die, wie so oft bei Hustvedt, im eigenen Wohnzimmer endet. Muss man wissen, warum Siri Hustvedt gern die Umrisse jedes Objekts um sich herum deutlich erkennen möchte, Paul Auster hingegen Ordung und Sauberkeit "langfristiger" sieht? Ja, man muss! Vor allem, wenn die Umrisse in der eigenen Wohnung einmal etwas unscharf sein sollten, was ja schon wegen des vielen Kerzenlichts geradezu vorprogrammiert ist.

Siri Hustvedt: Die unsichtbare Frau. Rowohlt, Reinbek 2003. 267 Seiten, 8,90 Euro
Siri Hustvedt: Being a Man. Rowohlt, Reinbek 2006, 191 Seiten, 12 Euro
Paul Auster: Invisible. Henry Holt, New York 2009. 320 Seiten, 25 Euro

Tipps von Ruben Donsbach

Zugegeben, der Titel ist nicht sonderlich sexy. Doch in diesem kleinen Interview-Band verbirgt sich ein hohes Maß an lustvoller Utopie. Der Zukunftsforscher Karlheinz Steinmüller imaginiert Gebäude als "organische Wesen", deren Fenster sich chemisch, wie Pflanzen, der Sonne zugewendet öffnen. Peter Sloterdijk fordert den die Öko-Krise beobachtenden "Kombattanten" auf, endlich selbst "Teil der Schlachtordnung (zu) werden". Und der Architekt und Künstler Yona Friedman denkt sich Sommerstädte am Polarkreis, deren Bewohner, wie moderne Nomaden, "im Laufe eines Jahres dem Klima folgen" werden. Ein Gespräch über Ideen, die wie "Wildpferde auf den nebligen Weiden der Zukunft" grasen.

Friedrich von Borries, Matthias Böttger: Bessere Zukunft? Auf der Suche nach den Räumen von Morgen, Merve Verlag, Berlin 2008, 166 Seiten, 12 Euro

Vergessen sie den Lonely Planet oder jedweden anderen New York Führer. In Delirious New York schichtet Rem Koolhaas mit ausgeprägtem Möglichkeitssinn phantastische Geschichten zu phantastischer Architektur. Wie konnte Manhattan als Zauberraum der Moderne denkbar werden? Ein Buch als nachträgliches Manifest. Denn vormals ausgesprochen wäre dieser Turmbau nach Babel schnell als Hybris entlarvt worden. So begegnet einem die Stadt in flüchtigen "Schichten von Phantomarchitektur". Mit Delirious durch die Schluchten von Midtown schlendernd gleicht einem Spaziergang durch verwegene Träume.

Rem Koolhaas: Delirious New York. Ein retroaktives Manifest für Manhattan. Arch+ Verlag 2006, 328 Seiten, 25 Euro

Tipps von Peter Henning

Nicht das große und offensichtliche Unglück ist der Auslöser in den Novellen des Berliner Erzählers und Dramatikers Hartmut Lange; bei ihm genügen vielmehr schon das wiederholte unerklärliche Offenstehen einer Wohnungstür oder der scheinbar plötzliche Lichtwechsel im Raum, um in seinen Figuren – und damit im Leser – die feine Motorik des Schreckens in Gang zu setzen. So auch in seiner neuen Sammlung Der Abgrund des Endlichen, die eindrucksvoll zeigt, wie spannend das Spiel mit der Andeutung sein kann. Und so finden sich denn auch die Sinnsucher seiner neuen Geschichten allesamt plötzlich am Scheideweg zwischen Leben und Tod und Wahn und Wirklichkeit. Bleibt abschließend die bange Frage: Wie lange soll uns dieser Autor noch mit seinen literarischen Kostbarkeiten beschenken, ohne die ihm dafür zustehende Würdigung zu erfahren?

Hartmut Lange: Der Abgrund des Endlichen. Drei Novellen. Diogenes Verlag, Zürich 2009, 128 Seiten, 19,90 Euro

Albert Camus hat uns in seinem Roman Die Pest schon 1947 eindrucksvoll gezeigt, was geschieht, wenn eine Stadt plötzlich von der Außenwelt abgeschnitten wird und in deren Innern die finalen Kämpfe ums Überleben entbrennen. Auch Stephen King hat Gefallen an einem derartigen Szenario gefunden: Und so inszeniert er sein Romanwerk Die Arena in ähnlicher Manier als modernes Inseldrama. Denn als sich das Nest Chester's Mill durch ein unsichtbares Kraftfeld jäh vom Rest des Landes abgeschnitten sieht, beginnen auch dort die finalen Kämpfe um Sein oder Nichtsein. Dass sich King dabei ganz auf die finstere Kraft seiner Schilderungen verlässt, ohne mit billigen Horrortricks zu agieren, das macht sein Epos zu einem grandiosen Wurf.

Stephen King: Die Arena. Heyne Verlag, München 2009. Aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner, 1280 Seiten, 26,95 Euro

Tipps von Insa Wilke

Aus der Lebensgeschichte der libanesischen Schauspielerin Darina al-Joundi taucht man taumelnd wieder auf. Der jazzliebende Vater hat sie in Beirut die Freiheit gelehrt, der Bürgerkrieg die Gewalt. Was das heißt: in Trümmern zu überleben, was das meint: sich brutaler Unterdrückung zu entwinden, tanzt al-Joundi auf die Netzhaut ihrer Leser. Stößt sie uns in die dunkelsten Kapitel Beiruts, wurde die vitalste Stadt des Nahen Ostens Jahre früher Zufluchtsort für eine Legende der arabischen Lyrik: Mahmoud Darwish, der Palästina 1967 eine Stimme gab. Sein letztes, großes Gedicht schrieb er kurz vor seinem Tod im vergangenen Jahr. Auch dies der Gesang eines Lebens, die Geschichte einer verwüsteten Landschaft und ihrer Hoffnungen. "Auf dem Rücken eines Panzers" kam die Politik zu Darwish und al-Joundi und berührte sie kalt. Das Wunder der arabischen Dichter ist ihr Humor, mit dem sie dieser Kälte begegnen. Keine besinnliche Fest-Lektüre, aber Literatur für die nachdenkliche Zeit zwischen den Jahren.

Darina al-Joundi, Mohamed Kacimi: Der Tag, an dem Nina Simone aufhörte zu singen. C. Bertelsmann, München 2009, 160 Seiten, 14,95 Euro

Mahmoud Darwish: Der Würfelspieler. Gedicht. A1 Verlag 2009, 92 Seiten, 12,80 Euro

Tipps von David Hugendick

Weihnachten, das Fest der Geschenke – aber auch des Redens und Innehaltens. Zwei Bücher hierzu, das erste ist ein schmales Bändchen, reclamgelb für die Gesellschaft um Ente oder Gans, zum gemeinsamen Lesen und Nachspielen. Scharen Sie sich um Eugène Ionescos Die kahle Sängerin, das erste Stück des Dramatikers, der uns das absurde Theater schenkte. In Deutschland spielt es kaum ein Theater mehr, das ist schade. Deshalb führen Sie es auf! Plappern Sie los wie Mr. Smith und reden Sie einmal richtig aneinander vorbei. Sagen Sie Sätze wie: "Ich erwarte den Aquädukt zu Besuch in meiner Mühle." Lassen Sie sich antworten: "Touchiere nicht meine Niere!"  Noch einer, weil's so schön ist: "Die Männer sind doch alle gleich. Den ganzen Tag haben sie die Zigarette im Mund, oder sie pudern sich und schminken sich die Lippen fünfzigmal, wenn sie sich nicht gerade betrinken."

Eugène Ionesco: Die kahle Sängerin. Reclam, Stuttgart 1986, 2 Euro

Dann ziehen Sie sich zurück mit dem zweiten Buch, Sie verpassen den ersten Weihnachtstag, nur dann und wann kommt aus Ihrem Mund: Bin auf Seite 489, im Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche. David Foster Wallace' Unendlicher Spaß, das weitverschwafelte Opus des jung verstorbenen Schriftstellers wird Ihnen die Zeit zwischen den Jahren versüßen, ernüchtern, verstören und erhellen. Tausendfünfhundertsiebenundvierzig Seiten unendlicher Ernst, der erheitert, erschüttert und fordert mit Wortschöpfungen und nimmerendenden Tennisspielen, grellem Spott und Sarkasmus. Ein Rausch, dann ist Silvester. Noch ein paar Hundert Seiten liegen vor Ihnen.

David Foster Wallace: Unendlicher Spaß. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, 1547 Seiten, 39,90 Euro
 


 

 
Leser-Kommentare
  1. Komisch, wenn ich ein Buch lesen will, dann weiß ich natürlich, welches. Da brauch ich keine Nachhilfe.
    Zumal man, wie in der Popmusik, bei solchen Tipps besser das Gegenteil tun (resp. kaufen und lesen/hören) sollte. Millionenfach bewiesen: Journalisten oder gar Kritiker sind doch die letzten, die wissen, was "gut" ist.
    Oder ist das - wie in der SZ - nur 'ne Klickstrecke?

  2. "Aus dem amerikanischen Englisch" - wenn ich sowas schon sehe; SO EINER will mir erzählen, was ich lesen soll? Der soll mal lieber einen Ami fragen, welche Sprache er spricht und in welcher Sprache er schreibt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Dann probieren Sie doch einmal den Ionesco, und sie wird vielleicht verfliegen...

    Dann probieren Sie doch einmal den Ionesco, und sie wird vielleicht verfliegen...

  3. Dann probieren Sie doch einmal den Ionesco, und sie wird vielleicht verfliegen...

  4. ... DIE HERDMANNS KOMMEN!

    - das ist mein weihnachtlicher Lesetipp.

    Der ganze Stadtteil ist sich einig: Die Kinder der Herdmanns sind die schlimmsten Kinder aller Zeiten. Sie lügen, klauen, rauchen Zigarren (auch die Mädchen), bringen die Nachbarn zur Verzweiflung und können ein Klassenzimmer mit Hilfe ihrer halbwilden Katze in der Rekordzeit von drei Minuten völlig leerfegen. Jetzt haben sie es sogar (mit recht zweifelhaften Methoden) geschafft, sämtliche Hauptrollen in dem Krippenspiel zu bekommen, das zu Weihnachten aufgeführt werden soll. Natürlich erwartet jeder das schlimmste Krippenspiel aller Zeiten... aber...

    Ein wunderbar rührendes und humorvolles Weihnachtsbüchlein für Klein (und Groß!), bezüglich dessen ich nicht umhin kann, es voll Freude jedes Jahr um diese Zeit immer wieder aufs Neue zu lesen.

    • dschun
    • 25.12.2009 um 10:21 Uhr

    Ich denke, es schadet nicht, wenn Journalisten aus freien Stücken Literatur-Tipps zum Besten geben (und diese nicht als Werbeeinschaltung gekauft wurden). Und der Briefwechsel von Bernhard tät mich schon reizen, wär das Buch nicht gar soo teuer. Na, in einem Jahr ist ja wieder Weihnachten.

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