ComicsAsterix und Adolf

Dass Comics unterhaltsam sind, weiß jeder. Jetzt hat ein Historiker untersucht, ob sie auch lehrreich sind. von Lars von Törne

Generationen von Lateinschülern haben mit Asterix ihr Vokabular erweitert. Und hin und wieder haben jüngere Generationen im Unterricht vielleicht auch mal ein paar Seiten aus Art Spiegelmans Maus gelesen, um etwas über die Aufarbeitung von Holocaust-Erinnerungen zu lernen. Aber damit hat sich der Einsatz von Comics im Schulunterricht auch schon weitgehend erschöpft.

Eine verschenkte Chance, die Kunst der sequentiellen Erzählung für didaktische Zwecke besser zu nutzen? Und was für eine, wie der Germanist und Historiker René Mounajed jetzt in einer umfangreichen Studie nachweist. Geschichte in Sequenzen – Über den Einsatz von Geschichtscomics im Geschichtsunterricht heißt die vor kurzem als Buch veröffentlicht Dissertation des gebürtigen Berliners, Jahrgang 1976, der als Studienreferendar in Niedersachsen arbeitet.

Anzeige

Mounajeds fundiert recherchierte und auch für Nichthistoriker flüssig zu lesende Arbeit ist ein solides Plädoyer für einen vermehrten Einsatz von Comics in der Schule. Und das nicht nur, weil in Comics ein "enormes Motivationspotenzial" steckt, um Schüler für den Unterrichtsstoff zu begeistern, wie der Autor mit empirischen Studien zeigt. Sondern vielmehr, weil Comics als offensichtliche Kunstprodukte aus Bildern und Texten geradezu exemplarisch die historische Aufarbeitung der Vergangenheit problematisieren. "Das eigentliche Lernpotenzial von Geschichtscomics liegt in der Auseinandersetzung mit den Aspekten der Konstruktion und De-Konstruktion aller historischen Narrationen", bilanziert Mounajed die Erkenntnisse seiner eigenen Untersuchungen und der anderer Wissenschaftler.

Eine "Wunderwaffe“ zur Vermittlung von Schulwissen sind Comics allerdings mitnichten, wie die Studie ausführt. Damit schränkt René Mounajed im Verlauf der 200-seitigen Argumentation seine angemessen optimistische, aber etwas sehr pauschale Anfangsthese deutlich ein, nach der mit Comics "sinnvoll und nachhaltig gelernt werden" kann. Um zu spezifischeren Erkenntnissen zu gelangen, gibt Mounajed unter anderen einen fundierten, durch Verweise auf sachverwandte Literatur und teilweise bislang unveröffentlichte Studien gestützten Überblick über die in Deutschland erschienenen Comics mit historischem Inhalt. Das sind nach Zählung des Autors neben Asterix und Maus mehr als 360 Bücher und Serien, von denen sich nach der Einschätzung des Autors ein gutes Drittel als "historisch triftig" bezeichnen lässt und somit schultauglich sein könnte. Allein, die meisten Lehrer haben von Titeln wie Jacques Tardis Grabenkrieg, Osamu Tezukas Adolf, Jason Lutes' Berlin, Frank Millers 300 oder Elke Steiners Die anderen Mendelssohns noch nie etwas gehört, wie die Studie illustriert.

Mounajed ermuntert also Pädagogen vor allem, sich dem Comic gegenüber mehr zu öffnen und sich auf diese Werke einzulassen. Zwar vermag nicht jedes einzelne Buch durch historische Authentizität zu brillieren. Aber viele Comics, so wird überzeugend ausgeführt, machen dies wett durch den besonderen emotionalen Zugang zu vergangenen Zeiten. Außerdem wird der Autor nicht müde zu betonen, dass nicht nur der Comic als Genre sondern ja auch die Geschichtsschreibung per se immer auch fiktive Anteile habe. Da dies aber im Comic besonders offensichtlich sei, eignet er sich eben umso besser, um Schüler nicht nur zur Auseinandersetzung mit Geschichte, sondern auch mit deren kritischer Rezeption zu motivieren, wie Mounajed auch mit eigenen Untersuchungen unter Schülern und Lehrern illustriert.

Lehrer, die durch Mounajeds überzeugendes Plädoyer Lust auf mehr Comics im Geschichtsunterricht bekommen haben, aber sich in dem Gebiet kaum auskennen, werden im Anhang seiner Studie reichhaltig bedient: Auf 70 Seiten führt der Autor eine nach Epochen gegliederte und jeden Titel qualitativ einordnende Liste von Geschichtscomics auf – eine Fundgrube nicht nur für Pädagogen, sondern auch für Comicfans, die durch diese Einordnung manch lesenswerten Titel neu oder wieder entdecken können

Erschienen im Tagesspiegel vom 3. Januar

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • M.M.
    • 04. Januar 2010 12:56 Uhr

    ......ich bezweifele einen nachhaltigen Lerneffekt, gerade im Fach Geschichte.
    In der Klasse 10 (1966) hatte ich einen Geschichtslehrer, der die Zeit der Völkerwanderung derartig platisch schilderte, dass man meinen konnte, Attilas Hunnen rasten durch das Klassenzimmer. Es war einfach toll und selbst die historisch eher uninteressierten Mädels waren begeistert.
    Seine Pensionierung war ein Jahr später ein herber Verlust für unsere Klasse.
    Danach wurde es öde !!!!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wo ist da jetzt die Kausalität, M.M.? Wieso soll der Lerneffekt bei Comics gleich Null sein, nur weil ihr Lehrer plastisch schildern konnte?

    • alkyl
    • 04. Januar 2010 13:10 Uhr

    ...wissen wir schon, welches enorme Wissen allein im Asterix steckt: nachdem ich André Stoll gelesen hatte, habe ich mich fast meiner eigenen gymnasialen Bildung geschämt. Hut ab vor der Leistung Goscinnys und Uderzos! Man muß schon eine gehörige Portion Bildung mitbringen, um damit so spielerisch umgehen zu können!

    http://www.uni-bielefeld.de/lili/personen/astoll/publikationen/asterix.html

  1. aber die historische Genaugkeit von Asterix wurde doch vor über 20 Jahren (eine gefühlsmäßige Angabe, ich habe nicht nachgesehen) wissenschaftlich untersucht und bestätigt... PS: An dieser Stelle ein ganz großes Kudos an der unglaubliche Leistung der Asterixschöpfer!

  2. Wo ist da jetzt die Kausalität, M.M.? Wieso soll der Lerneffekt bei Comics gleich Null sein, nur weil ihr Lehrer plastisch schildern konnte?

    Antwort auf "Nun...."
    • Isi 1st
    • 04. Januar 2010 15:18 Uhr
    5. Oje...

    ...die meisten Geschichtslehrer können nicht mit der Geschichte umgehen, sie dann auch noch mit Comics (die sie wohl auch nicht verstehen...) zu belasten, halte ich für eine orginelle Idee, mehr aber nicht.
    Leider flachen die Asterix Comics auch immer mehr ab...
    (nicht falsch verstehen, ich liebe die beiden Gallier & somit auch Goscinny und Uderzo und möchte nicht wissen, was Lehrer daraus machen könnten)
    Wirkliche Geschichtslehrer, die diesen Namen auch verdienen wissen, wie man Geschichte vermittelt...
    ...dieser Artikel ist wohl eher ein Platzfühler als ein ernst gemeinter Artikel.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • wushu
    • 04. Januar 2010 16:34 Uhr

    "Leider flachen die Asterix Comics auch immer mehr ab..."
    Für den Geschichtsunterricht bedingt geeignet, denke ich das Comics allgemein gut sind, um Kinder fürs lesen zu begeistern. Man sollte nur nicht zu früh aufgeben. Gerade Kinder mit Leseschwäche helfen sie ungemein.

    • wushu
    • 04. Januar 2010 16:34 Uhr
    6. Dito

    "Leider flachen die Asterix Comics auch immer mehr ab..."
    Für den Geschichtsunterricht bedingt geeignet, denke ich das Comics allgemein gut sind, um Kinder fürs lesen zu begeistern. Man sollte nur nicht zu früh aufgeben. Gerade Kinder mit Leseschwäche helfen sie ungemein.

    Antwort auf "Oje..."
    • rosalix
    • 04. Januar 2010 19:43 Uhr
    • 42317
    • 04. Januar 2010 20:21 Uhr

    Ich gehöre noch einer Generation, der man in der Schule noch hinter vorgehaltener Hand beigebracht hat, dass "die Amerikaner" in ihrer Kulturlosigkeit geistig so beschränkt seien, dass sie als Beinahe-Analphabeten Comics als Unterrichtsmaterial bräuchten. Ich sage nicht, dass das wahr ist, aber wegen dieser indoktrinierung habe ich ein Problem damit, Comics zum Unterrichtsmaterial zu erheben. Und letztendlich wird man damit einer weiteren Bürokratisierung Vorschub leisten, denn wenn Comics in die Schule kommen, dann muss es natürlich auch Kommissionen geben, die darüber entscheiden, welche das denn sein dürfen.

    Die stärksten Zweifel habe ich allerdings bei "300" - falls sich der Comic grundlegend vom Film unterscheidet, möge man mich bitte korrigieren. Ich habe selten ein derart rassistisches Machwerk gesehen - da verteidigt eine Handvoll bescheidener, kulturell reiner, gesunder, und schöner weißer Menschen Europa gegen die dekadenten und degenerierten, barbarischen und "farbigen" Horden aus Asien.
    Mit Verlaub, aber ich glaube, ich muss kotzen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
  • Schlagworte Asterix | Autor | Dissertation | Lehrer | Schüler | Studie
Service