Es war in der größten Not, dass ich Salingers Catcher in the Rye las. Nach dem Abitur ging ich für ein halbes Jahr in die USA und konnte – aufgrund gezielter schulischer Lernverweigerung – buchstäblich kein Wort Englisch. Also suchte ich Bücher, bei denen halbwegs die Aussicht bestand, mich durchkämpfen zu können. Da lag der Catcher nahe. Mit Befriedigung stellte ich fest, dass ich bei diesem Buch mit einem Minimum an Vokabelkenntnissen sehr weit kam. Aber ich machte noch eine für mich neue Erfahrung: Bis dahin hatte ich – mit der Ausnahme Hemingway - immer gedacht, aufregende Bücher müssten ein großes Vokabular haben. Orientierungsmarke war Joyces Ulysses. Salinger lehrte mich das Gegenteil. Welche sprachliche Musik, welcher Sound umlullte einen da, gewissermaßen ganz ohne großes Orchester. Und ich, der ich bis dahin lieber Bücher las, die wie Proust, Nabokov, Thomas Mann oder Truman Capotes Answered Prayers in der besseren Gesellschaft spielten, fand plötzlich Zuneigung zu Caulfields wütender Außenseiterexistenz – schließlich machte er es mir so einfach, ihm zu folgen. Ich lernte also Englisch mit Salinger. Und noch heute würde ich behaupten: Salinger ist wie Amerika – eine wunderbare Welt mit niedriger Zugangsschwelle.

Von Ijoma Mangold