Erinnerungen an J.D. Salinger Mein Salinger

Autoren der ZEIT und von ZEIT ONLINE erinnern sich an ihre erste Lektüre des großartigen Schriftstellers J.D. Salinger, dem verstorbenen Autor des "Fänger im Roggen".

Wohl in vielen Regalen zu finden:  Jerome D. Salingers "Catcher in the Rye", wie sein berühmtester Roman im amerikanischen Original heißt

Wohl in vielen Regalen zu finden: Jerome D. Salingers "Catcher in the Rye", wie sein berühmtester Roman im amerikanischen Original heißt

Es war in der größten Not, dass ich Salingers Catcher in the Rye las. Nach dem Abitur ging ich für ein halbes Jahr in die USA und konnte – aufgrund gezielter schulischer Lernverweigerung – buchstäblich kein Wort Englisch. Also suchte ich Bücher, bei denen halbwegs die Aussicht bestand, mich durchkämpfen zu können. Da lag der Catcher nahe. Mit Befriedigung stellte ich fest, dass ich bei diesem Buch mit einem Minimum an Vokabelkenntnissen sehr weit kam. Aber ich machte noch eine für mich neue Erfahrung: Bis dahin hatte ich – mit der Ausnahme Hemingway - immer gedacht, aufregende Bücher müssten ein großes Vokabular haben. Orientierungsmarke war Joyces Ulysses. Salinger lehrte mich das Gegenteil. Welche sprachliche Musik, welcher Sound umlullte einen da, gewissermaßen ganz ohne großes Orchester. Und ich, der ich bis dahin lieber Bücher las, die wie Proust, Nabokov, Thomas Mann oder Truman Capotes Answered Prayers in der besseren Gesellschaft spielten, fand plötzlich Zuneigung zu Caulfields wütender Außenseiterexistenz – schließlich machte er es mir so einfach, ihm zu folgen. Ich lernte also Englisch mit Salinger. Und noch heute würde ich behaupten: Salinger ist wie Amerika – eine wunderbare Welt mit niedriger Zugangsschwelle.

Von Ijoma Mangold

Salinger lernte ich durch Franny und Zooey kennen, die beiden durchgeknallten Geschwister mit ihrer kompromisslos angepissten Art. Sie inszeniert sich als mystische Zicke, er hasst die Welt aus der Badewanne heraus und streitet sich mit seiner Mutter in einer Weise, wie ich es nie gewagt hätte. Die Kunst Salingers war es, seinem Leser das unbedingte Gefühl zu geben, es allein für ihn geschrieben zu haben. Was natürlich ein idiotischer Gedanke war. Aber das Buch wirkte, als sei es die Erzählung eines guten Freundes, der sie in seinem abgeschiedenen Zimmer verfasst und zunächst – dank unserer engen Verbundenheit – nur mir zu lesen gegeben hatte.

Der rowohlt-Verlag warb in dem Büchlein damit, dass dies vom Autor des noch viel größeren Fänger im Roggen sei. Also nahm ich mir als nächsten diesen vor. Was soll ich sagen? Die große Liebe kann es nur einmal geben. Mir blieben Franny und Zooey stets näher am Herzen als Holden Caulfield.

Von Wenke Husmann

Das Buch war morsch, das Papier längst gilb, klappte ich es auf, so fiel es auseinander. Es war ein Geschenk. Eine ältere Freundin übergab mir in der Pausenhalle ihre Ausgabe vom Catcher in the Rye. Ich war gerade 16 geworden, und sie sagte, das passe ja jetzt ganz gut. Danke, sagte ich und später zu Hause legte ich's ins Regal. Da lag es dann. Zusammen mit dem Fremden von Camus und dem Steppenwolf von Hesse und ein paar Gedichten von Bukowski in guter Gesellschaft. Von diesen habe ich keines mehr seither gelesen, nur Salingers Fänger, in den schaute ich immer wieder. Es war der Ton, in dem Holden Caulfield von nichts, aber im Grunde von allem erzählte, was einen in diesem Alter umtrieb. Ich verschenkte es weiter, las Freunden daraus vor, verlieh es, selten kam es wieder. Das spricht erst einmal für das Buch. Keines habe ich öfter neu gekauft als diesen einzigen schmalen Roman von J.D. Salinger.

Von David Hugendick

Für die Wucht, mit der Salingers Fänger im Roggen eine ganze Generation bewegte, fällt mir als Vergleich nur Goethes Werther ein. Auch damals entfachte das Dokument einer Liebes- und Lebenskrise in einer gleichgestimmten Leserschaft flächendeckende Begeisterung. Das Problem solcher emphatischen, vollständig auf ein einziges Gefühl bezogenen Bücher besteht darin, dass sie im richtigen Augenblick gelesen werden müssen. Vermutlich und hoffentlich niemand, der heute den Werther liest, käme auf die Idee, es jenem gleichzutun und sich umzubringen, was damals nicht wenige taten. Aus Zufallsgründen habe ich den Fänger im Roggen erst spät gelesen (wahrscheinlich, ich weiß es nicht mehr genau, weil ich dachte, das Buch kennen zu müssen). Es ging an mir vorüber oder ich ging an ihm vorüber. Es berührte mich nicht. Ich fand es interessant und nicht ohne literarische Raffinesse gemacht. Aber gemessen an seinem ungeheuren Ruhm wirkte es ein bisschen enttäuschend. So wie ja auch der Werther, wenn man genau hinsieht, von ausgefuchstem Könnertum zeugt. Aber wer solche Werke zu spät liest, wird den fiebrigen Identifikationsrausch der Zeitgenossen nicht mehr nachempfinden können.

Von Ulrich Greiner

 
Leser-Kommentare
  1. in Englisch, die sehr viel interessanter war als die ollen Kamellen und spröden Texte in Deutsch. ;-) http://viereggtext.blogsp...

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    Redaktion

    Die ersten Salinger-Übersetzungen waren (nicht nur, aber auch) von Heinrich Böll und dessen Frau Annemarie. Sie gelten heute als spröde. Aber man muss einschränken, dass den Bölls teilweise nur geschnittene Versionen von Salingers Texten vorlagen, wie auch mein Kollege David Hugendick anmerkt. Später übersetzte Eike Schönfeld die Erzählungen neu und treffender.
    Mit besten Grüßen
    Wenke Husmann

    Redaktion

    Die ersten Salinger-Übersetzungen waren (nicht nur, aber auch) von Heinrich Böll und dessen Frau Annemarie. Sie gelten heute als spröde. Aber man muss einschränken, dass den Bölls teilweise nur geschnittene Versionen von Salingers Texten vorlagen, wie auch mein Kollege David Hugendick anmerkt. Später übersetzte Eike Schönfeld die Erzählungen neu und treffender.
    Mit besten Grüßen
    Wenke Husmann

  2. eine unmögliche Reduktion: der eine Roman, der Exzentriker, der den Ruhm, die Welt flieht und so gut wie nichts mehr zur Literatur beiträgt.

    Zumal, wenn die, auch durch Salingers Tochter, genährten Gerüchte stimmen: Dass durch ihn eine weiterexistiert hat. Regale voll mit Bänden, die auch von Franny und Zooey handeln könnten.

    Und doch spiegelt genau diese Rezeption in gewisser Weise die Bedeutung des einen, des unverwechselbaren Autors wieder. Salinger selbst hat dies durch Holden Caulfield - anlässlich der Wiederaufnahme dieser ‚Figur’ von einem anderen Autor –sehr deutlich gemacht.

    Spätestens seit Seymours Tod war klar: dieses öffentliche Leben, auf einer Bühne - wie in den Tagen von ‚Das kluge Kind’ (oder wie diese Radio-Show hiess) – konnte nicht weitergehen. Salinger hat daraus die Konsequenz gezogen.

    Die Glass waren, bis auf vielleicht einen, nie von dieser Welt, und Jerome David selbst hat nur zugestanden, er sei in ihr.

    Und jetzt nicht mehr, und so sind auch die anderen das geworden, was sie schon lange waren: unerreichbar. Das bewegt mich fast mehr als der Tod des Autors, denn ihn konnte man kaum kennenlernen. Er hat sozusagen verhindert, dass man sich ein Bild von ihm mache.

  3. Natuerlich stimme ich Ijoma Mangolds Salinger Vignette in vielem zu. Auch fuer mich war "Catcher in the Rye," dass erste Buch auf Englisch, welches ich aus eignem Antrieb las. Ebenso glaube ich, dass Salinger durch seinen Roman half die englische Sprache fuer Zweitsprachler zu oeffnen. Allerdings bezweifele ich, als jemand der seit fast 15 Jahren in der USA lebt, dass "Amerika – eine wunderbare Welt mit niedriger Zugangsschwelle" ist. Jenseits aller politischen Veraenderungen seit 2001, ist die USA nicht wirklich leicht zugaenglich. Vielmehr lassen sich europaeische Schriftsteller und Journalisten nicht genuegend Zeit, um die vorhandene geschichtliche und soziale Vielfaeltigkeit des Landes wirklich wahrzunehmen. Doch auch Vorteile haben Vorteile: sie machen es einfacher zufaellig Aufgenommens einzuordnen.

  4. Wir leben im Geschirr der Empfindungen. Ich hatte, bevor ich das Buch als Kind/Jugendliche las, beschlossen, keine ausgetretenen Wege zu gehen, obwohl ich Einsamkeit fürchtete, "Der Weg wächst hinter mir zu." Das Buch hat mich nicht beeindruckt, mich beeindruckte, dass es andere beeindruckte.

    Wer Verantwortung für Geschwister... übernimmt, muss Gesellschaftstrukturen verändern. Wir dürfen nicht frei jagen, fischen, Hütten in den Wald bauen... Menschen töten, um fair dotierte Arbeitsplätze erhalten zu können. Die Einführung eines Existenzgeldes, das Bildung und Arbeitsorganisation ermöglicht, wäre eine Reform, die Menschen Entscheidungsfreiräume / Verhandlungsmöglichkeiten lässt.

    Ist es noch Schullektüre?

  5. Redaktion

    Die ersten Salinger-Übersetzungen waren (nicht nur, aber auch) von Heinrich Böll und dessen Frau Annemarie. Sie gelten heute als spröde. Aber man muss einschränken, dass den Bölls teilweise nur geschnittene Versionen von Salingers Texten vorlagen, wie auch mein Kollege David Hugendick anmerkt. Später übersetzte Eike Schönfeld die Erzählungen neu und treffender.
    Mit besten Grüßen
    Wenke Husmann

    • hagego
    • 02.02.2010 um 17:30 Uhr

    J.D. Salinger ist tot! Er starb mit 91 Jahren. Aber der Fänger lebt; Holden Caulfield lebt!

    Mann, was der Junge alles mit 16 Jahren gemacht hat! Unterwegs. Und an der Schule.

    Nun gut, mutig war ich damals auch! Habe meine Schuhe nicht geputzt, obwohl mir meine Mutter dies x-mal aufgetragen hatte. Bin spät nach Haus gekommen. Habe meine Schularbeiten vergessen. Habe mich in die Eckbank gelümmelt. Zum Abendessen. Obwohl ich Vorbild für meine jüngere Schwester und meine beiden jüngeren Brüder sein sollte.

    Steine wollte ich gegen das Springer-Haus werfen! Gegen die AKWs wollte ich lautstark protestieren! Ich las 'konkret' und 'twen'. Aber nie den Börsenteil der FAZ... wie mein Vater. Wollte mit Freunden im Abaton kiffen gehen. Wollte Jazz und die geilsten englischen Bands im Starclub und in der Ernst-Merck-Halle in Hamburg sehen und hören.

    Stattdessen: Am Samstag-Abend "EWG" mit Kuli und Mutter und Vater gesehen! Wieder mal mit Germania Schnelsen ganz knapp mit 0:4 oder 2:5 gegen den HSV, St. Pauli oder Barmbek-Uhlenhorst verloren! Wieder mal Pech mit dem Schiri gehabt!

    Holden Caulfield. So wollte ich sein! So wollte ich werden!

    Heute tröste ich mich mit Degenhardt und Wader und Jacques Brel. Und habe den "Fänger" bestimmt schon vier- oder fünfmal gelesen. So ähnlich wie die "Palette" von Hubert Fichte. Jäcki! Jäcki war und ist immer noch ganz okay!

    Phoebe, du hast einen wunderbaren Bruder!

    Was wohl meine Geschwister heute über meine Kindheit und Jugend erzählen würden?

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