Als Fernsehproduzenten 1999 George Orwells düsteres Konzept des "Big Brother" in die Tat umsetzten, war dies einer der Höhepunkte postmodernen Zynismus. Mit seiner Ironisierung durch das Fernsehen schien 1984 ganz dem medialen Recyclingsprozess zum Opfer gefallen zu sein. Die deutsche Ausgabe von Big Brother startete nur einige Wochen nach dem 50. Todestag des Schöpfers von 1984 am 21. Januar 2000. George Orwell, mit bürgerlichem Namen Eric Arthur Blair, wurde im Grab umgedreht.

Nicht abzusehen war damals, dass dem Fernsehen in seiner Eigenschaft als Leitmedium selbst nur eine relativ kurze Lebensdauer beschieden war. Heute, zum 60. Todestag Orwells, hat sich die Situation geändert. Was RTL noch mühsam im Container inszenieren musste, ist im Internet Realität. Twitter, Flickr und Facebook haben, wenn man so will, die ganze Welt zu kleinen Containern gemacht.

Doch anders als in Orwells Dystopie gibt es keine zentrale Schaltstelle, welche die totale Überwachung kontrolliert. Big Brother ist überall. Jeder überwacht sich selbst und in dem Maße, wie er das möchte. Die Bandbreite reicht von der 24-stündigen Webcam-Übertragung bis zu Menschen, deren ganzer Stolz darin besteht, keinen einzigen Eintrag im Internet hinterlassen zu haben. Normal ist dabei ein relativ hohes Maß an Exposition, was die Frage nach der Freiwilligkeit derselben offen lässt. Dies erinnert unwillkürlich an den letzten Satz von 1984 , wo von der aufrichtigen Liebe geläuterter Dissidenten für "Big Brother" die Rede ist.

Auch was ihre Verfügbarkeit betrifft, sind uns Orwells Texte so nah wie noch nie. Animal Farm , 1984 und andere Bücher Orwells sind heute umsonst von jedem Rechner der Welt aus abrufbar und werden ohne den Umweg über das Fernsehen heiß diskutiert. Etwa auf der Webseite "Orwell Today" verfolgen Verschwörungstheoretiker ihre ganz eigene Methode der Literaturexegese. Szenen aus 1984 werden mit Ereignissen der gegenwärtigen Politik verglichen. Dabei wird immer wieder auf die Zunahme der staatlichen Überwachung durch Kameras verwiesen.

Doch gerade was die staatliche Überwachung betrifft, ist die Wirklichkeit nicht so einfach wie der Roman. Dies zeigt der jüngste Bericht der britischen Organisation "Big Brother Watch". Demzufolge sind im Vereinten Königreich, der Hochburg der innerstädtischen Überwachung, mittlerweile 60.000 Kameras installiert. Von einer mit 1984 vergleichbaren Staatskontrolle kann hingegen keine Rede sein. Die Zunahme an Überwachungstechnik führt gerade nicht dazu, dass der städtische Raum sicherer wird. Wie eine steigende Verbrechensrate zeigt, ist das Gegenteil der Fall.

Den Grund für die Ineffizienz der innerstädtischen Überwachung sieht ein Sprecher von "Big Brother Watch" darin, dass die Kameras noch zu teuer seien. Für die dreieinhalb Millionen britische Pfund, welche die Regierung im letzten Jahr für Überwachungskameras ausgegeben habe, hätten mehr als 150 Polizisten eingestellt werden können. Die Tatsache, dass nur etwa 60 Verbrechen im Jahr durch Kameras aufgeklärt werden könnten, mache den guten alten Polizeibeamten zur günstigeren und effektiveren Alternative.

 

Orwells Vision der totalen Überwachung liegt also vor allem wegen seiner Fehleinschätzung der technischen Entwicklung daneben. Doch was wird sein, wenn die Gesichtserkennungssoftware und ähnliche Techniken Fortschritte machen? Möglicherweise wäre man bald so weit, das in Orwells "Newspeak" als "Facecrime" beschriebene Vergehen zu ahnden: Dieses besteht in einer in unwillkürlichen Zuckungen der Gesichtsmuskulatur zum Ausdruck gebrachten Unzufriedenheit mit dem politischen System.

Mit Ray Bradbury und Aldous Huxley teilt sich George Orwell das Verdienst, die moderne Technik ebenso einfach wie kritisch auf ihre totalitären Tendenzen hin untersucht zu haben. Weniger bekannt ist dagegen die konservative Motivation von Orwells Kritik. Orwell, der in Indien aufwuchs, im spanischen Bürgerkrieg kämpfte, in Burma als Polizist und in London und Paris als Journalist arbeitete, war zwar kritisch gegenüber dem imperialen England , aber er sehnte sich zeitlebens nach dessen kosmopolitischem Geist zurück. Die modernen Massengesellschaften in den Nationalstaaten des Westens waren dem Gentleman alter Schule ebenso zuwider wie der Stalinismus, den er in Animal Farm ironisierte. Sein politischer Konservativismus ging so weit, dass er 1949 selbst eine Liste an die britische Regierung schickte, in der er vermeintlich kommunistische Kollegen denunzierte.