Orwells Vision der totalen Überwachung liegt also vor allem wegen seiner Fehleinschätzung der technischen Entwicklung daneben. Doch was wird sein, wenn die Gesichtserkennungssoftware und ähnliche Techniken Fortschritte machen? Möglicherweise wäre man bald so weit, das in Orwells "Newspeak" als "Facecrime" beschriebene Vergehen zu ahnden: Dieses besteht in einer in unwillkürlichen Zuckungen der Gesichtsmuskulatur zum Ausdruck gebrachten Unzufriedenheit mit dem politischen System.

Mit Ray Bradbury und Aldous Huxley teilt sich George Orwell das Verdienst, die moderne Technik ebenso einfach wie kritisch auf ihre totalitären Tendenzen hin untersucht zu haben. Weniger bekannt ist dagegen die konservative Motivation von Orwells Kritik. Orwell, der in Indien aufwuchs, im spanischen Bürgerkrieg kämpfte, in Burma als Polizist und in London und Paris als Journalist arbeitete, war zwar kritisch gegenüber dem imperialen England , aber er sehnte sich zeitlebens nach dessen kosmopolitischem Geist zurück. Die modernen Massengesellschaften in den Nationalstaaten des Westens waren dem Gentleman alter Schule ebenso zuwider wie der Stalinismus, den er in Animal Farm ironisierte. Sein politischer Konservativismus ging so weit, dass er 1949 selbst eine Liste an die britische Regierung schickte, in der er vermeintlich kommunistische Kollegen denunzierte.