"Ach, hätte man es doch gehabt, das Zeug dazu, ein Kommunist, ein guter, zu sein", seufzt Hermann Peter Piwitt in seinem gerade erschienenen Sammelband Heimat, schöne Fremde. Wiewohl er nie seinen Traum "von einem separaten Markt für die schwächeren der Erde" aufgegeben hat und auch nicht die Überzeugung, dass der Kommunismus irgendwann "die Qualität einer visionären Utopie zurückgewinnt", ein dogmatischer Parteigänger war er trotzdem nie. Er wollte zuallererst "schöne Werkstücke machen", eine Literatur, die eben nicht aufgeht in wohlfeilem, gut verkäuflichem Agitprop, die in ihrem ästhetischen Anspruch nicht hinter der klassischen Moderne zurückfallen soll. Piwitt hat seinem erzählerischem ein mindestens genauso bedeutendes essayistisches Werk an die Seite gestellt. In dessen Büchern ist die politisch-gesellschaftliche Analyse und produktive Fantasie immer wieder fruchtbare Verbindungen eingegangen – zuletzt in seinem Roman Jahre unter ihnen und seinen Tagebüchern Steinzeit (2002).

ZEIT ONLINE: In Ihrem neuesten Band mit Geschichten und Skizzen ist manchmal Verbitterung zu spüren über den Kulturbetrieb, der Sie seit Ende der neunziger Jahre links liegengelassen hat. Wie erklären Sie sich den Sinneswandel der literarischen Öffentlichkeit?

Hermann Peter Piwitt: Dafür gibt es politische und kulturelle Gründe. Leute vom Fach wollen mir einreden, es gebe für politisch missliebige Autoren schwarze Listen. Aber das braucht es nicht. Dass ich DKP-Mitglied gewesen sei, was nie der Fall war, lässt sich in Funk und Presse unter Freunden bei Fingerfood und Prosecco verabreden.

ZEIT ONLINE: Ist das jenes Jammertal, durch das jeder Schriftsteller mit eigenem Profil einmal gehen muss, weil seine Art zu schreiben mit den geläufigen Moden nicht immer zusammenpasst?

Piwitt: Tatsächlich ist es schwerer geworden, wo die lesbare Literatur propagiert und verlangt wird, auf dem literarischen Kunstwerk zu bestehen. Das ist wie mit der Cross-over-Musik: Da muss dann sogar die klassische Moderne, sogar Alban Berg, weichen.

ZEIT ONLINE: War Ihre Marginalisierung in der Öffentlichkeit auch Ausdruck einer Schreibkrise?

Piwitt: Keine Rede davon. Es wird uns schwerer gemacht. Und wir können nicht mal widerrufen, denn wir haben nichts falsch gemacht. Das kann dann hin und wieder zu katatonischen Schüben führen. Aber noch erschlägt man uns nicht einfach auf der Straße wie den großen Theodor Lessing. Wie sich das ändern wird, werde ich hoffentlich nicht mehr erleben.

ZEIT ONLINE: Vor einiger Zeit hat Hans Christoph Buch mal nachgefragt, was eigentlich aus den Literaturstars der sechziger und siebziger Jahre geworden ist. Erstaunlicherweise sind fast alle, bis auf Peter Handke, wieder in die zweite, bisweilen auch dritte Reihe zurückgetreten, wenn man etwa an Jürgen Theobaldy, Günter Kunert, Friedrich Christian Delius und eben auch Sie denkt. Die Rolle der intellektuellen Leitfigur wollte oder konnte Ihre Generation offenbar nicht spielen. Liegt es am fehlenden Machtinstinkt?

Piwitt: Dass niemand aus der zweiten Nachkriegsgeneration von Autoren zum Praeceptor Germaniae wurde, ist richtig. Verdient gehabt hätte es, mit Abstand, Ror Wolf. Die Frage ist aber, ob einer von uns überhaupt das sein wollte. Sie kennen vielleicht den Satz aus Kipphardts März? "Ich hatte manchmal gewusst, wie ich in einer bestimmten Lage hätte erfolgreich werden können, aber der Weg war versperrt, ich hätte mich zu stark vor mir geschämt." Während die erste Nachkriegsgeneration der Väter und älteren Brüder den frei gewordenen Platz, ob zu Recht oder nicht, in Besitz nahm und ihn behielt bis zur endgültigen Verkrümelung. Also fehlender Machtinstinkt? Gewiss. Ein Mangel? Oder eine Tugend?

ZEIT ONLINE: Sie schreiben einmal über Ihren Kollegen Hans Erich Nossack: "Seine Sprache selbst stellt nichts dar; er bedient sich ihrer nur, um etwas darzustellen." Das ist natürlich als poetologisches Statement zu verstehen. Ihre Prosa ist getragen von einem immensen Stilwillen mit einer rhythmisch motivierten syntaktischen Struktur.

Piwitt: Ja, genau: der Rhythmus in der Prosa ist nicht alles. Aber ohne diesen Stilwillen, ohne diese rhythmisch motivierte syntaktische Struktur, wie Sie sagen, ist alles nichts. Wann sie sich eingestellt hat, weiß ich nicht. Aber irgendwann gelangen die unerhörten, guten Sätze wie im Schlaf. Und natürlich helfen Drogen nur dem, der sein Handwerk schon versteht.

ZEIT ONLINE: Drogen? Noch was anderes außer Schnaps und Tabak?

Piwitt: Wie wär’s zur Abwechslung mal mit Absinth? Per scherzo.