75. Geburtstag von Hermann Peter Piwitt "Noch erschlägt man uns nicht"

Das literarische Kunstwerk muss lesbaren Büchern weichen, sagt Hermann Peter Piwitt. An seinem 75. Geburtstag blickt der Schriftsteller zurück auf sein Schaffen.

Der deutsche Schriftsteller Hermann Peter Piwitt wurde am 28. Januar 1935 geboren

Der deutsche Schriftsteller Hermann Peter Piwitt wurde am 28. Januar 1935 geboren

"Ach, hätte man es doch gehabt, das Zeug dazu, ein Kommunist, ein guter, zu sein", seufzt Hermann Peter Piwitt in seinem gerade erschienenen Sammelband Heimat, schöne Fremde. Wiewohl er nie seinen Traum "von einem separaten Markt für die schwächeren der Erde" aufgegeben hat und auch nicht die Überzeugung, dass der Kommunismus irgendwann "die Qualität einer visionären Utopie zurückgewinnt", ein dogmatischer Parteigänger war er trotzdem nie. Er wollte zuallererst "schöne Werkstücke machen", eine Literatur, die eben nicht aufgeht in wohlfeilem, gut verkäuflichem Agitprop, die in ihrem ästhetischen Anspruch nicht hinter der klassischen Moderne zurückfallen soll. Piwitt hat seinem erzählerischem ein mindestens genauso bedeutendes essayistisches Werk an die Seite gestellt. In dessen Büchern ist die politisch-gesellschaftliche Analyse und produktive Fantasie immer wieder fruchtbare Verbindungen eingegangen – zuletzt in seinem Roman Jahre unter ihnen und seinen Tagebüchern Steinzeit (2002).

ZEIT ONLINE: In Ihrem neuesten Band mit Geschichten und Skizzen ist manchmal Verbitterung zu spüren über den Kulturbetrieb, der Sie seit Ende der neunziger Jahre links liegengelassen hat. Wie erklären Sie sich den Sinneswandel der literarischen Öffentlichkeit?

Hermann Peter Piwitt: Dafür gibt es politische und kulturelle Gründe. Leute vom Fach wollen mir einreden, es gebe für politisch missliebige Autoren schwarze Listen. Aber das braucht es nicht. Dass ich DKP-Mitglied gewesen sei, was nie der Fall war, lässt sich in Funk und Presse unter Freunden bei Fingerfood und Prosecco verabreden.

ZEIT ONLINE: Ist das jenes Jammertal, durch das jeder Schriftsteller mit eigenem Profil einmal gehen muss, weil seine Art zu schreiben mit den geläufigen Moden nicht immer zusammenpasst?

Piwitt: Tatsächlich ist es schwerer geworden, wo die lesbare Literatur propagiert und verlangt wird, auf dem literarischen Kunstwerk zu bestehen. Das ist wie mit der Cross-over-Musik: Da muss dann sogar die klassische Moderne, sogar Alban Berg, weichen.

ZEIT ONLINE: War Ihre Marginalisierung in der Öffentlichkeit auch Ausdruck einer Schreibkrise?

Piwitt: Keine Rede davon. Es wird uns schwerer gemacht. Und wir können nicht mal widerrufen, denn wir haben nichts falsch gemacht. Das kann dann hin und wieder zu katatonischen Schüben führen. Aber noch erschlägt man uns nicht einfach auf der Straße wie den großen Theodor Lessing. Wie sich das ändern wird, werde ich hoffentlich nicht mehr erleben.

ZEIT ONLINE: Vor einiger Zeit hat Hans Christoph Buch mal nachgefragt, was eigentlich aus den Literaturstars der sechziger und siebziger Jahre geworden ist. Erstaunlicherweise sind fast alle, bis auf Peter Handke, wieder in die zweite, bisweilen auch dritte Reihe zurückgetreten, wenn man etwa an Jürgen Theobaldy, Günter Kunert, Friedrich Christian Delius und eben auch Sie denkt. Die Rolle der intellektuellen Leitfigur wollte oder konnte Ihre Generation offenbar nicht spielen. Liegt es am fehlenden Machtinstinkt?

Piwitt: Dass niemand aus der zweiten Nachkriegsgeneration von Autoren zum Praeceptor Germaniae wurde, ist richtig. Verdient gehabt hätte es, mit Abstand, Ror Wolf. Die Frage ist aber, ob einer von uns überhaupt das sein wollte. Sie kennen vielleicht den Satz aus Kipphardts März? "Ich hatte manchmal gewusst, wie ich in einer bestimmten Lage hätte erfolgreich werden können, aber der Weg war versperrt, ich hätte mich zu stark vor mir geschämt." Während die erste Nachkriegsgeneration der Väter und älteren Brüder den frei gewordenen Platz, ob zu Recht oder nicht, in Besitz nahm und ihn behielt bis zur endgültigen Verkrümelung. Also fehlender Machtinstinkt? Gewiss. Ein Mangel? Oder eine Tugend?

ZEIT ONLINE: Sie schreiben einmal über Ihren Kollegen Hans Erich Nossack: "Seine Sprache selbst stellt nichts dar; er bedient sich ihrer nur, um etwas darzustellen." Das ist natürlich als poetologisches Statement zu verstehen. Ihre Prosa ist getragen von einem immensen Stilwillen mit einer rhythmisch motivierten syntaktischen Struktur.

Piwitt: Ja, genau: der Rhythmus in der Prosa ist nicht alles. Aber ohne diesen Stilwillen, ohne diese rhythmisch motivierte syntaktische Struktur, wie Sie sagen, ist alles nichts. Wann sie sich eingestellt hat, weiß ich nicht. Aber irgendwann gelangen die unerhörten, guten Sätze wie im Schlaf. Und natürlich helfen Drogen nur dem, der sein Handwerk schon versteht.

ZEIT ONLINE: Drogen? Noch was anderes außer Schnaps und Tabak?

Piwitt: Wie wär’s zur Abwechslung mal mit Absinth? Per scherzo.

Leser-Kommentare
  1. Danke für den Hinweis auf Marx’ „18. Brumaire des Louis Bonaparte“. Ich kannte den Anfang nicht. Wusste ebenfalls nicht, dass Brumaire der zweite Monat des Revolutions-Kalenders hieß. „Am 18. Brumaire VIII (9. November 1799) fand der Staatsstreich Napoleons statt.“ Der Anfang der Marx-Analyse (1851) lautet:
    „Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“

    Piwitt ist ein Freund und Kenner von Anfängen. Auch des folgenden, da es um poetische Prosa geht. Hier ist der Anfang von Franz Tumlers „Nachprüfung eines Abschieds“ (um 1958/59 geschrieben, 1961 Erstveröffentlichung):

    „Das Haus, in dem ich hier wohne, ist eine Ruine, die oberen Stockwerke sind mit Brettern verschlagen, nur der Keller ist wieder bewohnbar gemacht. Der Fußboden meines Zimmers liegt um ein paar Stufen tiefer als die Erdoberfläche, der untere Rand der Fenster ist mit ihr gleich. Ein kleines Wiesenviereck geht von der Straße herein; so kommt es, dass ich, wenn ich den Tisch ans Fenster rücke, die Erde dicht vorm Mund habe, als säße ich am Rande einer Grube und spähte gedeckt aus ihr hinaus.
    Da sind nicht viele Beobachtungen möglich, immerhin habe ich einiges ganz nahe vor den Augen. Das steife dürre Gras vom Vorjahr sticht durch den Schnee, ich sehe die vertrockneten Samenkapseln. Der Wind treibt einen Flockenschwall in das Wiesenviereck [...]"

    • hagego
    • 28.01.2010 um 16:05 Uhr

    Gefällt das den Schriftstellern wirklich - wenn man ihnen, zumeist von Literaturkritikern, attestiert, sie seien in der Regel doch allesamt "sehr schwierig". Womöglich ist dies sogar noch als Kompliment zu interpretieren.

    Schwierig? Wir sind doch zum Glück kein Volk von Leichtmatrosen!

    Aber diesen Stempel des "Anders-Seins" wird man nur sehr schwer wieder los. Dabei ist es doch geradezu wichtig, wenn der eine oder die andere einen neuen unverstellten Blick auf die Gesellschaft, auf "unser Miteinander" und auf die Menschen hat. Warum werden Intellektuelle zuweilen wie Aussätzige betrachtet? Weil sie sich einer unausgesprochenen Normung widersetzen? Weil ihnen nicht eigen ist, Antworten nur nominal mit "ja" oder "nein" zu geben?

    Schriftsteller, Künstler überhaupt, sind nicht pauschal schwierig. Sondern nachdenklich und eher reflektierend. Das ist gewiss kein Nachteil - es wäre nicht schlecht, wenn so manche Politiker etwas mehr von dieser Tugend hätten.

    Es ist schwierig, einem 75-Jährigen etwas zu wünschen.

    "Herzlichen Glückwunsch, Herr Piwitt! Und bleiben Sie in schwierigen Zeiten ruhig ein schwieriger Mensch."

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service