"Preise? Sie gestatten, dass ich lache?"
ZEIT ONLINE: Brauchen Sie Anlässe, um arbeiten zu können?
Piwitt: Ich kann nur Gutes schreiben, wenn die Zeit dafür gereift ist. Inzwischen kann es einem durchaus die Sprache verschlagen. Wie die Zeit überbrücken? Auf den Markt ist nie Verlass gewesen. Zu erben gab es nichts. Preise? Sie gestatten, dass ich lache? Es ist also nicht anders als zu Ariosts oder Arno Schmidts Zeiten auch: Gute, kluge Menschen halfen, wenn es wirklich eng wurde. Ihnen gilt mein Dank.
ZEIT ONLINE: Sie sprechen im neuen Buch recht offen von der indirekten, beiläufigen Indoktrination durch Ihren Vater, der ein überzeugter Nazi war.
Piwitt: Ein überzeugter Nazi, ja. Und er liebte seinen Jüngsten über alles. Auf die Bitte der Mutter, 1942, er möge von den Ersparnissen wenigstens ein Grundstück kaufen, damit das Geld nicht, wie schon einmal, irgendwann verreckte, sagte er: "Soll ich mich vielleicht im Amt bereichern wie ein Sozi?" Man hat ihm nichts vorwerfen können nach dem Krieg, außer dass er kriegshetzerische und rassistische Reden gehalten hatte. Und das reichte ja wahrlich auch.
ZEIT ONLINE: Sie erzählen unter anderem von Ihrem ganz ursprünglichen Gefühl der Wärme und Geborgenheit, etwa wenn Sie sich an gemeinsame Wanderungen erinnern, bei denen er Ihnen die Welt erklärt. In das Gefühl mischt sich nachträglich eine Art Erschrecken, weil er ihnen womöglich dabei auch erörtert hat, "warum Juden keinen Sinn für Natur haben können". Wie hält man solche Aporien aus?
Piwitt: Die blieben ein Buckel fürs Leben. Sie kennen den berühmten Anfang von Marx’ Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte? Ich war zwölf, als ein Lehrer, den ich verehrte, 1947 plötzlich in Geografie von den Bauernkriegen südlich des Mains erzählte. Das war der Anfang der Aufklärung für mich. Aber danach herrschte in der Öffentlichkeit zum Thema 20 Jahre lang auch erst mal Totenstille.
ZEIT ONLINE: Sie haben für Heimat, schöne Fremde Texte aus verschiedenen Werkphasen vermischt, es sind unveröffentlichte Essays der jüngsten Zeit darunter und Erzählungen aus Ihrem Debüt Herdenreiche Landschaften. Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihren älteren Sachen, wird man sich nicht selbst historisch?
Piwitt: Die frühen, völlig trostlosen Texte stehen mir heute wieder so nah wie nie. So verschämt und unsicher sie daherkommen. Ich fühle mich wohl darin. Rascher dagegen historisch geworden ist so mancher essayistische, eingreifende – wie man damals sagte – Text.
Das Gespräch führte Frank Schäfer.
Hermann Peter Piwitt:Heimat, schöne Fremde. Geschichten und Skizzen. Wallstein Verlag, Göttingen 2010. 246 S. 19,90 Euro
- Datum 28.01.2010 - 13:22 Uhr
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Danke für den Hinweis auf Marx’ „18. Brumaire des Louis Bonaparte“. Ich kannte den Anfang nicht. Wusste ebenfalls nicht, dass Brumaire der zweite Monat des Revolutions-Kalenders hieß. „Am 18. Brumaire VIII (9. November 1799) fand der Staatsstreich Napoleons statt.“ Der Anfang der Marx-Analyse (1851) lautet:
„Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“
Piwitt ist ein Freund und Kenner von Anfängen. Auch des folgenden, da es um poetische Prosa geht. Hier ist der Anfang von Franz Tumlers „Nachprüfung eines Abschieds“ (um 1958/59 geschrieben, 1961 Erstveröffentlichung):
„Das Haus, in dem ich hier wohne, ist eine Ruine, die oberen Stockwerke sind mit Brettern verschlagen, nur der Keller ist wieder bewohnbar gemacht. Der Fußboden meines Zimmers liegt um ein paar Stufen tiefer als die Erdoberfläche, der untere Rand der Fenster ist mit ihr gleich. Ein kleines Wiesenviereck geht von der Straße herein; so kommt es, dass ich, wenn ich den Tisch ans Fenster rücke, die Erde dicht vorm Mund habe, als säße ich am Rande einer Grube und spähte gedeckt aus ihr hinaus.
Da sind nicht viele Beobachtungen möglich, immerhin habe ich einiges ganz nahe vor den Augen. Das steife dürre Gras vom Vorjahr sticht durch den Schnee, ich sehe die vertrockneten Samenkapseln. Der Wind treibt einen Flockenschwall in das Wiesenviereck [...]"
Gefällt das den Schriftstellern wirklich - wenn man ihnen, zumeist von Literaturkritikern, attestiert, sie seien in der Regel doch allesamt "sehr schwierig". Womöglich ist dies sogar noch als Kompliment zu interpretieren.
Schwierig? Wir sind doch zum Glück kein Volk von Leichtmatrosen!
Aber diesen Stempel des "Anders-Seins" wird man nur sehr schwer wieder los. Dabei ist es doch geradezu wichtig, wenn der eine oder die andere einen neuen unverstellten Blick auf die Gesellschaft, auf "unser Miteinander" und auf die Menschen hat. Warum werden Intellektuelle zuweilen wie Aussätzige betrachtet? Weil sie sich einer unausgesprochenen Normung widersetzen? Weil ihnen nicht eigen ist, Antworten nur nominal mit "ja" oder "nein" zu geben?
Schriftsteller, Künstler überhaupt, sind nicht pauschal schwierig. Sondern nachdenklich und eher reflektierend. Das ist gewiss kein Nachteil - es wäre nicht schlecht, wenn so manche Politiker etwas mehr von dieser Tugend hätten.
Es ist schwierig, einem 75-Jährigen etwas zu wünschen.
"Herzlichen Glückwunsch, Herr Piwitt! Und bleiben Sie in schwierigen Zeiten ruhig ein schwieriger Mensch."
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