Kristof Magnusson "Ich bin kein Island-Onkel"

Fast prophetisch: Der Schriftsteller Kristof Magnusson lässt in seinem neuen Roman die Finanzwelt zusammenbrechen. Wie seine Recherche verlief, erzählt er im Interview.

Kristof Magnusson, geboren 1976, lebt in Berlin. Sein Debütroman "Zuhause" erschien 2005

Kristof Magnusson, geboren 1976, lebt in Berlin. Sein Debütroman "Zuhause" erschien 2005

ZEIT ONLINE: Herr Magnusson, Ihr neues Buch dreht sich um einen weltweiten Börsencrash. Das Thema beschäftigt uns seit gut anderthalb Jahren. Wann fingen Sie an, darüber zu schreiben?

Kristof Magnusson: Viel früher! Im Januar 2008 waren die ersten 20 Seiten fertig, also Monate vor dem Crash von Lehman Brothers.

ZEIT ONLINE: Wie kamen Sie darauf?

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Magnusson: Geahnt habe ich es nicht. Die Finanzwelt interessiert mich einfach seit meiner Jugend. Mit 14 steckte ich meine 400 DM Konfirmationsgeld in Aktien von Kali und Salz, einem Düngemittelkonzern. Später kamen noch BASF-Aktien dazu. Damit reich zu werden, hat mich nie interessiert. Nach dem Abitur wollte ich nach New York, da brauchte ich das Geld.

ZEIT ONLINE: Woher kam denn das Interesse für Aktien?

Magnusson: Ich mochte Friedhelm Busch, der moderierte damals die Telebörse im Kabelfernsehen. Ich fand es wahnsinnig spannend, wie kursierende Geschichten zu Kursausschlägen führten. Etwa als bekannt wurde, dass der Basketballer Magic Johnson HIV-infiziert ist: Da schnellten die Aktien der Kondomhersteller nach oben. Das fand ich völlig verrückt.

ZEIT ONLINE: Die Psychologie des Marktes.

Magnusson: Ja, die Zukunft der Aktie steckt in ihrer Geschichte, und die muss erzählt werden. Mich fasziniert die Verbindung zwischen Geld und Narration. Schon dieser Satz, der in der Branche oft fällt: "Die Story der Aktie ist intakt!" Ich habe mich immer gefragt, wieso es so wenig Romane darüber gibt. Geld beschäftigt uns ja alle. Da geht es um Träume, Macht, Liebe.

ZEIT ONLINE: Als der Autor in Ihrem Buch ein Foto von einem Börsenmakler in der Zeitung sieht, kommt ihm die Idee zu seinem nächsten Roman. In deutschen Zeitungen sah man das Motiv auch dauernd.

Magnusson: Ja, immer verzweifelte Spekulanten vor fallenden Aktienkurven. Viele davon habe ich mir ausgeschnitten, ein paar hingen an meinem Kühlschrank. Sie helfen, Abstraktes zu visualisieren, mich haben sie inspiriert.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie noch recherchiert?

Magnusson: Ich habe einen charmanten Brief an die Pressestellen der Banken geschrieben. Ich erklärte, dass ich gerne mit echten Bankern sprechen möchte und es mir nicht ums Klischee geht.

ZEIT ONLINE: Haben Sie auch erwähnt, dass Sie in dem Roman die Weltfinanz gegen die Wand fahren lassen?

Magnusson: Wohlweislich nicht. Ich besuchte in Frankfurt diese riesigen Händlersäle, unterhielt mich mit einzelnen Tradern über ihre Arbeit. Ich hatte ja wirklich keine Ahnung, etwa wie die Syntax der Transaktionen lautet, wie die Order formuliert werden. Ein Klischee stimmt übrigens tatsächlich: Der Junkfood-Konsum ist immens.

ZEIT ONLINE: Wie bei Ihrem Protagonisten, der dauernd Schokoriegel in sich reinstopft. Wie tickt denn nun so ein Börsianer?

Magnusson: Sie haben ein Bewusstsein für Mechanismen, über die wir kaum nachdenken. Wir halten etwa Preise eher für statisch, es erscheint uns zahlenmäßig fassbar, rational und vernünftig. Für die ist das alles flexibel, gestaltbar.

ZEIT ONLINE: Und Sie lassen alles kaputtgehen. War es aus Spaß an der Destruktion?

Magnusson: Wenn schon, denn schon! Außerdem: Während alles zusammenbricht, entsteht eine Liebesgeschichte. In Zuhause warf ich einen unromantischen Blick auf Island, hier bringe ich eben Romantik in die Finanzwelt.

ZEIT ONLINE: Sie lassen einen einzelnen Mann ein weltweites Finanzchaos verursachen. Wo bleibt da die Systemkritik?

Magnusson: Die ist in einem Roman, in dem es um Liebe geht, völlig fehl am Platz. Der Typ ist weder Hochstapler noch Gutmensch, sondern ein Underdog, der versucht, sich zu retten. Ich wollte keine Kritik und keine Apologie liefern, sondern eine Beschreibung dessen, was in zwischenmenschlichen Konstellationen passieren kann. Nehmen Sie es einfach als Metapher für die Abhängigkeit der Banken untereinander.

ZEIT ONLINE: Was dachten Sie, als Ihre Fiktion von der Realität eingeholt wurde?

Magnusson: Ich bin wohl der einzige Mensch, für den es keine finanzielle, sondern eine künstlerische Katastrophe war. Ich dachte: Oh Gott, jetzt muss ich lauter aktuelle Dinge einfügen. Und, schlimmer: Oh Gott, jetzt muss das Buch in einem halben Jahr fertig sein! Ich war damals writer in residence in Iowa City von August bis November 2008. Obama wurde gewählt, und die Finanzwelt brach zusammen. Aber von der Krise bekam man dort wenig mit, alle dachten, das geht vorbei. Obama übertrumpfte alles, auch in Chicago, wo ich öfter hinfuhr.

ZEIT ONLINE: Dort spielt der Roman. Weshalb eigentlich?

Magnusson: Es sollte ums Verrecken nicht New York sein. Das wäre zu nahe liegend gewesen. Und kein deutscher Autor hat meiner Meinung geschafft, diese Stadt adäquat zu porträtieren. Da rauchen dann immer die Gullydeckel und die gelben Taxen brausen vorbei, das wollte ich nicht. Chicago ist unverbraucht.

ZEIT ONLINE: Sie kennen den Crash und seine Folgen aus drei Ländern: USA, Deutschland und Island, der Heimat Ihres Vaters. Gab es Unterschiede?

Magnusson: Überall gab es eine Diskrepanz zwischen der Berichterstattung und der Realität.

ZEIT ONLINE: Auch in Island, wo die ganze Bevölkerung demonstrierte und Neuwahlen erreichte? Eine solche Politisierung soll es dort nie gegeben haben. Stimmt das nicht?

Magnusson: Doch, dort hatte die Krise in der Tat Einfluss auf die gesamte Bevölkerung. Aber Island mit seinen 300.000 Einwohnern merkt Ausschläge eben sofort. Als Halldór Kiljan Laxness den Literaturnobelpreis erhielt, war Island sofort das Land mit der höchsten Dichte an Literaturnobelpreisträgern. In der Wirtschaft ist das eben ähnlich.

ZEIT ONLINE: Dem Ganzen ging eine Hochphase voraus. Wie haben Ihre Verwandten und Freunde diese Zeiten erlebt?

Magnusson: Im Boom war es normal, alle fünf Jahre zu renovieren. Eine Freundin versuchte vor ein paar Jahren vergeblich, ihre gebrauchte Küche zu verschenken. Die Welt schaute damals auf Island, man dachte dort: Wir sind endlich mal wer. Freilich war keiner geneigt, das Ganze zu hinterfragen. Aber ein Punkt ist mir in diesem Zusammenhang sehr wichtig.

ZEIT ONLINE: Was denn?

Magnusson: Risikofreude gehörte in Island immer schon dazu, Sicherheitsdenken weniger. Ein risikoscheuer Menschenschlag wäre ja nie auf die Idee gekommen, in einem offenen Boot auf eine entlegene Insel zu schippern, der wäre in Norwegen geblieben. Island ist eben ein enorm optimistisches und tatkräftiges Land.

ZEIT ONLINE: Waren Sie während der Revoltenwochen dort?

Magnusson: Gleich auf dem Rückweg von den USA. Es war verrückt: Bei Ikea waren alle Töpfe ausverkauft, nirgends gab es Kochlöffel – die brauchten alle für die Demonstrationen. Man muss wissen: Vorher gab es keine Arbeitslosigkeit, auf einmal waren es sieben Prozent. An der Oberfläche ist alles normal, keiner hortet Dosengemüse. Aber sie sind vorsichtig geworden, verreisen nicht mehr, die Währung ist nur noch halb so viel wert, dafür gehen sie mehr aus. Bis heute weiß keiner so genau, wie viel Schulden er genau hat. Das macht die Situation so unheimlich. Aber ich bin optimistisch. Sie haben den Fischfang, billige Energien und den Tourismus. Alles strömt ja jetzt nach Island.

ZEIT ONLINE: Wenn das nicht der ideale Schauplatz für eine Geschichte über die Finanzkrise ist!

Magnusson: Theoretisch. Aber ich will nicht der Islandonkel werden. Im Buch fliegt jemand drüber, das reicht.

Das Gespräch führte Anne Haeming

 
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