Sein letztes Wort wurde im Juni 1965 gedruckt: Hapworth 16, 1924, eine Kurzgeschichte, erschienen im New Yorker, bloß wenige Seiten lang. Jerome D. Salinger lebte da schon einige Jahre fernab der Öffentlichkeit. Keine Interviews, keine Lesungen, Fotos verbat er sich. Salinger war 34, als er aus dem Literaturbetrieb ausstieg. Manche Schriftsteller haben das getan, versteckten sich einstweilen, aber bloß wenige konnten es sich allzu lang erlauben, ohne dass sie in Vergessenheit gerieten. Salinger hatte zuvor einen einzigen Roman geschrieben, und bis heute genügt er zum Ruhm, 59 Jahre ist das her.

Der Fänger im Roggen, die Geschichte von Holden Caulfield, einem Internatsschüler, von New York und der Verlogenheit der Welt. "Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen..." – so beginnt dieses schmale Büchlein, und es gibt nicht wenige, die behaupten, Salinger habe damit der amerikanischen Nachkriegsliteratur einen neuen Sound gegeben. Aber wie auch immer man das bezeichnen mochte: So etwas hatte man bis dahin nicht vernommen.

Diesen Ekel vor der Erwachsenenwelt, beschrieben in der verletzlichen und großkotzigen Sprache eines 16-Jährigen, der kurz vor Weihnachten, in Zeiten besinnlichen Glücks, durch die Großstadt treibt. Die dröhnende Sinnlosigkeit, am lautesten zu hören in den leer hallenden Momenten, in denen Holden von Cocktailbars zu Hotels zieht, hier ein paar ältliche Frauen trifft und dort seine verpickelten Schulkameraden vermutet. Paul Ingendaay schrieb dazu 2003 in der FAZ: "Es gibt Bücher, die reine Gegenwart sind, nicht Erkenntnis, sondern Ausdruck." Treffender lässt sich Salingers Roman kaum beschreiben.

Seine Figuren sind überfordert vom Übermaß an Gegenwart: Die exzentrischen Mitglieder der Familie Glass, in den Kurzgeschichten und Fragmenten, kreisen um Religion und eherne Bildungsideale, an denen sie letztlich zerbrechen. Vor allem Seymour, der höchstbegabte Junge, der es früh zum Professor bringt und sich schließlich, gefangen zwischen Hochbegabung und Zweifeln, erschießt. Seine Schwester Franny, die von Käsebrot und Cola lebt und in einem Restaurant betend kollabiert. Oder Zooey, ein Zyniker, der sich gelangweilt vom Amerika der Vierziger in die Badewanne verkriecht.

Der Familie Glass widmete Salinger den Großteil seiner Geschichten. Doch erscheinen sie zuweilen rätselhaft und unfertig. In Hapworth hinterlässt Seymour vor seinem Tod eine seitenlange Leseliste. In Franny und Zooey sind es zum Schluss lose Zitate aus Tolstoi, Kafka, der Bhagavadgita. Obwohl Salingers kunstvoll komponierte Prosa, seine feinen Dialoge auch darin zu finden sind – in der kompromisslosen Wucht konnte keine der Geschichten dem Fänger im Roggen gleichen.

Holden Caulfield, in seiner spöttischen Verweigerung und Rebellion, wurde zum Archetyp für Generationen von Jugendlichen, denen das Buch bald als Schullektüre begegnete. Sie identifizierten sich mit Holden. Der Coming-of-Age-Roman kam in Mode, und seither werben unzählige Klappentexte anderer Bücher mit der Chiffre, ein "neuer Fänger im Roggen" zu sein. Dabei wäre es wenig verwegen zu bezweifeln, ob diese wunderbar vage Wut auf die Welt noch einmal zu erreichen ist. Mehr als 25 Millionen Exemplare wurden bis heute vom Roman verkauft. Über den Erfolg des Buchs lässt sich seit 1951 viel erzählen.

Erst kamen die Anwälte, dann der Oberste Gerichtshof.

Über das Leben seines Autors hingegen kaum. In den wenigen Interviews, die Salinger seit seinem Rückzug gegeben hatte, sagte er, "dass er nur noch zum eigenen Vergnügen" schreibe. Im Nichtveröffentlichen liege "ein wunderbarer Frieden". Er hatte ihn selbst gewählt, und keiner sollte ihn stören. Immer wieder gab es akademische Schnitzeljagden, in denen aus den wenigen Werken leichthin autobiografische Schlüsse gezogen wurden – besonders aus den Geschichten über die Familie Glass, die die Beschäftigung mit dem Zen-Buddhismus und die antiakademische Haltung Salingers spiegelten. Sein Haus in New Hampshire belagerten Journalisten und Verehrer. Deren Berichte waren stets spärliche Protokolle von Vergeblichkeit. Salinger blieb unsichtbar, hinter Bäumen und einem zwei Meter hohen Zaun.

Schnell kamen Spekulationen, bald obskure Legenden: Er verbringe die Zeit in einem buddhistischen Kloster. Er schieße auf jeden, der sich seinem Anwesen nähere. Er züchte Pferde in Island oder Iowa. Er werde von der CIA überwacht. Er und Thomas Pynchon seien eine Person. Es gab rasch mehr Geschichten über Salinger, als er selbst je geschrieben hatte. Das Klatschbedürfnis kulminierte in der Biografie von Ian Hamilton im Jahr 1988. Erst kamen die Anwälte, dann der Oberste Gerichtshof. Viele Seiten mussten geschwärzt werden. Aus Salingers Briefen: alles gestrichen. Was stimmte und was nicht, wusste nur Salinger selbst. Zuletzt versuchte seine Tochter Margaret in dem Buch Dream Catcher das öffentliche Bild ihres Vaters einigermaßen zurechtzurücken, schilderte ihn jedoch als manischen, verbiesterten Mann. Seinem Werk konnte der Tratsch nichts anhaben.

In Deutschland hatte es Jahrzehnte gedauert, ehe es angemessen lesbar wurde. Lange musste man mit den Übersetzungen von Heinrich und Annemarie Böll vorlieb nehmen, die es etwas bieder ins Deutsche übertragen hatten. Ihnen lag allerdings die entschärfte Version vor, ohne die unzähligen "fucks" und "goddams", für die Salinger noch gelegentlich bewundert wird. Erst Eike Schönfelds Version kam vor sieben Jahren Salingers unmittelbarer Sprache sehr nahe – der Sprache eines der begabtesten Schriftsteller seiner Zeit.

Jerome David Salinger, 1919 in New York geboren, starb am 28. Januar in seinem Haus in Cornish (New Hampshire), 91 Jahre alt.