Schriftsteller Johannes Bobrowski Eigentlich ein Vertriebener

Johannes Bobrowski schrieb jenseits von Erika Steinbach ein Stück Weltliteratur über Vertreibung und Versöhnung. Eine Ausstellung erinnert nun an ihn. Von Fokke Joel

"Ich gewöhn mich ins Glück, / ich sage, es ist ganz leicht", zitiert der Dichter Christoph Meckel seinen Freund Johannes Bobrowski. Und erzählt von der letzten Zeit vor dessen Tod: "Schließlich wurde er immer müder. Das Gesicht mit den Pferdeaugen hing schwer nach vorn, und es war zu erkennen, dass er sich schleppte." Der Ruhm, Bobrowskis legendäres Talent zur Freundschaft und seine zeitraubende Arbeit als Lektor im Ostberliner Union Verlag, das alles war neben der Familie kaum noch zu bewältigen. Erst spät, 1961, war sein erster Gedichtband erschienen, Sarmatische Zeit. Im Jahr 1965 starb er im Alter von 48 Jahren an den Folgen einer Blinddarmentzündung.

Eigentlich war Johannes Bobrowski ein Vertriebener. Geboren wurde er 1917 im ostpreußischen Tilsit, die Familie erst nach Rastenburg, später nach Königsberg. Im Gegensatz zu Erika Steinbach und ihrem Vertriebenenverband stellte er die Oder-Neiße-Grenze nie infrage. Während Steinbach noch immer die politische Atmosphäre zwischen Deutschland und Polen vergiftet, empfand er Scham und Schuld gegenüber den Nachbarn. Als Beitrag zur Versöhnung wollte er mit seinen Gedichten einen "sarmatischen Diwan" schaffen, benannt nach dem antiken Wort für die Gegend zwischen Weichsel, Wolga, Ostsee und Schwarzem Meer. Eine poetisierte, aus der Erinnerung und Recherchen geborene Welt, die sich in Bobrowskis Lyrik auf den nördlichen Teil der antiken Gegend bezog – dort, wo er aufgewachsen war und er sich als Soldat einer Nachrichtenkompanie am Krieg beteiligt hatte.

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Die ersten Gedichte, die er schrieb, sind bereits Mitte der dreißiger Jahre entstanden. 1944 erschienen acht von ihnen in der Zeitschrift Das innere Reich, in der auch Autoren wie Günter Eich und Peter Huchel veröffentlichten. Die Gedichte von Letzterem waren es auch, die den Kriegsgefangenen, der in einem Bergwerk im Donezbecken arbeitete, tief beeindruckten. Wie bei Huchel spielen in Bobrowskis Versen Natur und Landschaft eine zentrale Rolle. Prägend für ihn war die multikulturelle Gegend um die Memel, wo Deutsche, Litauer, Polen, Russen und Juden bis zum zweiten Weltkrieg zusammenlebten. Auf der litauischen Seite des Flusses verbrachte er oft seine Ferien auf dem Bauernhof einer Tante. Hier zogen jüdische Wanderhändler und Zigeuner vorbei, Menschen, die später, als literarische Figuren, in seine Lyrik und Prosa eingehen sollten.

Doch trotz aller Bezüge zur osteuropäischen Landschaft sind Bobrowskis Gedichte keine Naturlyrik, kein reiner Ausdruck der Schönheit der Natur. Landschaft ohne Menschen, schrieb er einmal, das sei für ihn gar keine Landschaft. Andererseits sind es gerade die Naturbilder, die an Bobrowskis Gedichten zunächst faszinieren. Sie geben dem Leser in den teilweise schwierigen, in der Tradition moderner Lyrik schroff gegeneinander gesetzten Bildern eine Ahnung vom Verständnis. Mit der eigenen Naturerfahrung verknüpft, entfaltet sich an ihnen auch der Zauber seiner Verse: "Traum, / mit des Habichts Schrei / endend, dem Rauschen, / hoch, / Zeichen an bläulicher Wand, / gekratzt in den Mörtel / mit dem Nagelrand, Bild, / Abbild, / sarmatisch" (Stromgedicht).

Sarmatien, dieses poetisch-geografische Medium, in dem Bobrowski sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzte, erinnert gleichzeitig an den utopischen Heimatbegriff von Ernst Bloch, in dem Heimat als etwas beschrieben wird, was "allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war". Mit Beginn der sechziger Jahre begann Bobrowski seine literarische Suche nach dem verlorenen Land und der verlorenen Zeit auch mit kleinen Erzählungen und mit den Romanen Levins Mühle und Litauische Klaviere. Für seine kurze Prosa sah er sich in der Mitte eines Dreiecks zwischen Isaac Babel, Robert Walser und dem ostpreußisch-litauischen Schriftsteller Hermann Sudermann. Manchmal nur wenige Seiten umfassende Texte, die er, wie viele Gedichte und Teile seiner Romane, aufgrund von Zeitmangel auf den täglichen S-Bahn-Fahrten zum Union Verlag schrieb.

Der Roman Levins Mühle. 34 Sätze über meinen Großvater war es dann, der Bobrowski über seinen Tod hinaus berühmt machen sollte. Die Handlung des Buches ist in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts angesiedelt. Der Großvater des Erzählers, der eine Mühle in einem ostpreußischen Dorf betreibt, beseitigt die Konkurrenz, indem er mithilfe von aufgestautem Wasser die am unteren Ende des Bachlaufs gelegene Mühle des Juden Levin wegschwemmt. Als Levin sich vor dem Kreisgericht wehren will, versucht er die Klage mithilfe von Einfluss und Geld abzuwenden.

Leser-Kommentare
  1. Was mich an Ihrem Artikel nachhaltig stört, sind die beiden Sätze:
    „Im Gegensatz zu Erika Steinbach und ihrem Vertriebenenverband stellte er die Oder-Neiße-Grenze nie infrage. Während Steinbach noch immer die politische Atmosphäre zwischen Deutschland und Polen vergiftet, empfand er Scham und Schuld gegenüber den Nachbarn.“
    Sie stören mich deswegen, weil Sie sich - mehr so zwischen den Zeilen – von dem für alle geltenden Völkerrecht komplett lösen. Die Vertriebenen sollen gefälligst auf ihre Rechte aus dem Völkerrecht komplett verzichten.
    Sie sollen schweigen zu
     der an Ihnen gravierend verletzten Menschenwürde, die schon in Artikel 1 unseres Grundgesetzes Basis für alle anderen Grundrechte ist,
     der ihnen gegenüber vorgebrachten Pauschalbeschuldigung, Nazi-Verbrecher ge-wesen zu sein und
     deswegen gewissermaßen zu Recht mit Waffengewalt aus ihrer Umgebung, in der sie schon seit Jahrhunderten gelebt hatten, verjagt worden zu sein.
     dem Raub jeglichen mobilen und immobilen Eigentums ebenso wie
     zu den 2,2 Millionen Toten, die erschlagen, erschossen, zu Tode vergewaltigt… worden sind: Selbst schuld sind sie gewesen!
    Wer so argumentiert, bereitet schon der nächsten Vertreibung und dem damit notwendi-gerweise verbundenen Unrecht den Boden.
    Die von allen - auch von den Vertriebenen - gewünschte Versöhnung kann nur auf dem Boden des Völkerrechtes und der Wahrheit gedeihen.
    Karin Zimmermann, geb. Hannebauer
    [Entfernt. Bitte überlegen Sie sich gut, ob Sie private Daten im Internet veröffentlichen möchten. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

    • hagego
    • 01.02.2010 um 13:49 Uhr

    (Betr. Kommentar 1):

    Der Artikel von Fokke Joel über den Schriftsteller Johannes Bobrowski erwähnt im Introtext Erika Steinbach und vergleicht dann deren Einstellungen im weiteren Text, bezogen auf die Oder-Neiße-Grenze. Vielleicht wäre dieser Vergleich in dem Artikel gar nicht nötig gewesen?

    Und so muss der Mittelpunkt all unserer Betrachtungen in diesem Thread nicht etwa E. Steinbach und der Vertriebenen-Verband sein (diesbezügliche Artikel und Kommentare gibt es, auch hier auf ZEIT-Online), sondern der 1965 verstorbene Schriftsteller Johannes Bobrowski. Und mit der Steinbachschen Hartnäckigkeit gegenüber Polen hätte Bobrowski, so meine - zugegeben subjektive - Einschätzung große Probleme.

    Weil für Bobrowski die Memelsche Gegend auch Gegenstand seiner Gedanken und Verse war, spielt diese "regionale Natur" in seinem OEuvre eben auch eine prägende Rolle. Trotzdem wäre ihm nie in den Sinn gekommen, diese "Heimat" für sich zu reklamieren.

    Meiner Einschätzung nach war Johannes Bobrowski kein Vertriebener, sondern eher ein "getriebener" Lyriker und Schriftsteller. Gut, dass eine Ausstellung jetzt an ihn und sein Werk erinnert.

    • th
    • 01.02.2010 um 14:41 Uhr

    den juckt es in den Fingern, und er kann einfach nicht darauf verzichten, nebenbei mal eben schnell ein bißchen an der gerade aktuellen Mobbing-Kampagne teilzunehmen - zur Zeit ist es immer noch E.S., vorher wars A.Ypsilanti, wer wird der/die nächste sein?

    Auch dem Autor müßte irgendwann aufgefallen sein, dass Johannes Bobrowski in der DDR 1965 gestorben ist, während E.S. seit 1990 (25 Jahre später) Abgeordnete und seit 1998 Vorsitzende (> 30 Jahre später) des Bundes der Vertriebenen ist. Was soll also der merkwürdige Hinweis?

    Und an die Zeit-Redaktion: was soll der Hinweis auf "Luftkriegs-Trauma" unter der Überschrift "mehr zum Thema"? Meint man, ostpreussische Landschaft und Luftkrieg gegen Großstädte gehörten zusammen, weil beide Teil einer verquasten "Debatte" seien?

    Das hätte ein guter Artikel über Bobrowski und seine verlorene Heimat werden können. Schade.

  2. Den "Umsiedler" (DDR-Jargon) Bobrowski zu benützen, um E. Steinbach was reinzuwürgen,ist Leichenfledderei!

    • hojeka
    • 04.02.2010 um 18:57 Uhr
    5. Gern

    Ich würde gern mehr von und über Bobrowski lesen, ohne den wohl heute üblichen Beigeschmack von Politik und scharfen Stimmen, Bobrowski war ganz anders als Autor: leise und langsam. Deshalb gefällt er vielen, denen das Heute und Hier so schnell und laut vorkommt und untief, daran wäre auch die Journalistin dieses kleinen Artikels beinahe gescheitert.

    • PiFo
    • 03.12.2010 um 18:23 Uhr

    Bitte diskutieren Sie in Kommentaren das Thema des Artikels, wie es die Netiquette vorsieht. Danke, die Redaktion/fk

    Kann es nicht sein, dass die Gegner von S21, von der jüngsten Weltfinanzkatastrophe traumatisiert, in dem ebenfalls Unsummen verschlingen sollenden Stuttgarter Bauloch unterschwellig den Abgrund wiedererkennen, an dessen Rande wir seitdem mehr oder weniger nahe stehen ? Wenn dem so ist : Sollte man dieses Empfinden nicht beachten ?

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