Schriftsteller Johannes Bobrowski Eigentlich ein VertriebenerSeite 2/2

Levins Mühle ist ein wunderbarer Roman, der oft tragik-komisch die Vorgeschichte dessen erzählt, was in der Folge auch Bobrowski zu einem Vertriebenen gemacht hat. Ein Buch über die Macht der Deutschen im Osten, die Polen, Litauer und Juden zu verdrängen versuchen, aber auch über ihre Machtlosigkeit gegenüber einer Menschlichkeit, die nicht an Landbesitz, Geld und Einfluss gebunden ist. Obwohl Bobrowski den sozialistischen Realismus offiziell verteidigt hat, geht dieses Buch weit über Täter-Opfer-Klischees und die heldenhafte Rolle des Proletariats hinaus. Eine einfache Geschichte aus der Provinz, die – wie die sarmatischen Gedichte – zeitlos ist.

Als Bobrowski am 10. September 1965 starb, hinterließ er eine Familie und sein Arbeitszimmer. Die Familie beließ es so, wie es war und bis vor Kurzem noch konnte man es nach Absprache mit seinem Sohn in der Ahornallee 26 in Berlin Friedrichshagen besichtigen. Ein Zimmer, das nach und nach zur Legende wurde, dem der Schriftsteller und Verleger Gehard Wolf mit seinem Buch Beschreibung eines Zimmers. Fünfzehn Kapitel über Johannes Bobrowski ein Denkmal setzte. 2008 übernahmen dann die Historischen Sammlungen der Landesbibliothek Berlin die rund 2200 Bücher des Dichters. Bis zum 31. März sind einige von ihnen im Lesesaal der Sammlung in einer kleinen Ausstellung zusehen, zusammen mit Fotos und anderen Zeugnissen des Dichters. Das Arbeitszimmer aber ist nun Geschichte. Es ist der Wunsch nach Verkörperung, der die Besucher darin ein Stück Sarmatien suchen ließ. Sarmatien, dass es doch nur in den Gedichten und Erzählungen von Johannes Bobrowskis gibt.

 
Leser-Kommentare
  1. Was mich an Ihrem Artikel nachhaltig stört, sind die beiden Sätze:
    „Im Gegensatz zu Erika Steinbach und ihrem Vertriebenenverband stellte er die Oder-Neiße-Grenze nie infrage. Während Steinbach noch immer die politische Atmosphäre zwischen Deutschland und Polen vergiftet, empfand er Scham und Schuld gegenüber den Nachbarn.“
    Sie stören mich deswegen, weil Sie sich - mehr so zwischen den Zeilen – von dem für alle geltenden Völkerrecht komplett lösen. Die Vertriebenen sollen gefälligst auf ihre Rechte aus dem Völkerrecht komplett verzichten.
    Sie sollen schweigen zu
     der an Ihnen gravierend verletzten Menschenwürde, die schon in Artikel 1 unseres Grundgesetzes Basis für alle anderen Grundrechte ist,
     der ihnen gegenüber vorgebrachten Pauschalbeschuldigung, Nazi-Verbrecher ge-wesen zu sein und
     deswegen gewissermaßen zu Recht mit Waffengewalt aus ihrer Umgebung, in der sie schon seit Jahrhunderten gelebt hatten, verjagt worden zu sein.
     dem Raub jeglichen mobilen und immobilen Eigentums ebenso wie
     zu den 2,2 Millionen Toten, die erschlagen, erschossen, zu Tode vergewaltigt… worden sind: Selbst schuld sind sie gewesen!
    Wer so argumentiert, bereitet schon der nächsten Vertreibung und dem damit notwendi-gerweise verbundenen Unrecht den Boden.
    Die von allen - auch von den Vertriebenen - gewünschte Versöhnung kann nur auf dem Boden des Völkerrechtes und der Wahrheit gedeihen.
    Karin Zimmermann, geb. Hannebauer
    [Entfernt. Bitte überlegen Sie sich gut, ob Sie private Daten im Internet veröffentlichen möchten. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

    • hagego
    • 01.02.2010 um 13:49 Uhr

    (Betr. Kommentar 1):

    Der Artikel von Fokke Joel über den Schriftsteller Johannes Bobrowski erwähnt im Introtext Erika Steinbach und vergleicht dann deren Einstellungen im weiteren Text, bezogen auf die Oder-Neiße-Grenze. Vielleicht wäre dieser Vergleich in dem Artikel gar nicht nötig gewesen?

    Und so muss der Mittelpunkt all unserer Betrachtungen in diesem Thread nicht etwa E. Steinbach und der Vertriebenen-Verband sein (diesbezügliche Artikel und Kommentare gibt es, auch hier auf ZEIT-Online), sondern der 1965 verstorbene Schriftsteller Johannes Bobrowski. Und mit der Steinbachschen Hartnäckigkeit gegenüber Polen hätte Bobrowski, so meine - zugegeben subjektive - Einschätzung große Probleme.

    Weil für Bobrowski die Memelsche Gegend auch Gegenstand seiner Gedanken und Verse war, spielt diese "regionale Natur" in seinem OEuvre eben auch eine prägende Rolle. Trotzdem wäre ihm nie in den Sinn gekommen, diese "Heimat" für sich zu reklamieren.

    Meiner Einschätzung nach war Johannes Bobrowski kein Vertriebener, sondern eher ein "getriebener" Lyriker und Schriftsteller. Gut, dass eine Ausstellung jetzt an ihn und sein Werk erinnert.

    • th
    • 01.02.2010 um 14:41 Uhr

    den juckt es in den Fingern, und er kann einfach nicht darauf verzichten, nebenbei mal eben schnell ein bißchen an der gerade aktuellen Mobbing-Kampagne teilzunehmen - zur Zeit ist es immer noch E.S., vorher wars A.Ypsilanti, wer wird der/die nächste sein?

    Auch dem Autor müßte irgendwann aufgefallen sein, dass Johannes Bobrowski in der DDR 1965 gestorben ist, während E.S. seit 1990 (25 Jahre später) Abgeordnete und seit 1998 Vorsitzende (> 30 Jahre später) des Bundes der Vertriebenen ist. Was soll also der merkwürdige Hinweis?

    Und an die Zeit-Redaktion: was soll der Hinweis auf "Luftkriegs-Trauma" unter der Überschrift "mehr zum Thema"? Meint man, ostpreussische Landschaft und Luftkrieg gegen Großstädte gehörten zusammen, weil beide Teil einer verquasten "Debatte" seien?

    Das hätte ein guter Artikel über Bobrowski und seine verlorene Heimat werden können. Schade.

  2. Den "Umsiedler" (DDR-Jargon) Bobrowski zu benützen, um E. Steinbach was reinzuwürgen,ist Leichenfledderei!

    • hojeka
    • 04.02.2010 um 18:57 Uhr
    5. Gern

    Ich würde gern mehr von und über Bobrowski lesen, ohne den wohl heute üblichen Beigeschmack von Politik und scharfen Stimmen, Bobrowski war ganz anders als Autor: leise und langsam. Deshalb gefällt er vielen, denen das Heute und Hier so schnell und laut vorkommt und untief, daran wäre auch die Journalistin dieses kleinen Artikels beinahe gescheitert.

    • PiFo
    • 03.12.2010 um 18:23 Uhr

    Bitte diskutieren Sie in Kommentaren das Thema des Artikels, wie es die Netiquette vorsieht. Danke, die Redaktion/fk

    Kann es nicht sein, dass die Gegner von S21, von der jüngsten Weltfinanzkatastrophe traumatisiert, in dem ebenfalls Unsummen verschlingen sollenden Stuttgarter Bauloch unterschwellig den Abgrund wiedererkennen, an dessen Rande wir seitdem mehr oder weniger nahe stehen ? Wenn dem so ist : Sollte man dieses Empfinden nicht beachten ?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service