Vampirromane Die Blöde und das BiestSeite 2/2

Dabei sind, anders als Bella aus Twilight, nur die wenigsten Erzählerinnen einfache Mädchen: Viele können Gedanken lesen, sich verwandeln oder haben Vampire und Hexen als Eltern. Doch immer erst der Liebhaber bringt ihnen bei, die dunkle Seite an sich selbst zu akzeptieren: Paranormal Romances sind Bildungs- und Coming-of-Age-Romane. Es gibt Zehntausend Drecksäcke wie Spike. Aber kaum eine Buffy. Nicht der Vampir muss sich abmühen, um auf Augenhöhe zu kommen, sondern die schwache Frau.

Bereits in Twilight fühlt sich Bella neben ihrem hübschen Edward so fad und minderwertig, dass sie ihn anfleht, sie zu beißen. Als fiebrige, dem Tonfall und empfindsamen Motiven verpflichtete Geschichte ist sie dabei in ihren besten Momenten zwar kopf-, maß-, atemlos wie Sturmhöhe oder Die Leiden des jungen Werther. Doch der Figur der Bella fehlt jede Spannung: Sie bleibt ein Waschlappen, unsicher und nervös.

Etwas glücklicher sind die Kritiker darum mit Vampire Diaries, einer Serie (und Romanverfilmung) des Dawson's Creek-Autors Kevin Williamson. Auch hier begehrt ein Schulmädchen einen Vampir auf ihrer High School, doch die Figuren, Waisenkind Elena und den beiden Vampir-Brüder Stefan (gut) und Damon (böse), behalten jeweils ihren eigenen Dickkopf: Wortgefechte, schöne Popsongs, Eifersucht und Kleinstadt-Nostalgie. Eine recht zahnlose, aber doch solide Mischung.

Noch eigensinniger sind die Mädchen auf der Vampire Academy: In einer Internats-Welt zwischen Harry Potter und Hanni und Nanni, aber so flapsig wie ein Gossip Girl, versucht die Halbvampirin Rose ein Bodyguard für die Vampir-Prinzessin (und beste Freundin) Lissa zu werden. Doch dann verliebt sie sich in Dimitri, ihren Ausbilder. Was folgt, ist viel Geschnatter, aber wenig Substanz. Zwar steht, anders als überall sonst, in dieser Mädchen-Romanreihe die Freundschaft weit stärker im Fokus als Liebe. Mit Mitte 20 ist man von den zwei bleichen Zicken trotzdem schnell gelangweilt.

Fans von Spike sollen in Jeaniene Frosts erotischen Cat & Bones-Romanen bedient werden: Dort wird die dusslige Halbvampirin Cat von einem untoten Kopfgeldjäger zur Undercover-Mätresse ausgebildet. Der kühle Vampir hat exakt dieselben Attribute wie Spike: weißblond, spöttisch, eitel, mit britischem Akzent und schönen Wangenknochen stichelt er die naive Erzählerin, bis sie vor Verlangen bebt. "Meine Brüste sprengten fast den Push-up-BH!", japst Cat. Für solche Sätze hätte Buffy sie geohrfeigt. Oder gepfählt.

Emanzipierter ist True Blood, die neue Serie des American Beauty-Autors Alan Ball (ab April auf DVD). True Blood spielt im tiefsten Süden Lousianas und folgt der idealistischen, putzig-naiven Kellnerin Sookie. Mit ihrer Fähigkeit, Gedanken zu lesen, rettet Sookie dem traurigen Vampir Bill beherzt das Leben und zieht damit den Hass von ihren Menschenfreunden auf sich: Vorurteile, Sex, Gesellschaftskritik und viel grimmiger Redneck-Spaß – in True Blood haben die Frauen die Hosen an. Kein Meisterwerk. Aber ein rotziges und süffiges Vergnügen.

Das Beste, was das Genre derzeit zu bieten hat, stammt von Patricia Briggs: Dem Ruf des Mondes folgt Mercedes Thompson, einer Automechanikerin, die zur Kojotin werden kann. Ihr Nachbar ist ein Werwolf, ihr Kumpel ein Vampir, und innerhalb einer sehr bodenständigen, sympathisch lapidaren Alltagswelt versucht Mercedes, ihre Werkstatt zu führen und sich nicht ins Machtgerangel des Rudels ziehen zu lassen.

Ruf des Mondes hat die verwirrendste Kosmologie. Und ist trotzdem das klarste Buch: Denn im Gegensatz zu ihren blind schmachtenden Kolleginnen hat Mercedes eine eigene Stimme und einen scharfen Blick. Sie hat Charakter: Sie ist mehr Buffy als Bella. Am Ende scheint das der entscheidende Faktor zu sein für eine gute Paranormal Romance: Nicht unbedingt, wie stark die Frau in den Vampir verliebt ist. Sondern, wie stark die Leser die Erzählerin lieben. Und da bleibt noch viel ungenutztes Potenzial für starke, komplizierte Frauen, die sich in dunklen Beziehungen verlieren. Und dann, gegen alle Widerstände, neu zu sich selbst finden – und nicht in liebestrunkener Einfalt versinken.

 
Leser-Kommentare
  1. Der Autor sollte auch mal einen Blick auf die britische Serie "Being Human" werfen, die ganz ohne anhimmelndes Frauchen auskommt.

  2. ... "Menschenmädchen" im Film, so die Zielgruppe.

  3. Das ist ja gerade der Widerspruch mit dem eine junge Frau zurechtkommen muss: Sie kann viel wertvoller sein als z.B. Spike, ... aber nur wenn Sie seine Prüfungen und Tests besteht, hat Sie selber den Eindruck, nicht nur wegen Ihrer Äußerlichkeiten gemocht zu werden. Da "fühlt" es sich plötzlich "richtig" an mit diesem Kerl...

    • Pyr
    • 28.01.2010 um 10:17 Uhr

    Vielen Dank, das war Information über das Genre wie Gesellschaftskritik zugleich. :)

  4. Herr Mesch vergisst leider einige nicht weniger erfolgreiche Vampir-Serien, die junge Frauen als Hauptperson haben. Natürlich spielt auch hier die Zerrissenheit der weiblichen Hauptperson als Vampirin oder Halbvampirin im Verhältnis zum menschlichen Geschlecht eine wichtige Rolle, gesteht ihnen aber auch eine Handlungsfreiheit zu, die ihre Einschränkung durch emotionale Beschränktheit ausgleicht. Also nach dem Motto, dass die moderne junge Frau sich in der Liebe verlieren kann, aber dennoch Verantwortung in und für die Gesellschaft übernehmen kann.
    Beispiele hierfür sind: Blue Bloods, wo die Hauptdarstellerin, genauso wie in House of Night zur Weltenretterin aufsteigt (bei der ersten Serie mit einer Liebe gegen das Establishment in der zweiten mit polygamen Beziehungen). Was natürlich nichts über die Qualität der Serien aussagt (grandios schlecht in Qualität und Handlungsstrang).
    Nicht Vampir aber auch paranormal Romance ist Rachel Vincent 'Werecats' Serie. Wo es sich um Werkatzen handelt, also Werwölfe auf Katzenformat. Auch hier ist die Hauptperson weiblich und in dieser Serie (so platt sie auch sonst sein mag) geht es um den Kampf gegen das Patriarchat - also ganz entgegen der Meinung des Artikels. Vergewaltigung, Zwangsprostitution, Entmündigung und sexuelle Diskriminierung - spielt alles eine Rolle und wird thematisiert. Qualitativ besser als Blue Bloods und House of Night, aber natürlich auch kein Günter Grass.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn ich bei House of Nights über Polygamie schreibe, meine ich natürlich Polyandrie (nur leider wehrt sich die Hauptdarstellerin nicht wirklich gegen das Konzept der Monogamie, sondern kommt damit einfach nicht klar, aus Unentschlossenheit).
    Zweitens geht die Kritik an der Serie 'Vampire Academy' an der Linie des Artikels vorbei. So platt die Bücher auch sein mögen. Das Frauenbild ist doch ein anderes, als das in Twilight. In Vampire Academies nehmen sich die Frauen ihr Schicksal selbst in die Hand (gegen Heiratsabsprachen, jenseits von Prostitution, die auch ein Thema ist). Sie werden als weitgehend selbstbestimmte Akteurinnen dargestellt, die sich nicht von ihrem Geschlecht in ihrer Handlung beeinflussen lassen, sondern die Geschlechter sind wesentlich gleichgestellt.
    Von daher, egal wie blass die Serie sonst ist, passt sie nicht in eine Kritik des Frauenbildes in den Vampirserien hinein.

    Wenn ich bei House of Nights über Polygamie schreibe, meine ich natürlich Polyandrie (nur leider wehrt sich die Hauptdarstellerin nicht wirklich gegen das Konzept der Monogamie, sondern kommt damit einfach nicht klar, aus Unentschlossenheit).
    Zweitens geht die Kritik an der Serie 'Vampire Academy' an der Linie des Artikels vorbei. So platt die Bücher auch sein mögen. Das Frauenbild ist doch ein anderes, als das in Twilight. In Vampire Academies nehmen sich die Frauen ihr Schicksal selbst in die Hand (gegen Heiratsabsprachen, jenseits von Prostitution, die auch ein Thema ist). Sie werden als weitgehend selbstbestimmte Akteurinnen dargestellt, die sich nicht von ihrem Geschlecht in ihrer Handlung beeinflussen lassen, sondern die Geschlechter sind wesentlich gleichgestellt.
    Von daher, egal wie blass die Serie sonst ist, passt sie nicht in eine Kritik des Frauenbildes in den Vampirserien hinein.

  5. Wenn ich bei House of Nights über Polygamie schreibe, meine ich natürlich Polyandrie (nur leider wehrt sich die Hauptdarstellerin nicht wirklich gegen das Konzept der Monogamie, sondern kommt damit einfach nicht klar, aus Unentschlossenheit).
    Zweitens geht die Kritik an der Serie 'Vampire Academy' an der Linie des Artikels vorbei. So platt die Bücher auch sein mögen. Das Frauenbild ist doch ein anderes, als das in Twilight. In Vampire Academies nehmen sich die Frauen ihr Schicksal selbst in die Hand (gegen Heiratsabsprachen, jenseits von Prostitution, die auch ein Thema ist). Sie werden als weitgehend selbstbestimmte Akteurinnen dargestellt, die sich nicht von ihrem Geschlecht in ihrer Handlung beeinflussen lassen, sondern die Geschlechter sind wesentlich gleichgestellt.
    Von daher, egal wie blass die Serie sonst ist, passt sie nicht in eine Kritik des Frauenbildes in den Vampirserien hinein.

    Antwort auf "zumindest mal halb"
    • WuDang
    • 28.01.2010 um 11:43 Uhr
    7. Also

    die beschriebene Sexscene mit S.M.Gellar entspricht ja wohl eher den feuchten Träumen des Autors als der Serie. Auch, dass sich Buffy abmühen müsste, mit Spike auf Augenhöhe zu gelangen ist Quatsch. In der Serie, die jahrelang gelaufen ist und auf DVD erschienen, ist Buffy durchwegs die überlegene, wenn auch zuweilen verzweifelte Heldin und Spike ein hilfloser Trottel, der erst ganz zum Schluss die Gelegenheit zur Sühne für sein lausiges, böses Leben in der Selbstopferung sieht. Passt aber zu den Artikeln betreffs Avatar.
    Eine neiderboste selbsternannte intellektuelle Elite zieht gegen eine erfolgreiche Popkultur vom Leder, ohne eine Ahnung zu haben, um was es da eigentlich geht. Natürlich darf ein Hinweis auf diesen völlig schwachsinnigen Goethe-Bestseller "Werther" nicht fehlen, um die akademische Kultur des Autors zu unterstreichen. Bei der er bleiben sollte. Einem Joss Whedon ist er nicht gewachsen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Freier Autor
    • smesch
    • 28.01.2010 um 12:04 Uhr

    Ich schrieb, in ANDEREN Reihen müssen sich die Mädchen abmühen, um auf Augenhöhe des Vampirs zu kommen.

    Aber bei Buffy ist tatsächlich das Mädchen die Starke und der Vampir in der Bringschuld: Lesen Sie noch mal nach - wir beide sehen das gleich.

    Zu "Twilight" und "Werther": Szenen wie neblige Wiese, gespickt mit blauen Blumen... das sind (visuelle) Zitate und der Tonfall aus der Romantik. Eine deutliche (und wohl: bewusste) Traditionslinie.

    Ernsthaft: Wenn heute eine "Werther"-Verfilmung anstünde... ich würde die "Twilight"-Regisseurin anrufen. Und könnte sicher sein, dass sie das gut macht.

    Freier Autor
    • smesch
    • 28.01.2010 um 12:04 Uhr

    Ich schrieb, in ANDEREN Reihen müssen sich die Mädchen abmühen, um auf Augenhöhe des Vampirs zu kommen.

    Aber bei Buffy ist tatsächlich das Mädchen die Starke und der Vampir in der Bringschuld: Lesen Sie noch mal nach - wir beide sehen das gleich.

    Zu "Twilight" und "Werther": Szenen wie neblige Wiese, gespickt mit blauen Blumen... das sind (visuelle) Zitate und der Tonfall aus der Romantik. Eine deutliche (und wohl: bewusste) Traditionslinie.

    Ernsthaft: Wenn heute eine "Werther"-Verfilmung anstünde... ich würde die "Twilight"-Regisseurin anrufen. Und könnte sicher sein, dass sie das gut macht.

  6. Freier Autor
    • smesch
    • 28.01.2010 um 12:04 Uhr

    Ich schrieb, in ANDEREN Reihen müssen sich die Mädchen abmühen, um auf Augenhöhe des Vampirs zu kommen.

    Aber bei Buffy ist tatsächlich das Mädchen die Starke und der Vampir in der Bringschuld: Lesen Sie noch mal nach - wir beide sehen das gleich.

    Zu "Twilight" und "Werther": Szenen wie neblige Wiese, gespickt mit blauen Blumen... das sind (visuelle) Zitate und der Tonfall aus der Romantik. Eine deutliche (und wohl: bewusste) Traditionslinie.

    Ernsthaft: Wenn heute eine "Werther"-Verfilmung anstünde... ich würde die "Twilight"-Regisseurin anrufen. Und könnte sicher sein, dass sie das gut macht.

    Antwort auf "Also"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • WuDang
    • 28.01.2010 um 12:23 Uhr

    stimmt.

    • WuDang
    • 28.01.2010 um 12:23 Uhr

    stimmt.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service