Einerseits schlimm: Der Held in diesem Buch leidet! Andererseits schön: Ein Gesamtwerk, das sich schnell lesen lässt. Zumal eins, das so beginnt: "Dieses Buch versammelt alles, was ich in meinen Schubladen finden konnte." Das jüngste Buch von Nicolas Mahler liegt vor, Autor und Zeichner, Österreicher, Jahrgang 69, in manch kleinem Kreis schon weltberühmt. Seit Jahren drucken die Titanic, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und La Repubblica seine Comics.

Eine Nase, vielleicht zwei Haare, manchmal Schlips, Hut, Brille – mehr brauchen seine Figuren nicht, die er mit meist knappen, absurden Worten und Pointen durch seine Bilder treibt. Mahlers Kunst ist die Reduktion. Seine mehr als 30 Bücher tragen Titel wie Zumutungen der Moderne oder Kunsttheorie versus Frau Goldgruber, und nun diesen: Längen und Kürzen – Das schriftstellerische Gesamtwerk Band 1. Eine, so was gibt’s jetzt auch, fein portionierte Literaturbetriebssatire.

Nicolas Mahler räsoniert in hoch vergnüglichen Briefen, Faxen, Gedichten, Postkarten und Comicstrips über die verschiedenen Be- und Empfindlichkeiten des Schriftstellers. Welche Zeugnisse hat uns die Weltliteratur schon davon hinterlassen: Kafkas Tagebücher, Kleists Briefe, Novalis’ Fragmente, Ciorans grantige Korrespondenz mit seinem Verleger Klett. Und so weiter. Das Literatenleben ist, wie Hans Magnus Enzensberger wusste, oft ein einsames: der olle Schreibtisch, die Isolation zwischen Büchern und dem leeren Blatt Papier, die Zweifel und das Ojemine von Misserfolg und mangelnder Aufmerksamkeit.

Mahlers Held darf so einiges durchmachen. Darüber schreibt er an seine Freundin Dorothee, die aber nie antwortet. Er seufzt, jammert, stöhnt und klagt, versinkt in depressiven Selbstgesprächen und Verzweiflungsprotokollen. Über die Buchhändler, die nicht wissen, wohin sie sein Buch stellen sollen. Über die ignoranten Kritiker, Käufer und Kollegen. Und wie steht's ums Äußere? "Ich finde mich eigentlich auf ALLEN Fotos zu klein."

Er spürt es in jenen Stunden: Die Erde ist von Lesern verlassen, die Buchmesse eine blöde Veranstaltung, der Literaturbetrieb eine große Sauerei. Die Briefe und Postkarten sind dennoch lustig, äußerst lustig sogar und mit naiver Hoffnung stets der Frage folgend: Was soll ich denn noch tun? Zum Beispiel einen Gedichtzyklus beginnen! Ein rotes Lesebändchen ins Buch heften! Dorothee lässt noch immer nichts hören: "Inzwischen mache ich mir ernsthaft Sorgen, ob Dir etwas zugestoßen sein könnte."

In den Comicstrips steht der Held vor dem Weltenlenkerschreibtisch seines Verlegers und präsentiert seine Werke. Der Verleger blättert und blättert, wortlos, seitenlang dehnen sich die Szenen dem vernichtenden Urteil entgegen. Zu Herrenwitzgedichten: "Sie kommen mit Gedichten und reden von Verkauf!" Zu experimentellen Texten: "Sie wollen mich ruinieren!" Zur frühen Biografie (erweiterbar, im Schuber): "Hinten ein Index mit bekannten Persönlichkeiten?" Und wo bleibt eigentlich der Roman? Autor: "Mir fehlt der Atem." 

Zu kurz, zu lang, zu banal, zu experimentell, zu lyrisch, und eigentlich fragen alle nur nach dem Roman. So wird das Seelchen des Schriftstellers von Betrieb und Leser gepiesackt. Noch schnell ein letzter Brief an Dorothee, ehe man hier kürzen muss: "Dieser Zwang, den Regeln des Marktes zu genügen, macht mir immer mehr zu schaffen." Stimmt! Da wird uns Nicolas Mahlers schmales Büchlein doch zur trefflichen Lektüre für die Zeit, in der wir Leser eifrig durch Frühjahrsprogamme blättern und der Literaturbetrieb allmählich warmläuft. Im Übrigen, soviel sei am Schluss noch angemerkt, hat Mahlers Comic die ideale Länge.