Literatur aus HaitiVerborgene Geschichten aus der Karibik

Haiti ist nicht nur eines der ärmsten Länder der Welt – es hat auch eine reiche literarische Tradition, die wir kaum kennen. von Leonie Meyer-Krentler

Der in Haiti geborene Autor Luis-Philippe Dalembert sagt, Haitianer verkörpern Gemeinschaft, Solidarität und Lebenskunst. Hier nehmen Hunderte von ihnen an einem öffentlichen Gebet teil.

Der in Haiti geborene Autor Luis-Philippe Dalembert sagt, Haitianer verkörpern Gemeinschaft, Solidarität und Lebenskunst. Hier nehmen Hunderte von ihnen an einem öffentlichen Gebet teil.   |  © Roberto Schmidt/AFP/Getty Images

Kurz vor dem verheerenden Erdbeben am 12. Januar in Haiti waren viele haitianische Autoren in ihre Heimat gereist: beim Treffen des haitianischen Schriftstellerverbandes PEN Haiti am 8. Januar in Port-au-Prince war die bevorstehende Katastrophe noch nicht vorherzusehen. Jetzt haben sich einige der Autoren, die das Beben überlebt haben, zu Wort gemeldet. Viele von ihnen schreiben zwischen den Welten, oft mit starkem Bezug nach Frankreich. In den letzten Jahren greifen einige haitianische Schriftsteller in der Tradition von Frankétienne, Nobelpreiskandidat 2009, aber auch vermehrt auf die kreolische Mündlichkeit zurück. In kreolischer Sprache und damit fern vom europäischen Markt vermitteln sie ein Wissen über Lebensrealitäten, die am Rande der derzeitigen Medienberichte über Haiti nur aufscheinen.

In Deutschland wird die haitianische Literatur bisher kaum wahrgenommen – so wie dem Land selbst kaum politische Bedeutung beigemessen wurde. Haiti ist aber nicht die Peripherie, als die es gilt: 1791 ging das Land als erstes und bis heute weltweit einziges aus einer erfolgreichen Sklavenrevolte hervor, früh proklamierte man Menschenrechte. 1804 folgte die Unabhängigkeit: eine schwierige, von den vier Kolonialmächten der Karibik hart umkämpfte Sonderstellung, die im Zusammenhang der französischen Revolutionsideale steht, aber nur durch horrende Zahlungen an die ehemalige Kolonialmacht durchgesetzt werden konnte.

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Eine Summe von 22 Milliarden Dollar Rückzahlung forderte der damalige Präsident Aristide 2004 von der französischen Regierung als Ausgleich für die "Reparationszahlungen“ aus dem 19. Jahrhundert, die als Schuldenlast den Grundstein für Haitis wirtschaftliche Lähmung gelegt hatten. Bezeichnend, dass diese Dimension der Ursächlichkeit – nicht zu vergessen auch eine zwanzigjährige US-Invasion zu Beginn des 20.Jahrhunderts – in der Berichterstattung der westlichen Welt offenbar kaum von Interesse ist. Der in Haiti geborene französische Schauspieler und Dramaturg Jean-René Lemoine hat in einem Artikel für die Libération treffend beschrieben, wie sich französische Medien in Klagen über die Ungerechtigkeit des Schicksals eines offenbar von Gott verlassenen Landes ergehen, das erst 2008 von vier Zyklonen heimgesucht worden sei.

Die Wissenschaft hat sich der verdrängten Bedeutung Haitis für die westliche Moderne in den letzten Jahren in einem "Haitian turn“ angenommen: Die Autorin Sybille Fischer (Modernity Disavowed, 2004) hat dazu das Standardwerk geliefert. Auf dem Feld der Literatur steht eine angemessene Rezeption noch aus, bietet doch die haitianische Literatur ungewöhnlich sprachmächtige Texte. Zu Unrecht völlig unbekannt ist in Deutschland etwa der Haitianer Jaques Stephen Alexis, dessen Erzählungsband Der verzauberte Leutnant 1984 spät und vereinzelt in deutscher Übersetzung erschien: Hier werden die mündliche Erzähltradition, das Haiti der Geschichtenerzähler, die Sinnlichkeit des Reisens und der Seefahrt, die alten Mythen, Lieder und Legenden Haitis lebendig. Alexis, unter Diktator François Duvalier 1961 hingerichtet, war ein hoch politischer Autor; in der Verbindung von massivem politischem Engagement und dem Potential zu innovativem poetischen Ausdruck ist er geradezu – wenn es den denn überhaupt gibt – ein typisch haitianischer Autor.

Georges Anglade, der große zeitgenössische Erzähler der mündlichen haitianischen Form der lodyans, ist an diesem 12. Januar in den Trümmern seines Hauses gestorben. 2008 hat der verdienstvolle litradukt-Verlag in Kehl, der sich insbesondere der haitianischen Literatur verschrieben hat, eine großartige Sammlung von Anglades Miniaturen unter dem Titel Das Lachen Haitis herausgebracht: Ein tragisch zum literarischen Testament gewordenes Buch, in dem Anglade von der Lebenskraft der Haitianer erzählt, von den vielen Geschichten, die auf den Marktplätzen und in den Schlafzimmern der Menschen spielen. Das Gemeinschaftliche und das vermeintlich Skurrile werden in Geschichten wie Das Zicklein mit dem Goldzahn handlungstragend: Anglade erzählt von dem im Voodoo verankerten, bis in den Gerichtssaal hineinreichenden Volksglauben an die Metamorphosen zwischen Mensch und Tier: "Zwölf Uhr. Die Anhänger einer Herkunft des Zickleins aus bürgerlichen oder zumindest wohlhabenden Kreisen sind ebenso zahlreich wie die seines volkstümlichen oder gar bäuerlichen Ursprungs…“.

Das Gemeinschaftliche, die Solidarität und Lebenskunst der Haitianer beschreibt auch der in Paris lebende Romancier Luis-Philippe Dalembert (unter anderem Die Insel am Ende der Träume, 2007), der das Beben in Port-au-Prince überlebt hat, in einem in den Tagen danach verfassten Artikel. Die internationalen Medien wählten von Anfang an andere Bilder aus als die, die sich ihm am meisten eingeprägt haben, sagt Dalembert: Bilder von Unruhen und Plünderungen statt Bilder der Solidarität. Dalembert hat im April 2009 das Erdbeben in den italienischen Abruzzen miterlebt, und sagt: Während man die Ereignisse in Italien als Erdbeben dargestellt habe, nehme man das Beben in Haiti im Ausland als Fluch wahr.

 Es stimmt, der Satz, Haiti sei das ärmste Land des amerikanischen Kontinents, wird in jedem der Berichte über das haitianische Erdbeben wiederholt. Haiti ist aber auch ein Land der großen schöpferischen Kraft, aus dem wir durch Initiativen wie die des litradukt-Verlegers und Übersetzers Peter Trier vereinzelte Nachricht bekommen. "Die Welt scheint zu verstehen, dass Haiti Teil von ihr ist" schreibt Jean-René Lemoine in Reaktion auf die internationale Hilfe für Haiti. Das wäre zu hoffen, auch im Literarischen. 

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Literatur | Karibik | Haiti | Autor | Erdbeben | Erzählungsband
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