Es scheint einerlei, ob einen der Hype befremdete oder man den Jubelarien zustimmte, die über Helene Hegemanns Romandebüt Axolotl Roadkill niedergingen. Das Schweizer Magazin nannte Hegemann ein "popkulturelles Aschenputtel", selbst Ursula März vernahm in der ZEIT das Grundgeräusch unserer Gegenwart. Fraglich ist nun, ob die Autorin nicht ihren Verlag und das deutsche Feuilleton an der Nase herum geführt hat. Die als "Wunderkind" (Spiegel) gefeierte Hegemann soll fleißig geklaut haben.

Am vergangenen Wochenende meldete sich der Blogger Deef Pirmasens zu Wort. In seinem Blog Die Gefühlskonserve verglich er Stellen aus Hegemanns Roman mit denen eines Berliner Bloggers namens Airen. Der hatte vor ein paar Jahren den Roman Strobo in dem kleinen Berliner Verlag SuKuLTuR veröffentlicht, gänzlich unbeachtet von der Literaturkritik. Die Ähnlichkeit der etwa ein Dutzend verglichenen Stellen ist in der Tat frappierend. Nicht nur der Inhalt, sondern insbesondere die Sprache stimmt, bis auf ein paar Umstellungen im Satzbau, größtenteils überein – eben jene radikale Sprache, für die Hegemann in den hochtönenden Rezensionen so bewundert wurde.

Die 17-jährige Autorin hat sich dazu geäußert. In ihrer Erklärung steht, sie habe sich "überall bedient, wo ich dachte, das entspricht jetzt der Lebensweise, über die ich schreiben will". Trotz des Plagiatsvorwurfs verteidige sie ihr Prinzip und ihr Buch, das die FAZ einen "Stellvertreterroman der Nullerjahre" nannte. Die Bezeichnung mag insofern zutreffen, als sich Hegemann jener Techniken bedient, die im vergangenen Jahrzehnt durchs Internet zur Blüte kamen:  Mash-Up, Copy&Paste und Remix. Doch kann sie sich darauf zurückziehen?

In ihrem leicht trotzigen Statement schreibt sie, es müsse "anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation." Vom Blogger Airen habe sie nur eine Seite abgeschrieben, sagt sie. Aber das sei legitim. Schließlich gäbe es Originalität sowieso nicht, "nur Echtheit". Die Autorin mag das so empfinden, anerkennen muss man es nicht. Anführungszeichen und Quellenangabe hätten es in diesem Fall getan, Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts hin, Popkultur her.

Im frühen 18. Jahrhundert konnte man bereits diese Haltung finden, der nach künstlerische Echtheit und ein lässiger Eigentumsbegriff sich nicht widersprechen. Der Dichter Christoph Martin Wieland schrieb dazu, den wahren Meister mache "nicht die Erfindung eines unerhörten Sujets, unerhörter Sachen, Charaktere, Situationen usw., sondern der lebendige Odem und Geist, dem er seinem Werke einzublasen vermag". Sein Zeitgenosse Lessing schrieb ähnliches in seiner Hamburger Dramaturgie: "Ich würde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich nicht einigermaßen gelernt hätte, fremde Schätze bescheiden zu borgen." Das war 1768. Wenig später begann man, den Gedanken des Urheberrechts weitaus strenger zu achten.

Nun, im digitalen Zeitalter, könnte man meinen, werde dieser Gedanke erneut haltlos. Kaum noch überprüfbar erscheint, was eigene Inspiration ist und was geklaut. Auf Hegemanns Sozialisation wird sowohl in der Erklärung des Ullstein-Verlags als auch in der FAZ hingewiesen. "Über die Verantwortung einer jungen, begabten Autorin, die mit der Sharing-Kultur des Internets aufgewachsen ist, mag man streiten", schreibt Hegemanns Verlegerin Siv Bublitz. Als Legitimation kann das kaum durchgehen, zumal Buchhandel und Feuilleton stets die Verwahrlosung des Urheberrechts beklagen, sobald von Googlebooks oder Musikpiraten die Rede ist. Die Ironie darin ist, dass sich ausgerechnet das Medium gegen Hegemann wendet, das zugleich als Kronzeuge für ihre Geisteshaltung bereitstehen muss: Nicht der Lektor bemerkte das Plagiat, es war ein Blogger.