Helene Hegemann Futter für die infantile Gesellschaft
Warum ärgern sich so viele über den Hype um Helene Hegemann? Weil ihr Roman einen Nerv der Zeit getroffen hat. Ein Kommentar
Es gibt drei Gründe, warum ein Roman und sein Verfasser zu einem Phänomen werden können: Erstens, das Buch birgt einen Skandal. Zweitens, es ist literarisch besonders gut. Drittens, es trifft einen Nerv der Zeit, ist Antwort auf eine gesellschaftliche Sehnsucht. Skandalös ist es zum Beispiel, wenn es verrucht, versaut ist, voller Drogen- und Sexexzessen steckt. Charlotte Roches Feuchtgebiete wurde auf diese Weise zum Renner. Oder der Roman provoziert eine Anklage, wie bekanntlich im Fall von Maxim Billers Esra. Schon also, wenn eines dieser Dinge zutrifft, ist der Verkauf in den Buchhandlungen gesichert. Wenn aber alle drei Kriterien zutreffen, ja, dann hat man wirklich einen Knaller vor sich, dann ist das Buch rasch vergriffen und die Journalisten bieten sich bei der Berichterstattung ein Wettrennen.
So gerade geschehen mit dem Debüt der jungen Helene Hegemann, die auf Fotos und in feuilletonistischen Porträts als das "Wunderkind der Bohème" gefeiert wird: Als Mädchen mit wirren Haaren und geheimnisvollem Blick, dauernd plappernd, und zwar schlaues Zeug, wie es die Journalisten von einer 17-Jährigen nicht zu erwarten scheinen. Enthusiastisch überschlagen sich die meisten Kritiker mit Lob für Hegemanns Roman mit dem Zungenbrechertitel Axolotl Roadkill. Nur wenige schauen dabei, was eigentlich hinter diesem Phänomen und der Begeisterung darum steht, was diese aussagt über uns selbst.
Und dabei sind es wiederum drei Gründe, die den Hype erklären helfen: Erstens, es herrscht eine Sehnsucht nach Helden oder sagen wir besser: Superstars, und zwar auch unter Intellektuellen, da muss man sich wohl nichts vormachen. Zweitens, Hegemann bietet das literarische Futter für die Infantilisierten unserer Gesellschaft, das heißt, auf die heute Mittdreißiger bis Mittvierziger in den Großstädten, deren Adoleszenzphase sich endlos verlängert, weil keiner mehr – genauso wie die Romanhauptfigur Mifti – so richtig erwachsen werden will. Und drittens ist Hegemann umgekehrt ein Beispiel, wie Kinder heute selbst schneller erwachsen und reif werden, sich multitaskingfähig und mutig hineinwerfen in Projektarbeiten.
Dass diese Heranwachsenden gleichzeitig gegen das Leben ihrer Eltern rebellieren, wie es im Roman zum Teil sehr treffend und sprachlich sehr gut, zum Teil aber auch überdreht- und überheblich-nervend geschildert wird, ist dabei nichts außergewöhnliches, so wie eigentlich nichts – zumindest nicht hintergründig – außergewöhnlich ist an den Figuren dieses Romans: Mit Mifti und ihren Freunden zeigt sich hier letztlich nur das, was zu jeder Pubertät, zu jedem Erwachsenwerden dazu gehört: Langeweile, Abschottung, Rebellion, eigene Grenzen austesten – und all dies, um irgendwann vielleicht einmal die eigenen Wünsche und eine eigene Identität zu entdecken.
Insofern ist Axolotl Roadkill tatsächlich, wie die FAZ schreibt, der Coming-Of-Age-Roman der Nullerjahre. Aber die fast schon hysterische Berichterstattung dazu ist selbst so überdreht, dass das eigentliche dabei übersehen wird: Das Normale, das Erwartbare, ja auch das Schwache – denn es gibt auch schlechte Sätze in diesem Buch, und das Schreiben solcher Formulierungen ("Ich bin sechzehn Jahre alt und momentan zu nichts anderem in der Lage, als mich trotz kolossaler Erschöpfung in Zusammenhängen etablieren zu wollen, die nichts mit der Gesellschaft zu tun haben, in der ich zur Schule gehe und depressiv bin") in assoziativ-fluidaler Abwechslung mit SMS- und Partysprache ist auch ein Ausprobieren der eigenen (in diesem Fall: literarischen) Fähigkeiten, auch das ein Teil des Erwachsenwerdens. Und dass Helene Hegemann viel ausprobiert, davon zeugen ihre anderen Projekte, das Theaterstück, das sie mit 15 schrieb, der Film (Torpedo), der letztes Jahr in die Kinos kam, ihr Schauspielengagement im Episodenfilm Deutschland 09 und ihr aktuelles Projekt mit René Pollesch.
Vor allem aber wird übersehen, welche Antwort auf welche Sehnsucht Helene Hegemann ist: Frisch, talentiert, sexy, haben wir hier den Superstar der Intellektuellen und eine Ikone der wilden Jugend, die niemand so gern ablegen will. Dass alles in ihrem Roman sehr überspitzt und – wie Hegemann selbst zu Recht immer wieder betont – fiktiv und nicht so autobiografisch ist, wie es scheinen mag, davon wollen sich viele Rezensenten nicht desillusionieren lassen, ein Umstand, auf den Hegemann in Interviews mit Ungeduld reagiert.
- Datum 05.02.2010 - 16:37 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Auf Axolotl, aber auch auf Menschen bezogen, fasst der Begriff der "Neotenie" das Phänomen meiner Meinung nach deutlich besser, als der Begriff "Infantilisiert".
eine user mit dem nickname "goebbelsS" (mit extra SS) wird hoffentlich bald gelöscht!
vielen dank
[Vielen Dank für diesen Hinweis. / Die Redaktion as]
eine user mit dem nickname "goebbelsS" (mit extra SS) wird hoffentlich bald gelöscht!
vielen dank
[Vielen Dank für diesen Hinweis. / Die Redaktion as]
nach dem anfänglich hype, der mittlerweile auch schon seit einer woche abgeklungen ist kommt jetzt die "nüchterne" einschätzung zu tage. spontane ausrufe zur emotionalen wucht des buches machen literarischer einordnung platz.
dass das buch den zeitgeist trifft und unsere in der jugend verhaftete gesellschaft entblöst ist kein neuer gedanke.
der kommentar liest sich vielmehr so, als wollten sie die wirre diskussion zusammenfassen und allen aufgegriffenen themen auf einen schlag "herr" werden. bevor ein solcher versuch gelingen kann müssen jedoch mehr als zwei wochen vergehen.
Schon wieder ein Artikel über Hegemann. "Die Zeit" trägt doch selbst zum hier kritisierten "Hype" bei.
Wer kritiert hier? Ein Hype um gute Literatur muss nicht kritisiert werden, mit anderen Worten: Hype wem Hype gebührt!
Ach...man kann's auch übertreiben.Vorschußlorbeeren.
Ach...man kann's auch übertreiben.Vorschußlorbeeren.
ich den ganzen Dreck lesen müsst, dann müsst ich ja auch Harry Schwachsinn lesen, nein Danke! Von dem Hype bekommt anscheinend auch nur ein illustrer Kreis etwas mit. Die Zeit wird zeigen ob es sich hier tatsächlich um ein Stück Literatur handelt, bis dahin ist mir meine Zeit zu schade jeden Hype zu untersuchen/mitzumachen, ich bin schließlich keine 16 jährige Teengöre.Aber wems schmeckt ne?!
Mann, oh, Mann!
Kehlmann war gestern! Hegemann ist heute! Und morgen? Hat das ZEIT-Feuilleton schon mal etwas von Jan-Peter Breukenbach gehört? Nee? Schade!
Dieser gerade 16 Jahre alt gewordene Schüler aus Bietigheim (30 km von Stuttgart entfernt) beendet zur Zeit seinen ersten Roman. Er wird im Herbst bei Diogenes erscheinen. Der Titel, noch als Arbeitstitel 'unterwegs': "Netz, Strümpfe und andere Kleinigkeiten. Aufzeichnungen eines gelangweilten Schülers."
Breukenbach, dessen Vater Uni-Professor in Freiburg ist, hat mir die ersten 22 Seiten seines Roman-Fragments zugeschickt. Mit der Bitte, mich selbst darüber zu äußern, aber vor allem, 'irgendwie' einen Kontakt zu Florian Illies oder David Hugendick oder vielleicht sogar zur feauilletonistischen Kultfigur Fritz J. Raddatz herzustellen.
Breukenbach hat eindeutig meinen Einfluss in der ZEIT-Online-Community überschätzt. Ich aber kann seine ersten Zeilen, inzwischen kenne ich weitere Seiten, gar nicht unterschätzen!
Inzwischen hat er für seine Kurzgeschichte "Das Maul, der Esel und meine verliebte Schwester" den "Young View"-Preis des "New Yorker" erhalten. Er setzte sich unter 491 Einsendungen durch, musste englisch, so weit es ging, amerikanisches Englisch, schreiben.
Kehlmann hat seinen Weg schon gemacht. Es wäre vermessen, dies abzustreiten. Der Hegemann-Hype läuft noch - schwer zu sagen, wie es mit dem "Wunderkind" weitergeht. Aber von Jan-Peter Breukenbach - da bin ich mir sicher - werden wir noch viel hören.
Ach...man kann's auch übertreiben.Vorschußlorbeeren.
(Ergänzung zum Kommentar 6)
Amelie Fried hat sich soeben sehr treffend über das Buch und die "Person Hegemann" in "Die Vorleser" im ZDF gäußert. Sie sprach davon, dass man ihrer Ansicht nach, Helene Hegemann geradezu vor dem "Hype Hegemann", also sozusagen vor sich selbst, schützen müsse. Das sehe ich auch so. Und habe dies mit meinen recht albernen Zeilen im Kommentar 6 versucht. "Ablenkung" - das war auch mein Stichwort, als ich die vielen, zumeist guten, manchmal viel zu guten Kritiken gelesen und gehört habe.
Ich habe das ja schon mal an anderer Stelle erwähnt. Es muss furchtbar sein, wenn du als Schriftsteller deinem Erstlingswerk später im Leben nur noch hinterher läufst. Und diesen allerersten Erfolg (= Hype) wohl nie mehr erreichst. Nie mehr erreichen kannst.
Die Zeiten ändern sich. Die Schriftstellerin, mit inzwischen ganz anderen Erfahrungen, ändert sich und schliesslich ändern sich auch die Leserinnen und Leser. Ja, sogar die Lesegewohnheiten ändern sich.
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Die Sendung "Die Vorleser" mit Amelie Fried und Ijoma Mangold gefällt mir nach wie vor. Ich merke das schlichtweg daran, dass ich denke, wenn sich beide von den Zuschauern verabschieden; schade, es könnte ruhig noch etwas weitergehen! Lediglich das Kumpanen-Du stört mich. Nicht, dass ich gegen das Duzen wäre, aber in der Sendung wäre die Netzer-Delling-Variante besser: "Dass hätten Sie kaum besser sagen können, Herr Delling, wenn es nicht grundweg verkehrt wäre!"
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Leser strahlen. Leserinnen auch.
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