"Ich ist ein anderer" schrieb der französische Dichter Arthur Rimbaud an seinen Freund Paul Demeny. Wie sehr passt dieser Satz zu dem südafrikanischen Autor J.M. Coetzee, der vor 70 Jahren, am 9. Februar 1940, in Kapstadt geboren wurde. In allen seinen drei autobiografischen Büchern, Der Junge, Die jungen Jahre und in dem gerade auf Deutsch erschienenen Im Sommer des Lebens lernt der Leser den Autor als Erzähler kennen, der nicht in der Ich-, sondern in der Er-Form über sich schreibt.

Bereits in der Kindheit, so steht es in Der Junge, wurde die Identität dieses "Er" immer wieder infrage gestellt. Wie schon sein Vater englisch erzogen, war gleichzeitig die Farm eines Onkels das zweite Zuhause des jungen John Maxwell. Hier spricht er Afrikaans, die Sprache seiner burischen Vorfahren, die einmal von den Niederlanden aus das Horn von Afrika kolonisiert hatten. "Afrikaans ist wie eine gespenstische zweite Haut, die er überall mitnimmt und in die er schlüpfen kann, wodurch er sofort zu einer anderen Person wird, schlichter, fröhlicher, leichtfüßiger." Gleichzeitig spürt er, dass etwas nicht stimmt in dem Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß, auch bei seinen Eltern nicht. "Es gefällt ihm nicht, wenn er Tryn auf den Knien vor dem Waschzuber antrifft, wie sie seine Sachen wäscht. Er weiß nicht, wie er ihr antworten soll, wenn sie ihn in der dritten Person anspricht, ihn Kleinbaas nennt, den kleinen Herrn, als wäre er nicht selbst anwesend. Das alles ist äußerst peinlich."

Scham und Schuld haben in Coetzees weißer südafrikanischen Mittelstandskindheit eine zentrale Rolle gespielt. Hier trifft er sich mit Kafka, über dessen Erzählung Der Bau er einen langen Essay geschrieben hat. Auch Kafkas Texte sind geprägt von einer diffusen, ungreifbaren Schuld. Hierin sowie in der nüchternen, präzisen Schreibweise Coetzees lässt sich gleichzeitig das calvinistische Erbe seiner holländischen Vorfahren erkennen.

Die Unsicherheit, die Der Junge zeigt, dieses "Ich ist ein anderer", hatte wohl auch Anteil an Coetzees unstetem frühen Lebensweg. An der Universität von Kapstadt schloss er noch sein Literatur- und Mathematikstudium ab, arbeitete dann in den sechziger Jahren in England als Programmierer für IBM, ging 1965 in die USA und promovierte an der University of New York in Buffalo über Beckett. 1972 kehrte er dann nach Südafrika zurück, wo er bis 2002 als Literaturprofessor an der Universität von Kapstadt gearbeitet hat. Seit 2002 wohnt Coetzee zusammen mit seiner Lebenspartnerin, der Literaturwissenschaftlerin Dorothy Driver, in Adelaide, Australien.

Doch bei aller Skepsis gegenüber dem traditionellen Erzählen sind Coetzees Bücher keine postmodernen Spielereien. Der Ernst, mit dem er schreibt, ist in jedem seiner Sätze spürbar. Seine frühen Romane Im Herzen des Landes und Warten auf die Barbaren sind zwar in einer fiktiven, historisch nur vage zu bestimmenden kolonialen Welt angesiedelt. Aber in dem darin beschriebenen Zerfall der auf Rassismus, Gewalt und sexueller Ausbeutung beruhenden Verhältnisse lässt sich ohne Probleme auch das Südafrika der Apartheid erkennen. In den späteren Romanen Coetzees drückt sich dann die Skepsis gegenüber authentischem Erzählen, dem "so-war-es", in der Erfindung der australischen Schriftstellerin Elisabeth Costello aus, die in "acht Lehrstücken" eigenwillige Vorträge über Literatur hält und sich für den Tierschutz engagiert.

Dass Coetzees Bücher nie politisch eindeutig sind und dem Leser die eigene Positionierung nicht einfach machen, hat ihm auch Kritik eingetragen. Sein Roman Schande, für den er 1999 zum zweiten Mal den Booker-Preis erhielt (das erste Mal 1983 für Leben und Zeit des Michael K.), wurde deswegen auch in Südafrika kritisiert. Dieses Buch erzählt auf traditionell-realistische Weise die Geschichte des alternden Literaturprofessors David Lurie. Von der Universität wegen einer zweifelhaften Affäre mit einer Studentin hinausgeworfen, fährt er auf die abgelegene Farm seiner Tochter Lucy. Als drei schwarze Jugendliche die Farm überfallen und Lucy vergewaltigen, kann er nichts dagegen unternehmen. Auch nichts gegen Lucys Willen, das daraus entstandene Kind auszutragen und keine Anzeige gegen die Jugendlichen zu erstatten. Nur so, meint sie, sei ein Leben auf der Farm möglich.

Ein Buch, dass weniger aufgrund seiner Schreibweise irritiert, als vielmehr durch seine Geschichte sowie die subtile Beschreibung der Figuren, von denen keine wirklich sympathisch ist. Das gilt auch für Lurie selbst, der in eine Situation gerät, in der von einem Moment auf den anderen sein auf Humanismus und schöner Literatur aufgebautes Leben wie ein Kartenhaus zusammenfällt.